Constantin Costa-Gavras

Konstantinos Gavras
Geboren: 12.02.1933 in Loutra Iraias, Arkadien, Griechenland

Constantin Costa-Gavras ist der Sohn eines atheistischen mittleren Regierungsbeamten und einer aus Russland stammenden Mutter. Sie besteht auf einer streng orthodoxen Erziehung, als Constantins Vater, der nach dem Zweiten Weltkrieg vom Kriegsdienst zurückkehrt, wegen des Verdachts auf kommunistische Aktivitäten verhaftet wird. Dem Sohn verweigert man nicht nur das Studium an einer griechischen Universität, sondern auch ein Visum für die USA, wo er studieren will. In den Fünfzigerjahren ist Constantin Ballettänzer, später studiert er an der Sorbonne in Paris Literatur und geht danach an die Pariser Filmhochschule.

Die erste praktische Filmarbeit ist eine Regieassistenz bei René Clements "Der Tag und die Stunde". Dem französischen Regisseur verdankt Costa-Gavras viel: In seinen späteren Regiearbeiten erkennt man sowohl Clements Vorliebe für aufsehenerregende Stoffe wie das sozialpolitische Engagement. 1965 debütiert Costa-Gavras mit der Verfilmung von Sébastian Japrisots "Mord im Fahrpreis inbegriffen" als Regisseur.

Yves Montand, Simone Signoret und der Schriftsteller Jorge Semprun produzieren den Thriller, der deutliche Anklänge ans amerikanische B-Pictures zeigt. Im Fernzug Marseilles - Paris wird eine Parfüm-Vertreterin ermordet. Kein allzu schwieriger Fall, so hoffen die Beamten, die Eifersucht als Tatmotiv vermuten. Doch auf der Suche nach den Mitreisenden erhalten sie ungewöhnliche Konkurrenz: den Mörder, der offenbar alle umbringen will, die mit dem Opfer im Abteil waren. Logisch und spannend inszeniert und hervorragend gespielt, ist der Film ein guter Start für die Karriere.

Der nächste Film macht Costa-Gavras als Regisseur für Politthriller berühmt: "Z - Anatomie eines politischen Mordes" (1968) basiert auf einem wahren Fall. 1963 wird in Athen bei einer pazifistischen Anti-Atomkraft-Veranstaltung, die durch Schlägertrupps aufgelöst wird, ein Universitätsprofessor ermordet. Bei der organisierten Unruhe soll die Polizei den Stargast schützen, dabei kommt er "zufällig" ums Leben. Ein Rechtsanwalt klärt auf, aber die Schuldigen innerhalb der Polizeihierarchie kommen durch vorzeitige Pensionierung davon. Bei einem Putsch kommen sie wieder in Amt und Würden, der lästige Rechtsanwalt kommt "aus Versehen" ums Leben. Ohne Namen, Ort und Vorfall zu nennen, beziehen sich Jorge Semprun und Costa-Gavras in dem Film "Z" nach einem Roman von Vassili Vassilikos auf diesen Vorfall.

1969 dreht er mit "Das Geständnis" seinen nächsten Politthriller. Es geht um den sogenannten Prager "Slansky-Prozess", bei dem 1952 nach 22 Monaten Folter in stalinistischen Gefängnissen der Prager Altkommunist Arthur London ein Geständnis über die ihm zur Last gelegten Verbrechen ablegte. London war Kämpfer im Spanischen Bürgerkrieg, Mitglied der Internationalen Brigade, kämpfte in der französischen Resistance im Zweiten Weltkrieg und wurde 1951 Minister in der Prager Regierung. In der Hauptrolle gab Yves Montand eine mehr als beeindruckende Vorstellung: Zum Skelett abgemagert, als totales Wrack mit selbstauferlegtem Schlafentzug machte er den Terror für den Zuschauer beinahe körperlich spürbar.

"Der unsichtbare Aufstand" von 1972 registriert und dokumentiert die Entführung des US-Polizeiberaters Mitrione, der im August 1970 in Montevideo von Tupamaros entführt und erschossen wird. Unter dem Deckmantel eines amerikanischen Entwicklungshelfers ist er am Aufbau und Ausbau des Polizeiapparats beteiligt.



Foto: Jean-Marie DAVID
Lizenz: GNU-Lizenz für freie Dokumentation, 1.3.
Die drei Polithriller - in allen spielt Yves Montand die Hauptrolle - bezeichnet Costa-Gavras als eine Trilogie. Danach entsteht ein Film über den Zweiten Weltkrieg und die Vichy-Regierung. "Sondertribunal" (1975) basiert auf einem Roman von Hervé Villeré. Die deutsche Kriegsmaschinerie verlangte 1941 die Hinrichtung von sechs willkürlich ausgewählten Häftlinge als Vergeltung für einen toten Marineoffizier. Die Vichy-Regierung als abgetakelter Verein, das wäre ein hochbrisanter Stoff, doch Costa-Gavras verschenkt die Möglichkeiten.

1979 entsteht ein sehr privater Film: "Die Liebe einer Frau" mit Romy Schneider, Yves Montand und Lila Kedrova. Michel ist 60, Lydia 40. Seine Frau ist todkrank, ihre Familie bei einem Unfall ums Leben gekommen, - bis auf den Ehemann, der lethargisch und stumpf seinem Wahnsinn lebt. Michel und Lydia kommen zusammen, lieben sich, doch glücklich werden sie nicht: die Wirklichkeit sitzt ihnen im Nacken. Bei allen Klischee-Dialogen zeigt Costa-Gavras kühle Einsamkeit, eine fast grausame Atmosphäre mit ausgezeichneten Schauspielern.

"Vermisst" (1981) mit Jack Lemmon und Sissy Spacek erzählt von Charles Horman, Journalist und Kinderbuchautor, der im Sommer 1972 ins sozialistisch regierte Chile reist. Er möchte mit eignen Augen sehen, wovon andere schwärmen. Was er erfährt, weckt sein Misstrauen, kurz vor dem Putsch der Militärs macht man ihm gegenüber Andeutungen. Charles ist seinen Landsleuten gegenüber zu offen, einen Tag nach dem 11. September 1973 ist Charles verschwunden und wird nicht mehr gesehen. Sein Vater (Lemmon) reist nach Chile, setzt alle Hebel in Bewegung, nimmt Kontakt mit der Schwiegertochter auf, und hier gehen dem eher konservativen US-Bürger die Augen auf über die Rolle des CIA im chilenischen Militärputsch. Costa-Gavras gelingt ein spannender Politthriller, konventionell gemacht, aber von Schau- und Informationswert.

"Hanna K." (1983) mit Jill Clayburgh und Jean Yanne ist ein weiterer Lichtblick in Costa-Gavras' Filmografie. Zu Beginn des Films verwandelt sich eine Idylle durch Blickwinkel der Kamera in eine Terror-Szene. In ein paar Stimmungsbildern umreißt die Kamera die Atmosphäre um die Protagonistin Hanna Kaufmann, eine jüdische Anwältin, die sich in Jerusalem niederlässt und gegen die engen Konventionen und Vorurteile ankämpft. Zwei Völker betrachten einen Staat als ihre Heimat und kämpfen darum - oft mit unrechten Mitteln. Der Stärkere siegt, Gerechtigkeit kehrt nicht ein. Costa-Gavras zeigt in "Hanna K.", wie ein politischer Film aussehen kann, in dem es nicht nur um Weltanschauungen, sondern vor allem um Menschen geht: Die Heldin gerät als unbeirrbare Wahrheits- und Gerechtigkeitssucherin immer wieder mit dem Staat Israel und mit ihren Privatbeziehungen in Konflikt. Das Unrecht des Staates wird zu einem Bollwerk der Macht, gegen das sie als Einzelkämpferin nicht ankommen kann, denn der Staat will seine finsteren Geheimnisse bewahren."Hanna K." (erstaunlich gut: Jill Clayburgh) ist zwar auch Melodram, aber sehr zurückhaltend und genau im Umgang mit Emotionen. Ein Film, der zwar nicht schwarz und weiß, gut und böse unterscheidet, aber es dennoch versteht, Stellung zu beziehen.



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"Verraten" entsteht 1988. Als Studentin auf Ernteeinsatz getarnt, wird eine FBI-Agentin auf einen Fall von rassistisch motivierten Morden eingesetzt und bald auch fündig. Zu ihrem Pech verliebt sie sich in den Mann, den zu jagen sie abkommandiert wurde. Obwohl sie mit eigenen Augen gesehen hat, dass er ein Mörder ist, kühlen ihre Gefühle nicht ab. Am Ende wird sie ihn - mit Tränen in den Augen - liquidieren, doch nie mehr kann sie zum FBI zurück, zu tief sitzt der Schmerz.

Costa-Gavras setzt sich in keinem Moment kritisch mit dem Gezeigten auseinander. Die FBI-Agentin wird von ihrem Vorgesetzten, der auf sie scharf ist, ausgenutzt, ihr zartfühlender Geliebter verwandelt sich - kaum ist er unter seinesgleichen - in den gefährlich bösen Gewalttäter, für den "Nigger" nur als Leichen tragbar sind. "Verraten" ist ein Beispiel dafür, wie sich vortreffliche Schauspieler (Tom Berenger, Debra Winger) mit ihren Rollen ganz schön in die Nesseln setzen können. Dass der Film - abgesehen von einem schlampigen Drehbuch - fesselnd inszeniert ist, tut dem Dilemma keinen Abbruch.

Für die US-Produktion "Music Box - Die ganze Wahrheit" von 1989 erhält Costa-Gavras gemeinsam mit dem Tschechen Jiri Menzel den Goldenen Bären der Berlinale 1990. Der Film erzählt die Geschichte der erfolgreichen, jungen Rechtsanwältin Ann Talbot (Jessica Lange) in New York. Sie ist die Tochter von Mike Laszlo (Armin Mueller-Stahl), der als Antikommunist aus Ungarn in die USA eingewandert war. Jetzt wirft man ihm vor, unter den Faschisten brutale Morde an jüdischen Mitbürgern verübt zu haben. Ungarn verlangt seine Auslieferung, ein amerikanisches Gericht soll klären, ob die Verdachtsmomente ausreichen, ihm die Staatsbürgerschaft abzuerkennen. Das wäre die notwendige Voraussetzung für eine Auslieferung. Ann Talbot übernimmt - im Bewusstsein, dass ihr Vater unschuldig ist - die Verteidigung. Doch für den Zuschauer wird im Verlauf des Films anhand von kleinen Gesten und Äußerungen des Angeklagten seine Schuld immer wahrscheinlicher, obwohl er entschieden, überzeugend und empört die ungeheuerliche Anschuldigung zurückweist.

Trotz starker Belastungsmaterialien entscheidet der äußerst gerechte jüdische Richter am Ende "im Zweifelsfall für den Angeklagten": Laszlo wird für unschuldig erklärt. Dies ist nicht der endgültige Schluss, denn wie im klassischen Gangsterfilm zahlt sich auch in dieser Geschichte Verbrechen nicht aus. Gerade dadurch aber wird die amerikanische Justiz wieder reingewaschen. Allerdings macht es sich Costa-Gavras so einfach auch wieder nicht: Eine Schlüsselfigur zwischen Laszlo und Ann ist Anns Sohn, der seinen Großvater verehrt. Für ihn wird die schreckliche Wahrheit am Ende zu einer wichtigen Erfahrung.

1992 dreht Costa-Gavras "Die kleine Apokalypse" mit Jiri Menzel in der Hauptrolle, eine böse Satire über Kunst und Geschäft. Freunde eines erfolglosen polnischen Schriftstellers wollen ihn, da sie ihn für selbstmordgefährdet halten, überreden, sich auf dem Petersplatz in Rom selbst zu verbrennen, um damit die Auflage seiner Bücher zu steigern. "Mad City" (1997) mit John Travolta und Dustin Hoffman war eine etwas bisslose Mediensatire: Ein tumber Durchschnittsbürger verliert seinen Job als Museumswächter. Also taucht er mit einer Pumpgun auf, nimmt eine Schulklasse als Geisel und will seinen Job zurück. Ein zufällig anwesender TV-Reporter in beruflicher Krise wittert seine große Chance und bauscht den Fall auf. Am Ende ist Costa-Gavras zu feige, das Szenario mit einer echten Katastrophe abzuschließen. Sein Film sagt nichts Neues über Medien aus, außer dass sie böse sind, was aber die Schuld auf unverantwortliche Weise vom voyeuristischen Zuschauer, dem einzelnen also, abwendet.

Weitere Filme waren "Ein Mann zuviel" (1967) mit Michel Piccoli, "Ehrbare Ganoven" (1985) und der Dokumentarfilm "À propos De Nice, La Suite" (1995). Bedeutende Preise gewann Costa-Gavras vor allem für "Z" (zwei Oscar-Nominierungen, zwei Auszeichnungen in Cannes) und "Vermisst" (einen Oscar, Goldene Palme von Cannes). 2002 kam mit seiner ambitionierten Hochhuth-Verfilmung "Der Stellvertreter" wieder ein Meisterwerk in die Kinos, 2005 lieferte er das Drehbuch zu dem packenden Krimidrama "Der Oberst und ich". Darüber hinaus sah man den Regisseur in der sehenswerten Dokumentation "Die Hölle von Henri-Georges Clouzot" (2009).



Interview mit Costa-Gavras über seinen Film "Music Box"



Prisma: Warum haben Sie eine ungarische Familie für Ihre Geschichte gewählt?

Costa-Gavras: Dafür gibt es verschiedene Gründe, zuerst einmal ein ganz praktischer: Zur Zeit gibt es in den ungarischen Filmstudios sehr günstige Drehbedingungen. Außerdem war Ungarns Situation unter dem Nationalsozialismus besonders tragisch: Das Land war bis 1944 unabhängig und frei, Hitlers letzte Station, und innerhalb von sechs Monaten wurden hier 250000 Juden getötet. Für mich war das immer eine ganz besondere Tragik, vor allem aber, weil dies zu einem Zeitpunkt geschah, als das Monstrum Nationalsozialismus schon dabei war, sich selbst zu zerstören. Das zeigt auch, wie schrecklich zielgerichtet die Nazis vorgingen: sie haben Ungarn in letzter Minute angegriffen, die Regierung ausgetauscht und noch möglichst viele Opfer mit in den Abgrund gerissen. Vorher hatte Ungarn eine gemäßigte, ebenfalls rechtsextreme Regierung, die aber keine Juden vernichtet hatte.

Schließlich aber gab es für mich noch einen Grund, die Geschichte unter ungarischen Auswanderern spielen zu lassen: Man hat immer von den Nazis in Deutschland gesprochen, von den Verbrechern in Deutschland. Aber man muß zugeben, daß es auch anderswo Verbrecher gab, die den Nazis mit ungeheurer Begeisterung gefolgt sind - vielleicht in der Tschechoslowakei etwas weniger - und sie haben genauso Schlimmes getan wie die Nazis.

Prisma: Während des Barbie-Prozesses konnte man in jüngster Zeit die Entwicklung oder Nicht-Entwicklung von Menschen mitverfolgen.

Costa-Gavras: Es ist wahr, Barbie hat sich nicht viel verändert. Er war Nazi und ist es geblieben. Es ist sogar der klinische "Nazi-Fall". Aber es ist auch wahr, dass Tausende von Menschen, Kriegsverbrecher, nach dem Krieg nach Amerika gegangen sind, um sich dort zu verstecken. Vielleicht wegen der amerikanischen Gesellschaft, der Demokratie und anderem. Wegen der veränderten Umgebung haben sie sich integriert, haben ihr altes Leben nicht fortgeführt. Sie sind zum Teil wirklich gute Familienväter geworden. Da gibt es übrigens ein in Amerika bekanntes Buch, "Ruhige Nachbarn" heißt es. Darin heißt es, daß Zehntausende von Schuldigen in den US-Staaten den Niedergang des Naziregimes überlebt haben und dass sie mitten unter uns leben.

Also, ich glaube schon, daß Menschen sich ändern können, dass die Umgebung sie ändern kann. Ich weiß nicht, ob sich Geist und Seele ändern können. Die Umgebung erlaubt solchen Menschen nicht, ihre Ideen gewaltsam oder auch intellektuell zu verwirklichen. Ich glaube, dass diese Menschen wegen des Merkantismus überlebt haben. Und sie waren in der Vorhut des amerikanischen Antikommunismus, wie er im kulturellen Bereich unter Senator McCarthy seine schlimmsten Blüten getrieben hat. In diesem Amerika fanden sie die Rechtfertigung für ihr Leben, und gleichzeitig erlangten sie eine Art Wertschätzung.

Prisma: Wie konnte es dazu kommen, dass so viele Menschen den Ultrarechten in die Arme liefen und Kriegsverbrecher schützten, und wie kam es dazu, dass man ihnen eher glaubte als den Antifaschisten?

Costa-Gavras: Ich weiß nicht, ob jemand da genaue Erklärungen geben kann, man kann Vermutungen anstellen, meine sind folgendermaßen: In dem Moment wo die jungen Leute sehen, daß die Umgebung, die Kirche, die moralischen Autoritäten, die Führer in der Regierung, in der Politik etwas wie den Nationalsozialismus akzeptieren, fühlen sich die Jungen gut dabei, Nazis zu werden. Natürlich gibt es dennoch viele Menschen, die sich weigern. Es gibt die, die in den Widerstand gegangen sind. Was ich sagen möchte, ist, daß die Umgebung einer solchen Entwicklung sehr entgegenkommen kann.



Prisma: Aber ist das eine Entschuldigung?

Costa-Gavras: Nein, deshalb sagte ich ja, ich habe keine Erklärung, es handelt sich um Gedanken, die ich mir gemacht habe. Für mich ist da die Rolle der Kirche sehr wichtig. Denn wenn die Kirche gesagt hätte, so geht das nicht, wenn sie von Anfang an nein gesagt hätte, weil dies inakzeptabel sei. Dann hätte das sicher etwas verändert, denn die Kirche stellt nach wie vor eine Macht dar. Aber ich weiß es wirklich nicht. Ich habe mit so vielen Menschen gesprochen, mit Freunden, darunter auch Soziologen: Sie haben alle verschiedene Erklärungen, aber keine wirklich definitive Erklärung dafür, wie ein normales menschliches Wesen dahin geraten kann. Denn es handelt sich ja nicht um einen spontanen, leidenschaftlichen Moment, nicht um einen Tag oder eine Stunde.

Da wurden junge Menschen in den Algerienkrieg geschickt. Da wird einer ihrer Freunde getötet, und sie sind erregt, empören sich, killen Algerier und vergewaltigen ihre Frauen. Das dauert zwei oder drei Tage und dann sagen sie: Oh je, was haben wir da gemacht? Das ist schlimm. Aber bei den Nazis gab es ja Leute, die jeden Tag gemordet haben, als wäre es eine ganz normale Arbeit. Sie stehen morgens auf, gehen zum Töten und kommen zurück, immer wieder, monatelang, über Jahre. Was da passiert, ist eine Art Mysterium.

Prisma: Das, was sie eine Reise ohne Wiederkehr nennen würden?

Costa-Gavras: Zu sagen, es bestehe keinerlei Aussicht zurückzugehen, hieße, eine definitive Erklärung abzugeben. Und genau das kann ich nicht. Das heißt, wenn einige in der Lage sind, so weit zu gehen, sind vieleicht auch einige in der Lage, wieder zurück zu gehen. Ich weiß es nicht.

Ich habe - wie gesagt - viel darüber gesprochen und mich auch informiert, ich habe beispielsweise über Mengele gelesen, diesen Doktor der Psychologie, der eine sehr gute Erziehung gehabt hatte und gebildet war. Ich habe in einem Interview gelesen, wo man ihn und andere gefragt hatte, warum sie so handeln konnten, und da heißt es immer wieder: "Nun, wissen sie, die waren doch Diebe. Es gab sicher hier und da Übertreibungen von den Soldaten" und so weiter und so weiter, das heißt, sie minimieren alles. Da war nicht einer, der gesagt hätte: "Wir haben überlegt, dass es industriell, wirtschaftlich besser ist, alle Juden aus Europa verschwinden zu lassen." Es gibt nicht einen, der ganz einfach gesagt hat: "Ich hasste sie, ich wollte alle töten.

Prisma: Auch die Personen im Film geben nichts zu ...

Costa-Gavras: Wenn ich eine rationale Erklärung gehabt hätte, hätte ich sie meinen Darsteller sagen lassen. Das Mädchen sagt: "Warum versuchst du nicht, die Wahrheit zu sagen?" Und in dem Moment hätte er sagen können: "Hör zu, ich werde versuchen, dir zu erklären, was gewesen ist." Er macht es nicht. Er lehnt es ab, und das ist seine Verteidigung. So wie andere sich verteidigen, wenn sie sagen: "Wir haben die Juden vernichtet, weil sie die Welt erobern wollten, oder die Zigeuner, weil sie Diebe waren."



Prisma: Als sie mit "Z" begonnen haben, waren sie einer der ersten Regisseure, die Politthriller gemacht haben. In der Entwicklung ihrer Filme, bis hin zu "Music Box", ist der Moment des Thrills ein wenig verlorengegangen. Da ist eine Story, und der Hintergrund wird wichtiger. Das ist besonders erstaunlich bei einem amerikanischen Film, denn die sind eigentlich eher vordergründig spannend als europäische Filme.

Costa-Gavras: Bei diesem Film handelt es sich mehr um die Beschreibung von Mechanismen. Es ist keine psychologische Beschreibung der Charaktere. Das erlaubt hier eigentlich eine Art klassischen Thriller nach Hitchcock-Art. Das ist hier einfach, indem man den Mechanismus aufdeckt. Aber hier liegt der Thrill bei der Entdeckung der Personen, im Gegensatz zu der üblichen Frage, ob der Mörder verhaftet wird oder nicht.

Der wirkliche Thrill ist es, zu entdecken, wer die Person ist, die Ihnen gegenüber sitzt. Wer ist ihr Vater und was hat er gemacht? Das ist ein Thriller. Die größten Thriller sind zum Beispiel die griechischen Tragödien oder die Stücke von Shakespeare. Es gibt keinen größeren Thriller als "Hamlet", mit dieser ungewöhnlichen Story, die ihm eigen ist. Aber dennoch basiert sie auf der Psychologie der Personen. Auf dem Prinzip der Rührung.

Prisma: Wollen sie hier ein wenig dasselbe ausdrücken wie in "Verraten", wo aufgezeigt wurde, wie schrecklich es ist, wenn man entdeckt, dass die Menschen die man liebt, schuldig sind?

Costa-Gavras: Ich glaube, der Unterschied ist, dass die Frau in "Verraten" schon eine Ahnung hat, wer es sein kann, aber sie ist selbst von den Gefühlen beeinflusst, sie lässt sich von sentimentalen Anwandlungen beeinflussen. Hier dagegen sind die Gefühle absolut legitim. Hier ist es eine Tochter, die ihren Vater liebt, weil er ein perfekter Vater ist, fast ein beispielhafter Vater. Und sie entdeckt seine Schuld erst allmählich. In dem anderen Film wußte die Frau schon, daß der andere nicht beispielhaft, nicht besonders gut ist.

Prisma: Mit "Verraten" und "Music Box" haben sie zum ersten Mal Frauen in den Vordergrund gestellt. Das ist neu. Warum?

Costa-Gavras: Es stimmt, dass ich lange Zeit Filme mit Männern gemacht habe, es ist wahr, daß sich das hier etwas verändert hat, und ich kann versuchen, Ihnen zu erklären, warum: Ich glaube, es gibt viel Mysteriöses um die Frauen und vor allem sehr viel Poesie. Mit dem Alter ist die Neugierde bei mir ein wenig gewachsen. Vieleicht verschwindet mit dem Alter aber auch die oberflächliche Neugier der Verführung und eine andere Neugier wird stärker. Die Frau ist vielmehr der Partner im Leben als ein Objekt für die Augen.

Prisma: Ich habe Probleme mit der Figur des sehr, sehr ehrenhaften Richters. Ist das typisch für die amerikanische Justiz?

Costa-Gavras: Es gibt zweierlei Richter in Amerika. In "Music Box" ist es ein "Judge federal". Ich hatte ihn damals zu Beginn der Arbeit aufgesucht, um ihn zu fragen, wie das ist mit dem Gesetz und überhaupt. Schließlich hat er mich zu den Prozessen mitgenommen, hat mich mit seinen Assistenten zusammengebracht. So konnte ich die Anwälte und die Angeklagten von vorne sehen, die man normalerweise als Zuschauer ja nur von hinten zu sehen kriegt. Nach einer längeren Zeit von Zusammenarbeit habe ich diesen Richter gefragt: "Jimmy, möchtest du nicht die Rolle selbst spielen?", und er hat akzeptiert. Er hat mir sehr viel beigebracht. Und ich glaube, er ist sehr gut.

Es gibt - wie gesagt - zwei Arten von Richtern, die einen, die gewählt sind, das ist - denke ich - das schlimmste System. Denn sie müssen auf sich aufmerksam machen, müssen ständig spektakuläre Dinge tun, spektakuläre Urteile abgeben in Hinblick auf die Wahl. Die Wahl ist doch auch immer das größte Problem der Politiker. Gleichzeitig gibt es eben die Judges federal. Sie werden einmal vom Präsidenten ernannt - ich glaube, es gibt siebenhundert in den USA. Sie sind für ihr ganzes Leben ernannt. Man teilt ihnen eine Kammer zu, und sie können ihr ganzes Leben dableiben. Niemand kann eingreifen, sie kriegen keine Gehaltserhöhung oder Ähnliches. Was ich damit sagen möchte, ist, dass ihr Verhalten keinen Einfluss auf ihre Karriere hat.



Prisma: Was ist für sie die Voraussetzung, mit einer Filmgesellschaft und einem Produzenten zusammenzuarbeiten? Sind Sie frei bei Ihrer Arbeit?

Costa-Gavras: Ich verlange drei Dinge: Das letzte Wort beim Drehbuch, bei der Regie und beim Schnitt. Ich mache nicht einen Film in Amerika, damit er anders verbreitet werden kann, es reicht auch, einen guten Produzenten zu haben. Die Gesellschaften selbst wechseln derzeit ständig den Besitzer, heute gehört die Columbia zu Sony. All dies muss in den Verträgen festgelegt werden, darin liegt die Macht der Produzenten.

Prisma: Was hat sie bewogen, ein solches Thema zu behandeln?

Costa-Gavras: Man kann niemals versuchen, in die Zukunft zu schauen. Man sieht Kinder, die von der Zukunft sprechen, ohne einen permanenten Blick auf die Vergangenheit zu haben, das heißt immer auch, in den Rückspiegel zu schauen, immer. Man muss gucken, was in der Vergangenheit passiert ist. Das sagt auch eine der Personen im Film. Er sagt, dass man nun an den Enkel denken muß und nicht an die Großeltern. Aber die Großeltern sind die einzigen, unter denen sie eine Gesellschaft geschaffen haben.

Prisma: Man hat ihnen die Veränderung ihres Denkens vorgeworfen...

Costa-Gavras: Nein, ich habe ein bestimmtes Interesse. Ich weiß nicht, mit 40 oder 50 gab es eine Beunruhigung des Alters. Wissen sie, in diesem Alter werden die Tode häufiger, besonders im Krieg. Es gab also diese Unruhe der Liebe, der Nicht-Liebe, und schließlich wusste man von der Familie, dass dies ein nur mehr oder weniger geglückter Versuch war. Der Film hatte ein wenig mehr Erfolg, dennoch habe ich nicht den Eindruck, meine Haltung geändert zu haben. Aber es war auch ein wenig eine Erholung. Ich lache gerne, ich sehe gerne lustige Filme. Mein Traum ist es, eine musikalische Komödie zu machen.

Prisma: Aber man kann doch sagen, daß diese Art von Filmen, wie sie sie machen, ihre Bestimmung ist?

Costa-Gavras: Das sind die Geschichten, die mich am meisten beeindrucken, mit denen ich ein Jahr oder länger leben kann. Von denen ich sprechen kann, ohne einen verlorenen Vater zu haben, der mir die Geschichten liefert.

Prisma: Sie arbeiten seit vielen Jahren in Amerika. Ist das ein Frage der Produktion oder des Sujets?

Costa-Gavras: Es ist eine Frage des Sujets.

Prisma: Ihre Filme werden von rechts und links gleichermaßen angegriffen...

Costa-Gavras: Ich weiß nicht, warum. Vielleicht wollen die Menschen in den Filmen das finden, was sie glauben und was sie suchen. Aber dann finden sie nur die Ideen von jemand anderen. Es gibt Menschen, die diese Ideen zurückweisen. Besonders Leute, die ein wenig fanatisch sind. Aber auch so ist es schwierig. Es gab zum Beispiel auch Linke, die gesagt haben, man würde Antikommunismus betreiben, während die Rechten sagten, der Hauptdarsteller bleibt trotz allem Kommunist. Das ist übrigens wahr, man kann nicht sagen, daß Talbot Antikommunist ist, er hat sich verändert.

Das Gespräch mit Constantin Costa-Gavras führte Heiko R. Blum im Feburar 1990.

Zur Filmografie von Konstantinos Gavras
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