Ohne wirklich Fotograf zu sein, hat Boris Lehman viel fotografiert und besitzt viele Fotos. Die meisten von ihnen - fast alle, es sind schätzungsweise einige Hunderttausend - liegen in Schachteln, in Umschlägen, in Kommoden. Geschützt vor Lichteinfall und Staub. Gefangen. Erstarrt, Gefangene auf Zeit, sind sie wie tot oder als ob sie warten. Sie warten darauf, ausgestellt bzw. veröffentlicht zu werden oder dass man nach ihnen fragt. Im Alter von fünfzig Jahren hat Boris Lehman beschlossen, einen Film über diese Fotos zu machen. Aber wie soll man sie zeigen? Welche Auswahl soll man treffen? Zuerst einmal muss man kramen, Schachteln öffnen, nachschauen, was sich darin befindet. Ein ganzes Leben eingesperrt in einer Schachtel? Die Vergangenheit taucht wieder auf, man spricht mit den Bildern und die Bilder sprechen mit uns. Die vergessenen oder verschwundenen Menschen erwachen zu neuem Leben.

"Ohne dass ich es beeinflussen könnte, entziehen sich mir die Fotos, sie entziehen sich die ganze Zeit. Sie entschwinden , als würden sie von irgendetwas angezogen, von der Kamera vielleicht, wer weiß? Es gelingt mir einfach nicht, sie zu zeigen. Ich stehe mit dem Rücken zur Wand und werde bald den Boden unter den Füßen verlieren. Ich weiß es. Ich erzähle Ihnen mein Leben. Ich erzähle es Ihnen nicht. Dieses Mal werde ich Ihnen mein Leben erzählen. Nein, ich erzähle es Ihnen doch nicht. Es sind die anderen, die von mir erzählen, und ich erzähle das Leben der anderen. Ich bin wir, sind wir uns da einig?" (Boris Lehman).