Louis Malle

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Einer der herausragenden Regisseure Frankreichs: Louis Malle
Louis Malle
Geboren: 30.10.1932 in Thumeries, Frankreich
Gestorben: 23.11.1995 in Beverly Hills, Kalifornien, USA

Fontainbleau, 1944: Der elfjährige Internatszögling Julien Quentin, eine Sohn aus gutem Haus, hat die Weihnachtsfeiertage bei seiner Familie verbracht. Jetzt kehrt er zurück in die Schule. Unter den Neuankömmlingen ist ein gewisser Jean Bonnet, mit dem er sich anfreundet. Das Geheimnis, das ihm sein Freund anvertraut, ist bei Julien gut aufgehoben. Jean heißt eigentlich Kippelstein und entstammt einer jüdischen Familie. Die Karmeliter gewähren ihm Unterschlupf vor den Nazis. Doch bald kommt die Gestapo dahinter, der Jungen wird gemeinsam mit dem Internatsleiter abgeführt.

Die Kindheitserlebnisse des Julien Quentin sind nicht erfunden. Louis Malle erzählt in seinem Film "Auf Wiedersehen, Kinder" (1987) ein Kapitel aus seinen eigenen Erinnerungen, aus der Zeit - wie er sagt - die über seine spätere Karriere entschieden hat, seine Rebellion gegen die Gewalttätigkeit der Erwachsenenwelt geschürt habe. Das ist packend und psychologisch genau erzählt, geht unter die Haut, ein eindringlicher Film über eine ethisch starke Haltung in unwirtlicher Zeit.

Louis Malle, Jahrgang 1932, Sohn reicher Industrieller aus dem Norden Frankreichs, ist schon als Kind vom Kino besessen. Doch er studiert politische Wissenschaften, bevor er die Filmhochschule IDHEC in Paris besucht, an der er schon Kurse belegt hat. Die theoretische Arbeit langweilt den aktiven Jungen bald, und so kommt ihm ein abenteuerliches Angebot gerade recht: Der Tiefseeforscher und Dokumentarist Jacques Cousteau sucht einen Partner für eine zweijährige Reise, und Malle ist sein Mann. So lernt er die Technik des Filmemachens eben unter Wasser kennen, in "Die Welt des Schweigens": Kameraassistent, Kameramann, Co-Regisseur, Produzent. Vier Jahre bleiben sie zusammen, Cousteau und Malle, dann, 1956 ist Malle Assistent bei Robert Bressons "Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen", zwei Jahre später übernimmt er kurz die Kamera bei Jacques Tatis "Mein Onkel".

Dann, 1957, das Spielfilmdebüt: "Fahrstuhl zum Schafott", ein außergewöhnlicher Start. Es ist die Zeit der Nouvelle Vague, und Malle gehört dazu. Aber nicht im Team wie Chabrol, Godard, Truffaut und die anderen um die "Cahiers du cinema". Sie kennen sich, sind Freunde, doch Malle bleibt Außenseiter, hat seine eigene Entwicklung. "Fahrstuhl zum Schafott" ist ein atemberaubendes Kino, ein Thriller, Vorbild für Dutzende von Fahrstuhl-Krimis.

Louis Malle bewegt sich auf immer neuem Terrain, bietet immer wieder Neues: kein Film gleicht dem anderen - sagt man so leicht. Das stimmt und stimmt wieder nicht, denn in all seinen Arbeiten steckt eine gewiße Unrast, ein Feuer, etwas Decouvrierendes: Malle stiftet Unruhe, provoziert - nicht mit großen spektakulären Coups, sondern im Kleinen: da sind die trügerische Ruhe bei den "Die Liebenden", das störrische Kind "Zazie", der symphatische Edel-Dieb Georges Randal, "Der Dieb von Paris". Sympathien verteilt Malle nicht nach bürgerlichem Maß, verständlich, daß es da immer wieder in seinem Schaffen Zäsuren gibt, dass er sich zeitweilig von Filmen distanzieren möchte, es aber letztlich doch nicht tut: "Zazie" nach Raymond Queneau war ihm später zu ungenau, das Melodram "Privatleben" mit Marcello Mastroianni und Brigitte Bardot und die Revolutionskomîdie "Viva Maria!" mit Jeanne Moreau und Brigitte Bardot zu oberflächlich. Malles hohe Anforderungen an sich selbst führen früh zu einer ersten Schaffenskrise.

Nach "Der Dieb von Paris" (1967) geht er nach Indien, nicht, um dort zu drehen, sondern um andere Kulturen, eine andere Welt kennenzulernen. "Es war für mich eine Rückkehr in die richtige Welt" sagt Malle später, und eigentlich habe er nur gedreht, um Gedanken, Erinnerungen festzuhalten. Die Zeit vor der Indien-Reise nennt Malle einmal seine Zeit der Lehrjahre: "Viva Maria" etwa war als Parodie auf Hollywood und die große Musical-Show gedacht, aber in Wirklichkeit nur ein kläglicher Abklatsch - wie es Malle später sieht. "Die Liebenden" so sagt er 1970 - würde er gerne wiederverfilmen - und völlig anders -, und er hat es getan mit "Verhängnis" 20 Jahre später, 1992. "Privatleben" bezeichnet er einmal als einen Unfall, einen Ausrutscher in seiner Laufbahn.

In sieben Jahren zwischen 1966 und 1974 entstehen nur zwei Spielfilme: "Herzflimmern" und "Lacombe Lucien". "Herzflimmern" ist 1970 wie ein Neuanfang, wie ein Erstlingsfilm, und wieder die Provokation einer inzestuösen Beziehung zwischen Sohn und Mutter. Es folgt eine Zeit der Dokumentarfilme - dann, 1973, entsteht "Lacombe Lucien". Eine ganz schwierige Arbeit: zum ersten Mal ein Protagonist von ganz anderer Mentalität. Lucien, 17-jährig, will zu den Partisanen, doch die nehmen den "Kleinen" nicht auf. Bei der Gegenseite ist er willkommen. Lucien denunziert die, die seine Mithilfe verschmähten. Doch dann verliebt er sich in die Tochter eines jüdischen Schneiders, und um sie zu retten, tötet Lucien seinen Kumpel. Ein wichtiger, sehr persönlicher Film wie "Auf Wiedersehen, Kinder".

Malle ist nicht nur ein Wanderer zwischen Themen und Stilen, ihn hält es auch nicht in Frankreich. Nicht der Glamour Hollywoods lockt ihn, sondern die Wiedersprüche des großen, weiten Landes USA. Es beginnt in New Orleans mit "Pretty Baby" (1977), eine neue Provokation: eine 12-Jährige in einem Bordell - und das in den USA! Doch Malle verkraftet das und verärgert noch einmal: In "Alamo Bay" (1984) verlieren Vietnamesen, die auf Seiten der Amerikaner gekämpft hatten, zum zweiten Mal Land und Arbeit. Malle bleibt in den USA, dem Land, das ihn "in dieser unserer Zeit ungeheuer fasziniert".

Faszination, gebrochen durch ein sehr genaues Gefühl für echte und falsche Tîne, macht auch den Reiz von "Atlantic City, USA" (1979) aus, ein grotesk sensibles Kriminalstück: die Austern-Verkäuferin Sally lernt Französisch und Black Jack bei Michel Piccoli, sehnt sich nach Monte Carlo und hört im Radio eine Touristenwerbung für Frankreich. Nach "Vanya 42. Straße" von 1994 nimmt Louis Malle Anlauf zum lange geplanten Marlene-Dietrich-Film. Doch wieder macht ihm - wie bereits 1992 während der verzögerten Arbeiten an "Verhängnis" - eine Krankheit einen Strich durch die Rechnung. Diesmal ist es nicht das Herz, sondern ein heimtückischer Virus. Im April 1995 werden die Vorbereitungen unterbrochen - auf unbestimmte Zeit. Seit 1980 war Louis Malle mit der Schauspielerin Candice Bergen verheiratet.

Weitere Filme von Louis Malle: "Das Irrlicht" (1963), "Calcutta" (1969), "Gottes eigenes Land" (1979), "Mein Essen mit André" (1981), "Fünf Gauner machen Bruch" (1982), "... und das Streben nach Glück" (1986) und "Eine Komödie im Mai" (1989).

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