Nach der Zerstörung der französischen Hafenstadt Le Havre im Zweiten Weltkrieg beauftragte die französische Regierung den Architekten Auguste Perret, die Stadt schnellstens wieder aufzubauen. In Ermangelung von Baumaterialien macht Perret aus der Not eine Tugend und verarbeitet den überall herumliegenden Schutt zu einzigartigen Betonvariationen: Zermahlen, nach Farben und Strukturen getrennt, mitunter wieder eingefärbt, vermischt mit feinen Glassplittern oder Kieselsteinen entstanden Betonoberflächen, die nahezu malerische Oberflächen zeigen: grob oder fein, gefärbt, gewachst, modelliert, mit Ornamenten, griechischen Säulenzitaten oder französischen, klassizistischen Elementen versehen.

Auguste Perret (1874-1954) gilt als Meister des Eisenbetonbaus. Der Sohn eines Bauunternehmers studierte Architektur in Paris, schloss sein Studium aber nicht ab. 1905 übernahm er mit zwei Brüdern das Unternehmen des Vaters und führte es unter dem Namen "Perret Frères" weiter. Bekannt wurde er zwei Jahre zuvor schon mit seinem Apartmenthaus an der Rue Franklin, dessen Fassade einer gerüstartigen Eisenbetonkonstruktion glich. Diese Formen entwickelte er weiter und verwandte dabei Stilelemente des Jugendstils und des Neoklassizismus. Er schuf Wohnhäuser, aber auch Ateliers und Lagerhallen, Theater und Kirchen. Der Preis der Internationalen Architektenvereinigung für "architekturbezogene Technologien" heißt ihm zu Ehren Auguste-Perret-Preis. Er war der erste, der moderne Kirchen mit ungewöhnlichen Tragsystemen und Fenstergittern aus Beton errichtete (Notre-Dame du Raincy, 1923, Montmagny, 1926). Geschwungene, stützenlose Treppen (Musée des Traveux Publics, 1937), stilbildende Hochhäuser in Amiens und Le Havre (1947) und der Wiederaufbau des zerstörten Stadtkerns von Le Havre mit der Kirche Saint-Joseph (1954) - seit 2005 ist Le Havre UNESCO-Welterbe - gehören zu seinem meisterlichen Spätwerk. Architekturfilmer Heinz Emigholz ("Goff in der Wüste", "Parabeton - Pier Luigi Nervi und römischer Beton") zeigt 30 Bauwerke und Ensembles der französischen Architekten und Bauingenieure Auguste und Gustave Perret, die diese in Frankreich und Algerien errichtet haben.



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