Bernardo Bertolucci

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Regie-Star aus Italien: Bernardo Bertolucci
Fotoquelle: ChinellatoPhoto/shutterstock.com
Bernardo Bertolucci
Geboren: 16.03.1940 in Parma, Italien

In und um Ulm hat Bertolucci 1967 Teile zu einer Fernsehdokumentation gedreht. "Der Weg des Petroleums" ist der Titel. Einmal gesendet ist er in den Archiven des italienischen Fernsehens verschollen. Das war keine wirklich wichtige Arbeit, und der Regisseur hat keine besonders bleibenden Erinnerungen an damals, aber das Ganze fällt ihm wieder ein, als er beim Boxbeutel im Würzburger Bürgerspital anlässlich einer kleinen Werkschau seiner Filme sitzt.

Bertoluccis Filme sind schwelgerisch, episch, phantastisch und agressiv politisch zugleich. Er provoziert den Zuschauer, konfrontiert ihn mit der Wahrheit und lässt uns doch an Emotionen teilhaben. In seinem Denken fühlt er sich beeinflusst von Sigmund Freud, Karl Marx und Guiseppe Verdi. 1968 gehört er wie Jean-Luc Godard oder Pier Paolo Pasolini zu den Rebellen, die in den europäischen Zentren gegen den Krieg in Vietnam protestieren.

Er ist von Jugend an am Kino interessiert, das verstärkt sich beim Studium der modernen Literatur an der römischen Universität. Zum Film kommt er durch seinen Vater. Attilio Bertolucci ist ein bekannter Dichter und über ihn macht er die Bekanntschaft mit Pier Paolo Pasolini. 1961 lässt er einen Kurs in moderner Literatur an der Universität Rom sausen, um Regieassistent bei Pasolini zu werden, der gerade "Accattone - Wer nie sein Brot mit Tränen aß" dreht.

Ein Jahr später veröffentlicht Bertolucci "In verca de mistero", eine Sammlung von Gedichten, für die er Preise erhält. Dann schreibt er das Drehbuch für seinen ersten Film, "La commara secca" (1962) nach einem Thema von Pasolini, das aber in seinen Intentionen vom Thema des Autors abweicht. Der Film erhält gute Kritiken, das ermutigt den Regisseur zu seinem nächsten Film. "Vor der Revolution" entsteht 1964. Mit diesem ein bisschen auch autobiografischen Film etabliert er sich als einer der Neuerer des internationalen Kinos.

Im Mittelpunkt steht ein gut situierter Stundent aus Parma, der dabei scheitert, als er versucht, an einer grundlegenden Erneuerung der Gesellschaft mitzuwirken. Er verlässt seine schöne, aber nichtssagende Braut, tut sich mit der kämpferischen Gina zusammen, wirft den Kommunisten vor, dass sie den Traum vom bürgerlichen Leben nähren. Dann kehrt er resignisert zurück, heiratet die Braut doch noch, die Resignation hat er nicht verloren. Danach kommen schwere Jahre. Bertolucci bekommt das Geld für den nächsten Film nicht zusammen. Er dreht einen dreiteiligen Film für das italienische Fernsehen und den Kurzfilm "I canale" gemeinsam mit Julian Beck und Judith Malina vom "Living Theatre". Jetzt entsteht auch "Partner" nach einem Roman von Dostojewski.

Das unermesslich harte Schicksal von Dostojewskis Romanhelden Raskolnikow, gebrochen durch die unverbindlich ironische Spielerei von Georges Neveux oder die faszinierenden Farcen Eugéne Ionescos finden sich in Bertoluccis Film ebenso wie die Einflüsse Godards, mit dem er zu der Zeit befreundet ist. Für den Helden Giacobbe wird die fixe Idee vom absoluten Theater, das Publikum und Schauspieler verschmelzen lässt, zum Albtraum. Eines Tages steht Giacobbe vor seinem imaginären Doppelgänger, dem er all das übertragen kann, wozu er selbst nicht fähig ist. Seltsamerweise ist Bertolucci später immer ausgewichen, über diesen Film zu sprechen.

Danach kommen Drehbücher. In Zusammenarbeit mit Sergio Leone und Dario Argento schreibt er "Spiel mir das Lied vom Tod" und mit Gianni Amico "L'inchiesta". 1969 inszeniert er dann wieder einen Spielfilm: "Strategie der Spinne", der sich mit dem Faschismus und seine Folgen in Italien auseunadersetzt. " Danach folgen der Dokumentarfilm "La salute de Malata" und noch im gleichen Jahr "Der große Irrtum", eine Adaptation des Romans von Albert Moravia. Das ist gewiss einer der wichtigsten Filme von Bertolucci, wobei schon erstaunlich ist, dass er nicht nur internatioinale Anerkennung findet, sondern auch eine Oscar-Nominierung erhält. Es ist die Tragödie eines Mannes, den ein Schuldkomplex dazu treibt, so zu sein wie alle anderen. Er wird zum Mitläufer der Faschisten, lässt sich als Denunziant benutzen, muss jedoch sehr spät erkennen, dass sein Konformismus aus gesellschaftlichen Zwängen resultiert. An einem Modelfall analysiert Bertolucci das Bewusstsein des italienischen Bürgertums. Der Film mit Jean-Louis Trintignant in der Hauptrolle heißt bei uns "Der große Irrtum" (1971).

1972 entsteht "Der letzte Tango in Paris" und das wird ein großer kommerzieller Erfolg. Ein alternder Mann alias Marlon Brando trifft auf der Wohnungssuche eine Zwanzigjährige (Maria Schneider). Ein Blickabtausch genügt für ein sexuelles Verhältnis. Das Ziel wird ohne Zögern angegangen, Gefühle kommen nicht auf; nach drei Tagen ist alles vorbei, und weil es doch noch zu Zuneigung kommt, endet die Geschichte tragisch. Die gestrenge Pauline Kael schreibt: Das ist der kraftvollste erotische Film, der je gedreht worden ist. In Italien kommt "Der letzte Tango" erst 1987 ins Kino, also nach seinen Filmen "1900", "La Luna" (1979) und "Tragödie eines lächerlichen Mannes" (1981). Der große Erfolg des "Tango" öffnet den Weg zu Bertoluccis epochalen Werk: "1900 - Gewalt, Macht, Leidenschaft" (1975). Mit lyrischer Stimmung und dramatischer Kraft entsteht ein großräumiges Adels- und Proletarier-Epos um die Geschichte Nord-Italiens vom Absterben des Feudalismus über die Landarbeiteraufstände und den Faschismus bis zum Kriegsende. Im 1900 - Kampf, Liebe, Hoffnung des Films liegt das Schwergewicht auf der Schilderung der Barbarei der Faschisten. Bertolucci realiserte seinen Film mit gigantischem Aufwand und einer hervorragenden Besetzung. Ennio Morricone schrieb die Musik.

Nach dem politisch historischen Spektakel lässt sich Bertolucci in "La Luna" (1979) auf eine private, intime Familiengeschichte ein: Der Sohn einer berühmten Sängerin flieht in die Drogenszene. Sie gerät an den Rand des Wahnsinns, erst die Begegnung mit dem Vater des Jungen signalisiert Hoffnung. Das inzestöse Verhältnis zwischen Mutter und Sohn sorgt für einige Unruhe, darüberhinaus ist es ein seltsam künstlicher Film, eindrucksvoll, aber abgehoben. Ein Sohn wird gekidnappt, ein Lösegeld wird wohl bald gefordert. Die Mutter rechnet nüchtern nach, was der Besitz bringen würde, der Vater überdenkt sein Verhältnis zu iovanna. Er glaubt auch, der Junge stehe mit den Entführern im Bund. Eine idyllische Landschaft, eine Straße mit Bäumen, Felder, Wiesen, dahinter die Berge. Zwei Menschen sitzen vor dieser Landschaft, nach vorne gebeugt, denkend, träumend der Mann, aufrecht sitzend die Frau. Die Landschaft trennt das Paar: Er, der Käsefabrikant, der sich nach oben gearbeitet hat, stammt aus bäuerlicher Familie, sie aus vornehmen Verhältnissen. Der Film zeigt den Aufeinanderprall zweier Welten und Mentalitäten: der Mann, die Frau, der Sohn, die Freundin, ein Arbeiterpriester - wirkliche Verständigung gibt es hier nicht in dem irritierenen Film "Die Tragödie eines lächerlichen Mannes" (1980).

Mit seinen Filmen ist Bernardo Bertolucci einer der typischen großen Söhne seiner Heimat, haben sich die literarischen Arbeiten und Kinogeschichten des Dichtersohnes immer um diesen Lebensraum gedreht, die Emilia Romagna war stets Zentrum seiner Filme wie "Vor der Revolution", "Der Konformist" oder das nationale Epos "1900". Wie sein Freund und Förderer Pasolini war er Marxist und hat in den Endsechziger Jahren mit Arbeitern und Studenten filmpolitische Arbeitsgruppen organisiert und geleitet. Und dann 1986 "Der letzte Kaiser", ein gewaltiges Epos mit insgesamt neun Oscars ausgezeichnet, ist das nicht ein Widerspruch?

War es das Monumentale, das Einzigartige, das Gigantische, was Bertolucci reizte, oder auch nur die Möglichkeit, eine fremde Welt in all ihren Schattierungen vorzustellen? Das Spiel beginnt wie in einem richtigen monumentalen Ausstattungsfilm: Prunkvolle Dekors im kaiserlichen China. Die Kaiserin-Witwe Tze Hsis hält Hof, sie liegt im Sterben und hat das dreijährige Kind Pu Yi zum Nachfolger auf dem Drachenthron erkoren. Naiv und gleichzeitig die Welt um sich herum genau erforschend wächst der Knabe auf: "Knaben sind Knaben, und Knaben treiben knabenhafte Spiele" heißt das lateinische Sprichwort.

Eine Grille in einem kleinen Käfig, die ihm ein Waiser am Hof schenkt ("Jetzt ist es eine kaiserliche Grille") gibt am Ende der waise alte Pu Yi einem kleinen Pionier, dem Sohn des Hausmeisters als er die zum Museum gewordene "Verbotene Stadt" besucht, sie war einst Palast der Kaiser von China, der Kreis hat sich geschlossen: Aus dem Kind, dem jungen Mann, der nur die Macht, das Regieren, das Unterdrücken von Menschen und Befehlen kannte, wird in einer Metamorphose ein wirklicher Mensch. Litt das gekrönte Kind darunter, die Mauer, die sein Reich umschloss, nicht verlassen zu dürfen, so kann der alte Pu Yi als Gärtner in der Residenz seiner Vorfahren wirklich glücklich sein: Das Leben hat ihn gelehrt, den anderen neben ihn nicht als Untertan zu sehen. Aus dem Kaiser wird ein Bürger.

Und das ist es schließlich, was Bertolucci auf so faszinierend eindringliche Weise herausgearbeitet hat, was dieses neue Werk mit seinen italienischen Filmen verbindet: Der einzelne Mensch, von Umwelt und Erziehung geprägt, ist durchaus lern- und wandlungsfähig, er muß nur die Chance dazu haben. Erst als Pu Yi über die Mauer hinwegsehen kann, wird er gewahr, dass es ein Draußen gibt, erst als er - wach und wissbegierig wie ein jedes Kind, die Mauer des Schweigens bei den Hofschranzen überwindet und wirklich etwas über das Drinnen und das Draußen erfährt, kann er sich eine eigene Meinung machen.

Wenn es auch ganz zu Beginn so aussieht: Bertolucci hat keinen üblichen Showfilm gemacht, ganz und gar kein pittoresk exotisches Hochglanz-Produkt, obwohl das Ganze in außerordentlich schönen, fein nuancierten Farbbildern fotografiert ist (Kamera: Vittorio Storaro), wie man sie fast nur aus Filmen von Oswald Morris oder dem frühen Jack Cardiff her kennt. Bertolucci erzählt seine Geschichte nicht chronologisch, sondern wandert immer wieder in den Zeiten, zwischen den Welten, doch nie ist das irritierend, nie verwirrend. Das liegt an der genauen dramaturgischen Struktur, die Bertolucci nicht so rasch einer nachmacht: Er zeigt Gesichter von Menschen, macht den Zuschauer darauf aufmerksam, daß sie bereits früher eine wichtige Rolle gespielt haben und - blendet zurück auf das Gesicht von damals. Bertoluccis Film handelt nicht von einem Monarchen, sondern von einem Menschen, der dazu verdammt war, Kaiser zu sein.

1993 entsteht "Little Buddha". Wie kommt der Buddhismus in den Westen? Nun, die Reinkarnation ist nicht beschränkt auf den Osten, so könnte man lapidar sagen, und - so finden wir seine Spuren im Westen. Es ist die Annäherung an die fernen Geschichten, an die Märchen, an die Mythen, an die Religionen, die uns unvertraut anmuten, denen wir uns nähern per Distanz auf oft mühseligen Wegen oder fernem Staunen.

Eine schöne Geschichte, wie der Glanz, der Reichtum, die Unerfahrenheit des Lebens den Protagonisten nur im Glanze träumen ließen und erst hart von dem Alter, der Krankheit, der Armut - den Quellen eines Lebens erfährt, lernt und den Menschen von dieser Qual des Lebens befreien will, befreien, daß er ihn zum immer währenden Leben führt.

Bertolucci serviert mit Pracht, mit dem Rausch des Rotes, mit dem Erzählen von Fabeln und Mythen, von den Gestalten schön und prächtig. Er lebt voll Erstaunen und voll Lust einen naiven Rausch der Bilder. Das macht den Film nahe, doch macht ihn auch zu einer etwas vergröberten Geschichte, die nur ab und an anrührt oder Dimension erahnen lässt, die Ost und West verbindet.

Es ist der Pomp und die Pracht, gesetzt gegen eine graue Welt der Nüchernheit. Das Rote gegen das Schwarze. Eine Weite der Landschaft gegen die Hochhäuser, die rasenden Autos und die breiten Straßen gegen die Massen von Menschen etwa, die dem Sidartha zujubeln, oder die Menschen in den Straßen von Katmandu. Nur das alles wird Schnitt - Gegenschnitt etwas abrupt gegeneinander gesetzt, und ein eigener Disput beginnt. Zu messserscharf ist die eine Welt gegen die andere abgehoben, und das, was sich über den Jungen herstellen soll, bleibt aufgesetzt, bleibt berührungslos. Der Dialog findet nicht wirklich statt.

1995 inszenierte Bernardo Bertolucci mit Liv Tyler das romatisch-erotische Drama "Gefühl und Verführung", die Selbstfindungsgeschichte einer jungen Amerikanerin in der Toskana. 2003 folgte die 68er-Geschichte "Die Träumer".

Weitere Filme von Bertolucci: "Sconcerto Rock" (1982) als Produzent, "Io con te non ci sto oiu" (1983) als Produzent, "Himmel über der Wüste" (1990), "Golem, the Spirit of the Exile" (1992) als Darsteller, "De domeinen ditovoorst" (1993) als Darsteller und das Alterswerk "Ich und du" (2013). Bertolucci erhielt eine Oscar-Nominierung als Drehbuchautor für "Der große Irrtum", eine Oscar-Nominierung als Regisseur für "Der letzte Tango von Paris" und einen Oscar als bester Regisseur für "Der letzte Kaiser".


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