Seoul, 1975: Jinhee geht mit ihrem Vater auf eine lange Reise, die vielversprechend beginnt. Nach einer Busfahrt in das Hinterland darf sie sich einen großen bunten Kuchen aussuchen, der in einem hübschen Paket verstaut wird. Doch ihre Fahrt endet in einem katholischen Waisenhaus jenseits der Grenzen der Stadt, in dem ihr Vater sie allein zurücklässt. Von dem mitgebrachten Kuchen, der unter gierigen Kinderaugen verteilt wird, mag die kleine Jinhee nicht kosten - mit Haut und Haaren wehrt sie sich gegen das ihr aufgedrückte Schicksal. Mit liebevoller Geduld schaffen es die Aufseherinnen und Nonnen dennoch, das apathische Mädchen nach und nach aus der Reserve zu locken. Unverändert trotzig aber neugierig auf das Treiben der Anderen findet Jinhee in der elfjährigen Sookhee, die ihr von dem fernen Amerika erzählt, eine Freundin. Als sich jedoch Sookhees Traum von einer amerikanischen Adoptivfamilie erfüllt und Jinhee nicht, wie versprochen, mitreisen darf, bricht für das Mädchen ein zweites Mal die Welt zusammen ...

Die aus Seoul stammende Filmemacherin und Schauspielerin Ounie Lecomte ("Paris erwacht") taucht in ihrem vielfach preisgekrönten Regiedebüt in das Leben eines südkoreanischen Mädchens ein, das von seinem Vater kurzerhand und ohne Erklärung zur Adoption freigegeben wird. Atmosphärisch dicht immer aus dem Blickwinkel der jungen Protagonistin erzählt, wird schnell deutlich, das "Ein ganz neues Leben" einen stark autobiografischen Hintergrund hat, denn Regisseurin Lecomte teilt das Schicksal mit ihrer kleinen Heldin, wurde sie doch im Alter von neun Jahren von einer französischen Familie adoptiert. So ist der Leidensweg der jungen Jinhee fast schon beängstigend präzise gezeichnet, der Schmerz der kleinen, verletzten Seelen, ihre Ängste und Träume werden immer wieder spürbar. Großartig: die kleine Sae-ron Kim in der Rolle der Jinhee.

Foto: arte F/Gloria Films