Einst gehörte Königsberg zum nördlichen Ostpreußen, seit 1946 heißt die russische Exklave zwischen Polen und Litauen Kaliningrad, benannt nach dem sowjetischen Politiker Michail Iwanowitsch Kalinin (1875-1946). "Holunderblüte" erzählt aus dem Leben von Kindern im Kaliningrader Gebiet, Kinder, für die dieses Gebiet auch ein riesiger Abenteuerspielplatz ist. Sie erzählen von ihrem Leben, ihren Wünschen und Phantasien. Kinder, die häufig ohne die Eltern aufwachsen, die die Verantwortung für sich und ihre Geschwister übernehmen, die von Alkoholismus und Gewalt ebenso selbstverständlich erzählen wie von Freundschaft und Liebe. Kinder, die sich die Natur spielerisch und kreativ aneignen, die mit Lebenslust und Witz eine kindliche Gegenwelt entwerfen, in der ihre Hoffnungen und Sehnsüchte aufgehoben sind.

Seit Beginn der Neunzigerjahre beschreibt Volker Koepp in den Filmen "Kalte Heimat", "Fremde Ufer", "Die Gilge" oder "Kurische Nehrung" Geschichte und Gegenwart dieser Region, dokumentiert die politischen und sozialen Veränderungen, die Verelendung der Menschen nach dem Zusammenbruch der landwirtschaftlichen Strukturen, die Entvölkerung der Dörfer und Zersplitterung der Familien. Viele der Protagonisten aus den früheren Filmen sind nicht mehr aufzufinden, an die alten Häuser und Kirchen erinnern nur noch die ausladende, titelgebenden Holunderbüsche an den Mauern der Ruinen und verwilderte Obstgärten – eine Zwischenwelt, ihrem Schicksal überlassen, langsam von der Natur wieder zurückerobert.

Foto: Salzgeber