Die kurdische Familie Altun lebt weit verstreut: Sie wurde wie viele andere Familien vom türkischen Staat gezwungen, ihre Heimat in Anatolien für immer zu verlassen. Einen großen Teil der Altuns hat es nach Istanbul, das weltweit größte Ballungsgebiet der Kurden, verschlagen. Andere leben in Norwegen. Doch nicht nur die räumliche Trennung belastet die entwurzelte Familie. Vielmehr ist ein Sohn zum türkischen Militär gegangen, während ein anderer auf Seiten der kurdischen Aufständischen kämpft. Die Lage spitzt sich zu, als sich die beiden eines Tages im Gebirge gegenüber stehen ...

Die Türkei hat zwei Gesichter: Zum einen das gastfreundliche Urlaubsland mit seinen pittoresken Basaren und Landschaften, zum anderen das Land des nicht enden wollenden Konfliktes zwischen türkischer Staatsmacht und der kurdischen Minderheit. Der Grund liegt lange zurück: Am Ende des Ersten Weltkriegs teilten die Alliierten das Ottomanische Reich (Gebiet der alten Großtürkei) auf. Die Briten versprachen den Kurden ein eigenes Land: Kurdistan. Doch Kemal Atatürk, der Gründer des modernen türkischen Staates, ließ es nach einer blutigen Revolution nicht dazu kommen. Er verbot das Kurdische wie die Sprachen aller anderen ethnischer Minderheiten. Seit 25 Jahren kämpft inzwischen die militante Terrororganisation PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) in Südostanatolien für einen eigenen Staat. Leidtragende der nicht enden wollenden Bluttaten, von Folter und Entführungen, die auch vom türkischen Militärkräften begangen wurden, waren und sind wie so oft die Zivilisten, in diesem Fall das Volk der Kurden, aber auch Soldaten, Polizisten und Unbeteiligte unabhängig von ihrer Abstammung. In diesem Spannungsfeld siedelt der türkisch-kurdische Musiker und Filmemacher Mahsun Kirmizigül, der 2007 mit "Beyaz Melek - Weißer Engel" sein vielbeachtetes Regiedebüt gab, ein bewegendes Drama an, in dem er auch eine der Hauptrollen übernahm. Getragen von durchgängig hervorragenden Darstellerleistungen zeigt Kirmizigül hier in einer für türkische Verhältnisse ungewohnten Schonungslosigkeit die Auswirkungen des Konflikts auf eine einzelne Familie und verarbeitet dabei so universelle Themen wie Krieg, Frieden und Gewalt, aber auch menschliche Stärke, Liebe und Leid. Und das über die Grenzen der einzelnen Volksgruppen hinaus.

Foto: Kinostar