Wagner ist Spezialist. Seit über 40 Jahren arbeitet er als Berufsmörder. Er ist stolz auf sein Handwerk und liebt seine Arbeit, die ihn mit Würde erfüllt. Durch Zufall lernt er Max, einen jungen Arbeitslosen, kennen, der sich als Gelegenheitsdieb über Wasser hält. In ihm glaubt er, seinen Nachfolger gefunden zu haben. Er führt ihn in das Metier ein. Max jedoch erschrickt vor den Konsequenzen. Nur mit äußerster Gewalt kann Wagner ihn zu dem ersten Mord zwingen. Wie in einem Alptraum verfolgt Max die erste, extrem blutige Tat. Er ist zu labil für diesen Beruf. Verunsichert vertraut er sich dem 13-jährigen Mehdi an. Der hilft ihm beim nächsten Auftrag. Als Wagner das erfährt, wird er wütend. Er erschießt Max und nimmt Mehdi als neuen Schüler auf. Doch Welten trennen die beiden. Mehdi ist in einer Welt aufgewachsen, in der Gewalt ganz selbstverständlich ist. Wahllos zappt er durch die Fernsehprogramme und er liebt Videospiele, in denen pausenlos getötet wird. Einen Menschen umzubringen, ist für ihn kein Problem. Resigniert gibt Wagner, inzwischen krank geworden, auf. Im Altersheim sieht er in den Fernsehnachrichten, wie Mehdi vor der Schule im Amoklauf seinen Lehrer und zufällige Passanten erschossen hat.

Als "Mörder" 1996 im Wettbewerb der Filmfestpiele Cannes seine Uraufführung erlebte, empörten sich die Kritiker über die Brutalität und die Gefühlskälte des Films. Auch missverstanden sie die häufige Verwendung des Fernsehens als simples Erklärungsmodell der Gewaltansteckung. Tritt man jedoch durch den Schleier der Empörung, entdeckt man einen grabesschwarzen Film, der den Zuschauer unerbittlich auf die Nachtseite der menschlichen Existenz zwingt. Das allerdings erreicht er mit einer so eiskalten und kompromisslosen Konsequenz, dass er bisweilen bis zum Rande des Erträglichen geht. Gewalt. Wie erscheint sie? Wie dringt sie auf den Menschen ein? Wie verändert sie den Menschen? Das sind die Fragen, denen Mathieu Kassovitz nachspürt. Zumeist laufen mehrere Darstellungen parallel, oft durch das omnipräsente Fernsehen, und kommentieren sich damit gegenseitig. Kassovitz liebt die Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren. Sein Film markiert eine Bruchstelle. Da ist Wagner - von Michel Serrault großartig verkörpert - eine mit dem traditionellen Bürgertum verbundene Figur, die aus einem der klassischen französischen Gangsterfilme stammen könnte, mit seinem altmodischen Ehrenkodex, seinem handwerklichen Stolz, seinem Sinn für Rituale. Und da ist Mehdi, fast noch ein Kind, wurzellos, ohne Sozialisation. Groß geworden in Gewalt, die pausenlos auf ihn einstürzt und der er distanzlos erlegen ist. Wie den Kindersoldaten der Dritten Welt, ist ihm das Töten etwas Alltägliches. Ein seelisch Kranker, schon fast ein Mutant, der im Amoklauf endet. Dazwischen der zerrissene Charakter des Max, von Regisseur Kassovitz - gerade auch in den Momenten der Stille - intensiv gespielt. Nach dem triumphalen Erfolg von "Hass" fiel Mathieu Kassovitz mit "Mörder" - seinem dritten Spielfilm - tief bei der französischen Kritik. Doch im französischen Kino war der Film mit weit über drei Millionen Zuschauer ein großer Erfolg.

Foto: StudioCanal