Mir wäre das so schnell nicht aufgefallen, Lena schon.

"Guck doch mal", rief sie, als wir über eine Brücke fuhren, "da unten im Tal – die blauen Dachziegel!"

"Sieht nur so aus", behauptete ich.

"Nein, Liebling, wirklich. Hab ich bei uns im Viertel auch schon gesehen. Vielleicht ist das der neue Trend."

"Mir wäre Schiefer lieber", sagte ich. "Ich meine, wenn wir mal ein eigenes Haus hätten ..."
 
"Wie langweilig!"

"Zumindest würde Schiefer in der Sonne nicht so blenden wie dieses Blau", sagte ich. "Überhaupt, blaue Dachziegel, was für eine Schnapsidee! Das ist wie ... wie gelbe Anzüge."

"Gibt es doch längst", wusste Lena.

"Oder pinkfarbene Herrenschuhe."

"Würden dir bestimmt gut stehen."

"Oder Krawatten mit lauter nackten Mädels drauf."

"Ich fürchte, das ist ein ganz alter Hut, Schatz."

"Früher", setzte ich unbeirrt nach, "erkannte man leichte Mädchen sofort an ihrem Fummel. Heute laufen sie alle so rum, besonders Frauen, die in die Jahre kommen ..."

"Liebling", sagte Lena mit fröhlichem Tadel in der Stimme, "entdecke ich gerade den Traditionalisten in dir? Einen klitzekleinen
Spießer? Apropos, wie kleidet sich eigentlich deine persönliche Beraterin beim Arbeitsamt?"

Das fand ich jetzt ein bisschen gemein. Ich war ja nach wie vor auf Stellungssuche.

"Sehr offenherzig", erwiderte ich. "Sie ist überhaupt eine sehr aparte Person. Ich wette, sie wohnt in einem Haus mit blauem Dach."

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