In der oberitalienischen Stadt Ferrara beobachtet im Kriegsjahr 1943 der gelähmte Apotheker Barilari von seinem Fenster aus die Geschehnisse auf den Straßen, wo die faschistische Miliz mit eiserner Hand politische Widersacher verfolgt. Eines Tages begegnet seine Frau Anna zufällig ihrer Jugendliebe Franco wieder. Der ist vom Militär desertiert und versteckt sich seither im Haus seines Vaters. Bald flammt die alte Liebe zwischen den beiden wieder auf. Wenig später wird Francos Vater mit einer Gruppe anderer Männer von der Miliz ermordet. Doch es gibt einen Zeugen für das Massaker: Barilari, der am Fenster auf die Rückkehr seiner untreuen Frau wartete ...

Ein Meisterwerk des italienischen Kinos auf den Spuren der Epoche des sogenannten Neorealismus, der die ungeschminkte Lebenswirklichkeit zeigen wollte und durch Regisseure wie Rossellini, Visconti, Fellini oder De Sica als Antwort auf das faschistische Italien der Vierzigerjahre begründet worden war. Der aus Ferrara stammende Regisseur Florestano Vancini (1926-2008, "Bittere Liebe") verfilmte mit "Die Nacht von Ferrara" eine Geschichte des Dichters und Schriftstellers Giorgio Bassani (1916-2000, "Der Garten der Finzi Contini", "Brille mit Goldrand"), die dieser in seinen 1956 erschienenen Erzählungen "Cinque storie Ferraresi" veröffentlicht hatte. Eine dieser Geschichten befasste sich mit dem Massaker, das italienische Milizionäre 1943 an einem Dutzend Antifaschisten begangen hatten. Aus dieser wahren Vorlage entwickelte Vancani nach einem Drehbuch, an dem auch Bassanis Kollege Pier Paolo Pasolini mitwirkte, dieses bewegende wie glänzend gespielte Drama, das er mit einer fiktiven Liebesgeschichte verknüpfte. In der Hauptrolle der schönen Anna überzeugt die britische Schauspielerin Belinda Lee, die nur ein Jahr später im Alter von nur 25 Jahren bei einem Autounfall während eines Kalifornien-Urlaubs ums Leben kam. An ihrer Seite verkörpert Gabriele Ferzetti ("Spiel mir das Lied vom Tod", "James Bond 007 - Im Geheimdienst ihrer Majestät") gekonnt die Jugendliebe Franco, während Bruno Cervi, der als kommunistischer Bürgermeister in der "Don Camillo und Peppone"-Reihe bekannt geworden war, den üblen Faschistenführer Carlo Aretusi gibt. Und den gelähmten Apotheker Barilari, der zum Zeugen der brutalen Bluttat wird, verkörpert ebenso gekonnt Andrea Checchi ("Die Mauern von Malapaga", "... und dennoch leben sie"). Das in brillanten wie atmosphärisch dichten Schwarzweißbildern eingefangene Regiedebüt Vancinis wurde 1960 bei den Filmfestspielen von Venedig als bestes Erstlingswerk ausgezeichnet.

Foto: ARD/Degeto