Ein Chirurg, der eine Patientin verloren hat, und eine Frau, die einer erloschenen Liebe hinterherläuft, teilen durch Zufall ein Schlafwagenabteil. Als sie nicht schlafen können, entspinnt sich ein vertrauliches Gespräch. Da hält der Nachtzug Warschau-Hela plötzlich in einem kleinen Bahnhof. Die Kriminalpolizei steigt zu. Die Beamten suchen einen Mörder. Der Film gewinnt an Fahrt. Die Gefühle schlagen hohe Wogen: Irrungen, Wirrungen - am Ende Ernüchterung, in jeder Hinsicht...

"Nachtzug" von Jerzy Kawalerowicz, einem der bedeutendsten Regisseure und Drehbuchautoren Polens, gehört zu den Anfängen der Polnischen Schule, die mit dem verlogenen sozialistischen Realismus brechen konnte, um Filme über Menschen und das Leben zu zeigen wie es wirklich ist. Entstanden ist in diesem Fall eine psychologische Studie über menschliches Verhalten mit existentialistischen Untertönen, meisterhaft inszeniert und glänzend gespielt. Lucyna Winnicka erhielt auf dem Festival von Venedig den Preis für die beste Darstellerin, der Film selbst wurde mit dem Georges Méliès-Preis ausgezeichnet. Zbigniew Cybulski, der polnische "James Dean", überzeugt in der Rolle eines unglücklichen Liebenden, für den der Zug mit seiner Angebeteten abgefahren ist. Unglückliche Liebe, Pessimismus, unbefriedigte Gefühlte, Niederlagen im Beruf - das waren Themen, die im polnischnen Kino vor 1956 immer zu kurz gekommen sind. Ende der 50er Jahre rückt endlich der Mensch und nicht das vertrackte System in den Mittelpunkt.