50 Jahre Grimme-Preis sind der Anlass für den zehnfachen Grimme-Preisträger Dominik Graf und seinen Co-Autor Martin Farkas, um über das deutsche Fernsehen nachzudenken und den Weg, den es gegangen ist. Marl ist wegen des dortigen Preises der richtige Ort dafür. Und auch, weil die Stadt mit ihrer utopischen 60er-Jahre-Architektur wie ein Zwilling zum Fernsehen gestartet ist. Beide sind in die Jahre gekommen, können aber immer noch ein Bild sein für die Träume und Illusionen einer anderen Gesellschaft und natürlich eines anderen Fernsehens. Am Anfang des 105-minütigen Dokumentarfilms steht die nachdenkliche Feststellung: Was haben wir das Fernsehen einst geliebt! Exemplarisch deutlich wird diese Liebe durch Erinnerungen an frühe Fernseherlebnisse. Mister Ed gehört dazu, Pippi Langstrumpf, Lassie und Graf Zahl aus der "Sesamstraße", aber auch Sendestörungen und mysteriöses Bildschirmrauschen. Im Hier und Heute wird schnell klar: Das früher so geliebte Fernsehen fühlt sich gedrängt, einen Selbst-Legitimierungskampf zu führen; eine schier endlose Bemühung, die das einstmals ambitionierte Medium ziemlich alt aussehen lässt. Den Moment, an dem sich alles entschieden hat, verorten die Filmemacher bei der 25. Adolf-Grimme-Preis-Verleihung im Jahr 1989, einem der bedeutendsten Wendejahre Deutschlands, das nicht nur politisch eine Zäsur markierte, sondern auch das Fernsehen nachhaltig veränderte. Der Essayfilm legt das Fernsehen gleichsam auf die Couch, über der eine Frage schwebt: Warum nur wurde sein Zauber zerstört? Bei der Suche nach den Antworten ziehen Graf und Farkas Parallelen zwischen dem Fernsehen und der Entwicklung der Stadt Marl, die mit dem Rathaus, der Scharoun-Schule und der ersten Volkshochschule Deutschlands eine Idealstadt für eine Idealgesellschaft werden wollte, bevor das Zechensterben diesem Traum seine finanzielle Grundlage entzog.

Graf und Farkas hinterfragen den Aktionismus der Politik, festgemacht an der Einführung des Privatfernsehens und am Umbau der Industrie in Nordrhein-Westfalen von Kohle und Stahl auf Film und Fernsehen. Sie zitieren frühe Meister ihres Faches, etwa Horst Königstein, der den jungen Rod Stewart in einem Hamburger Hinterhof singen lässt. Und sie befragen elf Persönlichkeiten, warum das Fernsehen wurde, wie es heute ist. In intensiven Gesprächen zu Wort kommen Iris Berben, Günter Rohrbach, Barbara Buhl (WDR-Programmgruppenleiterin Fernsehfilm und Kino), Bettina Reitz (BR-Fernsehdirektorin), Katja Herzog, Andreas Schreitmüller (Arte-Spielfilmchef), Hans Janke (ehemaliger Leiter Grimme-Institut und ehemaliger ZDF-Fernsehspielchef), Olaf Möller, Rainer Knepperges, Uwe Kammann (Direktor Grimme-Institut) sowie Ulrich Spies (Leiter Grimme-Preis). Sie reden über Qualität im Fernsehen, Quotenmanie und die Sehnsucht nach einem anderen Massenmedium, das sich oft nur noch im alten Fernsehen zu finden scheint. Exemplarisch deutlich wird diese Sehnsucht in der Geschichte der Fernsehansagerin Inger Stoltz, ein Symbol für die einst gelungene Verbindung von Publikum und Hochkultur. An den Schluss von "Es werde Stadt!" stellen Dominik Graf und Martin Farkas ein Plädoyer: "Es geht beim Fernsehen um Freiheit, um Offenheit, um Vernichtung von Bürokratie und Funktionärsideologie, um Vermischung von Avantgarde und Popularität, es geht schlicht und einfach um die Verbesserung der Welt. Haltet euch ran, Freunde, wir waren mit allem schon einmal wesentlich weiter!"