Joseph Paul Jernigan war 39 Jahre alt, als man ihn 1993 in Huntsville, Texas, weges Mordes hinrichtete. Zehn Minuten nach der tödlichen Injektion wurde er von den Wissenschaftlern Dr. Spitzer und Dr. Ackerman in Empfang genommen und nach Denver transportiert. Dort wurde er von Scannern integral vermessen, auf minus siebzig Grad hinuntergefroren und in kobaltblaue Gelatine eingegossen. Zunächst schnitt man ihn in vier Blöcke. Danach wurden dünne Schichten von ihm abgetragen und digital fotografiert, um aus ihm einen digitalen Anatomieatlas zu machen. Was von ihm übrig blieb, war nur noch blauer Staub, Jernigan wurde nie beerdigt. Bei seiner Verurteilung hatte niemand geahnt, dass Jernigan einmal als "Visible man" im Internet auferstehen würde: Als erster vollständig digitalisierter Mensch, als Projekt des dritten Jahrtausends, als Prototyp menschlicher Anatomie.

Regisseur Kaspar Kasics Film über den ersten vollständig digitalisierten Menschen der Welt wirft eine Menge Fragen auf. Wusste Jernigan, auf was er sich einließ, als er seinen Körper der Wissenschaft zur Verfügung stellte? Oder darf die Wissenschaft die Intimsphäre eines Menschen auch nach dessen Tod in derartiger Weise verletzen? Wo liegen die Grenzen Wissenschaft? Kasic beschäftigt sich nicht nur mit diesen Fragen, sondern er geht weit in die Vorgeschichte der Strafsache zurück. Er sprach mit Jernigans damaliger Pflichtverteidigerin und seinem Berufungsanwalt. Ebenso kommt der Staatsanwalt zu Wort, aber auch Jernigans Familie, die sich jahrelang nicht zu den Vorgängen geäußert hat. Ihr war nicht klar, was mit dem Körper ihres Familienmitglieds geschehen würde, sie erfuhren erst aus dem Fernsehen von dem Projekt "Visible man". Eine unglaubliche Geschichte!

Foto: b.film