Der Amerikaner Mister West möchte sich dieses seltsame neue Land, die Sowjetunion, mit eigenen Augen ansehen. Seine Freunde schicken ihm warnende Briefe und amerikanische Zeitschriften, die die Bolschewisten als bis an die Zähne bewaffnete Meuchelmörder und Wilde in zottigen Pelzen darstellen. Das kann ihn zwar nicht aufhalten, auf Anraten seiner Frau beschließt er jedoch, zu seinem persönlichen Schutz den Cowboy Jeddy mitzunehmen. Mr. Wests Ankunft in Moskau bleibt, da er mindestens ein halbes Dutzend Koffer mit sich führt, nicht unbemerkt. Dass ihm seine Aktentasche im Nullkommanichts unter der Nase weg gestohlen wird, bestätigt ihn in der Überzeugung, dass er sich in Moskau unter Wilden befindet, vor denen ihn nur Jeddy - in voller Cowboy-Montur, mit Lasso und geladenem Colt - schützen kann. Der Taschendieb gibt die Nachricht von der Ankunft des reichen Ausländers an seine Bande weiter. Die Gauner kommen schnell zu dem Schluss, dass der Geruch von Dollars in der Luft liegt und planen einen großen Coup...

Regisseur Lew Kuleschow (1899-1970) gehört zu den Pionieren des sowjetischen Kinos und hatte zeit seines Lebens mit starken künstlerischen Repressionen zu kämpfen. Einflussreich blieb er aber als Dozent der Staatlichen Filmhochschule in Moskau, wo er ab 1922 unterrichtete. In die Filmgeschichte ist Kuleschow mit seinen in den 20er Jahren realisierten Montageexperimenten eingegangen, mit denen er bewies, wie sehr Filmwirkung von der Montage der Bilder und erst in zweiter Linie von den einzelnen Bildmotiven bestimmt ist, der sogenannte Kuleschow-Effekt. Ein weiteres Phänomen, das ihn als Fan amerikanischer Abenteuerfilme und Theoretiker des russischen Konstruktivismus interessierte, war das Phänomen der Bewegung. All das findet sich in "Die seltsamen Abenteuern des Mr. West im Lande der Bolschewiki" wieder: spannende Verfolgungsjagden, turbulente Schlägereien, große Gesten und ein exzentrisches Minenspiel. Mit Klassenkampf und Revolutionspathos hat dieser Film wenig zu tun und so erregte er bei seiner Uraufführung starke Proteste seitens der Partei, die Kuleschows überdrehter Satire Formalismus vorwarf. Umso mehr begeistert heute der Film, seine nach wie vor mitreißende Wirkung verdankt er der schnellen Montage und dem exzellenten Spiel der Protagonisten, die, wie Lew Kuleschow, die russische Filmgeschichte geprägt haben: Alexandra Chochlowa, die die Rolle der Gräfin übernimmt, verkörperte Zeit ihres Lebens den Typus der exzentrischen Schauspielerin. Boris Barnet, in der Rolle des Cowboy Jeddy zu sehen, ist in die Filmgeschichte als Vertreter eines leisen, komödiantenhaften Stils im sowjetischen Film eingegangen. Drehbuchautor und Darsteller Wsewolod Pudowkin zählt neben Eisenstein und Dowschenko zu den drei größten sowjet-russischen Regisseuren.