Thomas Braschs Existenz schwebte stets zwischen den Extremen Künstler oder Krimineller. Er wurde 1945 als Sohn jüdischer Emigranten im englischen Exil geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Familie in die sowjetische Besatzungszone, wo bald schon die politische Karriere seines Vaters begann. Thomas Brasch rebellierte früh gegen das System. Wegen "Verunglimpfung führender Persönlichkeiten der DDR" flog er von der Karl-Marx-Universität Leipzig. Seitdem lebte er im ständigen Konflikt mit dem Staat, so wurde etwa sein Erzählband "Vor den Vätern sterben die Söhne" in der DDR verboten. Seine Theaterstücke prägten die Literatur im Osten Deutschlands ebenso wie im Westen. Als Wegbegleiter von Heiner Müller und Matthias Langhoff, als Lebensgefährte von Katharina Thalbach ist er aus der deutsch-deutschen Theaterszene nicht wegzudenken ...

Nach Thomas Braschs Tod, der am 3. November 2001 im Alter von nur 56 Jahren an Herzversagen starb, fand man in seinem Nachlass 27 Stunden Filmmaterial, in denen der Schriftsteller, Dramatiker, Drehbuchautor, Regisseur und Lyriker sein Leben selbst dokumentierte. Braschs Freund und Kollege Christoph Rüter entdeckte in diesen Aufnahmen den rastlosen Schriftsteller und seine Begegnungen mit sich selbst. Der in Gelsenkirchen geborene Regisseur bemüht sich sich in seinem Dokumentarfilm sowohl um eine West- als auch um eine Ostperspektive auf Braschs Leben und Werk und schuf einen aufwühlenden, aber auch sinnlichen Film. Der bietet einen Zugang zu dem leidenschaftlichen, charismatischen Dichter und seinem Werk, aber auch ein Stück deutsch-deutscher Geschichte und deren Aufarbeitung. Rüter zeichnet aus der Vielzahl an unterschiedlichen Materialien - abgefilmte Theaterinszenierungen, Dokumentaraufnahmen, Interviews - ein vielschichtiges Bild des ewig grübelnden Künstlers. In weiten Teilen allerdings etwas langatmig und für Zuschauer, die von Brasch noch nie etwas gehört haben, recht sperrig inszeniert, gelangen Kenner seines Werkes zu neuen Einsichten in das Leben des Künstlers.



Foto: Neue Visionen/Oliver Herrmann