Die junge Bäuerin Marfa Lapkina wäre in ihrem bisherigen Leben beinahe krepiert. Mit Zähigkeit und Integrität wird sie nun zur Anführerin im Kampf um bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen. Durch ihre Energie wird eine Genossenschaft gegründet, und mit der neuen Aufgabe im Kollektiv findet sie allmählich aus der Tiefe ihrer Verzweiflung. Um den Viehbestand zu verbessern, werden Zuchtbullen für die Besamungsstation gekauft. Nach Rückschlägen gelingt das kollektivistische Experiment: Die Kühe geben reichlich Milch, die Erträge steigern sich. Auch die Menschen sind erwacht, haben ihre Situation erkannt und die sozialistische Chance wahrgenommen. Der Neue hat gesiegt, das Alte ist untergegangen.

Sergej M. Eisenstein greift in diesem sozialistischem Erbauungswerk die revolutionäre Fortschrittsbegeisterung in der damaligen Sowjetunion auf. Es sollte ein optimistischer, zukunftsfroher Film werden, der die Versöhnung von Stadt und Land durch die Mechanisierung und Kollektivierung der Landwirtschaft feiert. Keine Schauspieler, keine Schminke sollten den Blick auf die Realität verstellen, die es möglichst direkt einzufangen galt. Laien wurden verpflichtet, die keine Individuen spielen, sondern typische Vertreter der jeweiligen Berufs- und Klassenzugehörigkeit repräsentieren. Eine Methode, die sich in der künftigen Entwicklung von Eisenstein als Sackgasse erwies und nicht weiter verfolgt wurde. Doch die Nähe des Films zu einem aktuellen Programm der Partei wird Eisenstein zum Verhängnis. "Generallinie", so heißen in der Parteisprache die Maßnahmen zur Kollektivierung der Landwirtschaft. Es sind erzwungene Maßnahmen, die keine Chance lassen für eine langsame, behutsame Entwicklung zu Kooperativen, sondern unmittelbar zur Bildung von Kolchosen führen sollen. Immer wieder werden die entsprechenden Parteibeschlüsse revidiert und neugefasst mit direkten negativen Auswirkungen auf den Fortgang der Filmarbeiten. Schließlich verdammt Stalin, um die Entwicklung zu forcieren, die Kulaken zu einer "unwerten" Kaste, die vernichtet werden muss. Dass Millionen Tote die Folge sein werden, kann Eisenstein zu der Zeit noch nicht wissen. Eisenstein und Alexandrow schreiben das Drehbuch im Mai und Juni 1926, im Juli beginnen die Dreharbeiten, müssen jedoch im Dezember unterbrochen werden. Eisenstein hat den Auftrag erhalten, zum 10. Jahrestag der Revolution den Film "Oktober" zu drehen, der allerdings nach vielen Problemen erst am 24. März 1928 uraufgeführt werden kann. Anschließend nimmt er die Arbeiten zu "Die Generallinie" wieder auf. 1929 ist der Film endlich fertig - mit vielen von der Partei erzwungenen Änderungen. Stalin mag ihn nicht und will schon im Titel eine Distanz zur offiziellen Parteilinie. So wird der Film umbenannt in "Das Alte und das Neue". Eisenstein schildert diese im Grunde sehr eindimensionale Geschichte auf höchstem künstlerischen Niveau. Trotz der Parteiinterventionen sind Reste der ursprünglichen humorvollen Fröhlichkeit geblieben, so wenn die Begegnung zwischen Bulle und Kuh wie eine Hochzeit geschildert wird. Gleichwohl bleibt "Die Generallinie" für manche Kritiker Eisensteins umstrittenstes Werk. Eisenstein verlässt die Sowjetunion bereits vor der Musikbearbeitung. Die Uraufführung am 7. Oktober 1929 findet ohne ihn statt. Über Europa reist er, einer Einladung von Mary Pickford und Douglas Fairbanks folgend, in die USA. In Mexiko dreht er dann "Que viva Mexico!", wird aber mitten in den Arbeiten durch ein Telegramm Stalins zurückbeordert, womit ein weiterer seiner Filme zerstört ist. Der russische Filmwissenschaftler Naum Klejman hat die von der Partei erzwungene Fassung überarbeitet und die ursprüngliche Konzeption von Eisenstein soweit wiederhergestellt, wie es das erhaltene Material zuließ. Für diese Fassung schrieb 1997 der russische Komponist Taras Bujewski eine neue Musik, die in Berlin aufgenommen wurde.