Mike Nichols

Karriere mit starken Qualitätsschwankungen: Mike Nichols Vergrößern
Karriere mit starken Qualitätsschwankungen: Mike Nichols
Michael Igor Peschkowsky
Geboren: 06.11.1931 in Berlin, Deutschland

Zunächst treibt es Mike Nichols nicht zum Film: er studiert Psychologie. Doch danach, in den späten 50er Jahren, tritt er gemeinsam mit seiner späteren Regiekollegin Elaine May im Varieté auf. Sie entwickeln ihre Nummern selbst und sind über Jahre hinaus erfolgreich. Ihr Humor basiert auf einem scharfen Blick für Verhältnisse und Mißverhältnisse zwischen Frau und Mann, und sie spießen sehr genau und treffsicher soziale Notstände auf.

1960 geben sie beide unter der Regie von Arthur Penn ihr Bühnendebüt. Nichols ist bald als Bühnenregisseur erfolgreich. Stücke wie "Barfuß im Park", "Ein verrücktes Paar", "Luv", "Der gewisse Kniff" und das Musical "Apple Tree" sind - lange vor ihrer erfolgreichen Verfilmung - Broadway-Hits. Und 1966 hat er seinen großen Durchbruch mit der aufsehenerregenden Filmadaptation von Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" mit Richard Burton und Elizabeth Taylor.

"Newsweek" macht eine Titelstory über die neue Entdeckung von "Amerikas einzigen Starregisseur" und schreibt: "In einer Zeit, in der weder ein Erfolgsautor noch ein Star mehr einen Kassenerfolg verbürgen können, verkauft der Name Mike Nichols Eintrittskarten... in den Broadway-Theatern und an der Kinokasse."

1967 erhält er für die Regie seines zweiten Films "Die Reifeprüfung" den Oscar. Viele sehen hier eine tiefgreifende Veränderung des amerikanischen Films, der durch unüberwindlich erscheinende Tabus jahrelang an der Eentwicklung gehindert war. In "Die Reifeprüfung" wird ein College-Student von reifer Dame in Liebe unterrichtet, findet aber Geschmack an deren Tochter. Da Mama von dem leckeren Knaben nicht ablassen will, versucht sie ihr schönes Kind anderweitig schnell unter die Haube zu bringen. Doch die lässt sich von ihrem Lover gerne gewaltsam ent- und verführen.

Der (Gesellschafts-)Apparat aus Heuchelei und Verlogenheit wird transparent, auch wenn in dieser Hollywood-Produktion das Amerika-Bild nicht zu düster wegkommt. Vor allem aber wird hier Dustin Hoffman als Star etabliert. Gemeinsam mit Arthur Penns "Bonnie und Clyde" (1967) und Dennis Hoppers "Easy Rider" gibt es hier inmiten der veralteten und überalterten Hollywood-Strukturen frisches, jugendorientiertes Kino, das der Agonie der kranken Industrie entgegenwirkt.

"Catch 22 - Der böse Trick" (1970) zeigt den zweiten Weltkrieg aus der Perspektive eines amerikanischen Bombergeschwaders in Italien. Bis auf ein paar geschäftstüchtige Kriegsgewinnler, die sehr normal wirken, sind die Piloten allesamt gedankenlose Trottel, die pflichtbewußt und heiter in den Tod fliegen. Nur einer von ihnen, der jüdische Captain Yossarian (Alan Arkin) glaubt, verrückt zu sein und ist dennoch der einzige, der wirklich spürt, was los ist.

Regisseur Mike Nichols nimmt alles auseinander, was als militärische Ordnung erscheint. Seine Konsequenz heißt: Krieg läßt kein normales Verhalten aufkommen, Krieg ist absurd. Mit der sarkastischen Kriegskomödie erlebt Nichols seine ersten bösen Studioerfahrungen: Man "zermetzelt den Film bis zur Unkenntlichkeit" (O-Ton Mike Nichols) - und dennoch kann man das Böse, Subversive in vielen Szenen erahnen.

Auch der nächste Film "Die Kunst zu lieben" (1971) zeigt Nichols als umsichtigen, erfahrenen Kinoregisseur. Der Mißerfolg dieses Films bedeutet für Nichols eine Reihe von gescheiterten Plänen und zieht in der Folgezeit einige für ihn selbst unbefriedigende Filme nach sich: "Der Tag des Delphins" (1973), "Mitgiftjäger" (1974) und "Sodbrennen" (1985) mit Meryl Streep und Jack Nicholson. Einzig "Silkwood" (1983), der bedrückende Film mit Meryl Streep über einen Unfall in einer Plutoniumfabrik, überzeugt in der Darstellung und im Ansatz der Problematik.

"Die Waffen der Frauen" (1988) mit Harrison Ford, Sigourney Weaver und Melanie Griffith ist eine Art Sozialrevue über den unaufhaltsamen Aufstieg eines Karrieremädchens, das über Leichen geht, dann aber doch nicht total negativ gesehen wird.

Mit dem Film "Grüße aus Hollywood" (1990) über einen Star, der innerhalb des Traumfabrik-Systems zugrunde geht, schließt Nichols wieder an alte Qualitäten an. Doch die hochgesteckte Hoffnung trügt: 1991 dreht Nichols den matten Star-Film "In Sachen Henry" mit Harrison Ford und Annette Bening. Ein fieser Anwalt wird zum guten Menschen, als ihm jemand eine Kugel in den Kopf schießt, wobei er einen bleibenden Hirnschaden davonträgt. Einige Kritiker lästerten, den Hirnschaden müsse bei dem Drehbuch jemand anders gehabt haben.

James Ivorys schöne Liebesgeschichte und Butlern, "Was vom Tage übrig blieb" (1993) produziert er nur. "Wolf - Das Tier im Manne" (1993) mit Jack Nicholson und Michelle Pfeiffer ist eine langatmige Modernisierung des alten Horror-Motivs vom Werwolf. Nach relativ starkem Beginn fällt der Film stark ab. Jack Nicholson überzieht seine Rolle zudem ins Lächerliche.

Kurzweilige Unterhaltung bietet dagegen die Neuverfilmung von "Ein Käfig voller Narren" unter dem Titel "Birdcage - Ein Paradies für schrille Vögel" (1995). Die Hauptrollen spielen Robin Williams, Nathan Lane und Gene Hackman. Das Drehbuch schrieb Nichols' alte Bühnenkollegin Elaine May. Im gleichen Jahr tritt er in Helen Whitneys Dokumentarfilm "Richard Avedon: Darkness and Light" vor der Kamera auf.

1998 inszeniert er die Bestseller-Verfilmung "Mit aller Macht". John Travolta spielt darin einen ehrgeizigen Politiker namens Stanton, der sich im Vorwahlkampf zur Präsidentschaft befindet. Der smarte graumelierte Herr ist beim Wähler sehr beliebt, doch leider kommen ihm ständig irgendwelche Frauengeschichten dazwischen. Der Film versäumt es, den bigotten Umgang mit der Moral bloßzustellen und präsentiert nur ein insgesamt nicht unsympathisches Wahlkampfteam, das sich bei der Schlammschlacht wacker schlägt.

Außer seinem Oscar für "Die Reifeprüfung" war er noch weitere viermal für die Trophäe nominiert: 1966 für "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", 1983 für "Silkwood" (1983), 1988 für "Die Waffen der Frauen" und 1993 als Produzent für "Was vom Tage übrigblieb".

Weitere Filme von Mike Nichols: "Gilda Live" (1980), "The Gin Game" (1981, TV), "Biloxi Blues" (1987), "Good Vibrations - Sex vom anderen Stern" (2000), "Wit" (2001, TV), "Engel in Amerika" (2003, mit elf Emmys ausgezeichnete Miniserie), "Hautnah" (2004), "Der Krieg des Charlie Wilson" (2007).

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