Theo Angelopoulos

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Er konnte schon mal sehr böse werden: Theo Angelopoulos
Fotoquelle: Ververidis Vasilis/shutterstock.com
Theodoros Angelopoulos
Geboren: 27.04.1935 in Athen, Griechenland
Gestorben: 24.01.2012 in Piräus, Griechenland

Theo Angelopoulos zählte zu den höchst dekorierten Regisseuren Europas. Als er für sein Werk "Der Blick des Odysseus" 1995 in Cannes den Großen Preis der Jury verliehen bekam, verkündete er beleidigt: Wenn das alles sei, was sie für ihn hätten, habe er nichts zu sagen. Sprach's und verdrückte sich, bevor Preisverleiher Andy Garcia einen Ton herausbrachte. Der Auftritt muss indes Eindruck gemacht haben, denn bei seinem nächsten Werk, "Die Ewigkeit und ein Tag" (1998), wurde er in Cannes nicht mit einer Nebenprämie abgespeist: Ein schon sichtlich weniger beleidigter Theo Angelopoulos nahm den Hauptpreis, die Goldene Palme, entgegen.

Theo Angelopoulos kam als Sohn des Parfümeriebesitzers Spiros Angelopoulos zur Welt. Er hatte vier Geschwister, seine ältere Schwester Voula starb im Alter von elf Jahren. An Theos sechstem Geburtstag, 1941, marschierten deutsche Truppen in Griechenland ein. Ein Jahr später erlebte er, wie sein Vater von der kommunistischen Befreiungsarmee ELAS als Verräter verhaftet und zum Tode verurteilt wurde. Zwar wurde das Urteil nicht vollstreckt, doch für den jungen Theo blieb die Angst um den Vater eine schreckliche Erfahrung.

Ursprünglich wollte der Theo Angelopoulos Jurist werden. Von 1953 bis 1958 studierte er Jura in Athen, doch sein Herz gehörte schon damals den schönen Künsten. Nach seinem Militärdienst (1959/60) zog er 1961 nach Paris, wo er zunächst als Teppichhändler und Nachtportier arbeitete, bevor er einen Job beim griechischen Kulturattaché bekam. Er besuchte die Pariser Sorbonne und studierte Literatur. 1962 landete er am Institut des Hautes Études Cinématographique. Zurück in Griechenland, arbeitete er drei Jahre lang als Filmkritiker und war Mitherausgeber einer Filmzeitschrift.

Schon 1963 nahm Angelopoulos seinen ersten Film in Angriff, den mittellangen Krimi "En noir et blanc", doch es wurde nur ein Teil gedreht. Das belichtete Material verließ nie das Labor und gilt bis heute als verschollen. 1965 folgte "Forminx Story", doch auch dieses Werk konnte Angelopoulos nicht vollenden. Es sollte ein Film über die Reise einer Popgruppe durch Griechenland werden, doch Angelopoulos zerstritt sich mit dem Produzenten und warf das Handtuch. Ein Assistent drehte den Film zwar zu Ende, doch er wurde nie herausgebracht.

Außer einem Kurzdokumentarfilm inszenierte er bis 1968 nichts mehr, dann gelang ihm mit dem 23-minütigen "I Ekpombi" (Die Übermittlung, 1968) doch sein Regiedebüt. Dem folgte 1970 mit "Rekonstruktion" sein erster Langfilm. Ein griechischer Arbeiter kehrt aus Deutschland in seine Heimat zurück, doch seine Frau hat sich einen anderen geangelt. Das Liebespaar bringt den unerwünschten Gatten um und verscharren ihn im Garten. Doch die Polizei beginnt zu ermitteln, Journalisten stellen Fragen. 1972 inszenierte Angelopoulos "Die Tage von '36". Ein ehemaliger Polizei-Mitarbeiter soll in einen politischen Mord verwickelt sein. Um sich zu verteidigen, nimmt er einen Abgeordneten als Geisel und versucht sich frei zu pressen. Ein Scharfschütze klärt die Angelegenheit.

Mit diesen Filmen errang Angelopoulos die Anerkennung eines kleinen Kreises von Cinéasten, doch erst mit seinem ausladenden Werk "Die Wanderschauspieler" (1974) gelang ihm der internationale Durchbruch. Bei den Filmfestspielen in Cannes sorgte das Werk für Furore. Eine Gruppe von Schauspielern tritt eine Reise an, quer durch Zeit und Raum, und das in unendlich langen Einstellungen. Gleichwohl lässt Angelopoulos in seinen Filmen den Kameramann nicht nur endlos "irgendwo draufhalten", vielmehr werden bei ihm ständig Höchstschwierigkeiten demonstriert. Wer sich darauf einlässt und die Choreographie einer oftmals bis zu zehnminütigen Einstellung bei Angelopoulos analytisch betrachtet, wer also seine in Kino typisch gewordene Konsumhaltung aufgibt, betritt ein wahres cinéastisches Wunderland.

Doch es ist keine vordergründige Demonstration von filmischer Virtuosität, die Angelopoulos in "Die Wanderschauspieler" und seinen späteren Filmen betreibt. In seinen frühen Jahren bezog er, teils unter Lebensgefahr, Stellung gegen das Militärregime in Griechenland. Auch in "Die Wanderschauspieler" dient die kunstvoll verschachtelte Reise durch vier Dimensionen einer höchst politischen Stellungnahme zu Gegenwart und Vergangenheit Griechenlands. Dabei werden manchmal sogar verschiedene Zeitebenen in einer einzigen Einstellung zusammengezogen.

Angelopoulos beschreibt seinen Filmstil so: "Wenn ich die Einstellung wechselte und etwas anderes zeigte, wäre es, als ob ich bestimmen wollte, was zu sehen ist. Da ich aber die Szene nicht unterbreche, ermögliche ich dem Zuschauer eine bessere Sicht auf das Bild. So kann er aus jeder Szene die Elemente aussuchen, die für ihn von Bedeutung sind."

"Die Wanderschauspieler" erhielt zahlreiche Preise, unter anderem den großen Fipresci-Preis in Cannes, den großen Preis des Festivals von Saloniki, außerdem Auszeichnungen für die Darsteller, den Kameramann und das Drehbuch, ferner gab es den Spezialpreis der Jury beim Festival von Taormina, den großen Kunstpreis von Japan 1976, den großen Preis beim London Filmfestival, den Prix d l'age d'Or in Brüssel, den Preis "bester Film des Jahres" vom British Film Institute und sogar die Auszeichnung "bester Film des Jahrzehnts 65 bis 75" (verliehen in Italien 1976). Diese Liste ist keinesfalls vollständig.

Mit seinem nächsten Film, dem dreistündigen "Die Jäger" (1977), konnte Angelopoulos die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllen: Eine Gruppe von Jägern findet Silvester 1976 die Leiche eines Partisanenkämpfers aus dem Bürgerkrieg der späten Vierzigerjahre. Die Jäger bringen den grausigen Fund auf ihr Hotelzimmer und erleben eine Silvesternacht, in der die Ängste der Vergangenheit heraufbeschworen werden.

Für den dreieinhalbstündigen Film "Der große Alexander" (1980) wurde Angelopoulos der Goldene Löwe von Venedig verliehen. Ein Bandit, der an Epilepsie leidet, flieht in der Silvesternacht der Jahrhundertwende aus dem Gefängnis, nimmt ein paar Briten als Geiseln und verfrachtet sie in sein Heimatdorf, irgendwo im Balkan. Die Bevölkerung feiert ihren Alexander als Helden, doch mit der Zeit wandelt er sich zum Despoten.

Es folgten zwei weniger bedeutende TV-Arbeiten: "Ein Dorf, ein Bewohner" und das Filmessay "Athen, Rückkehr auf die Akropolis" (beide 1982), danach begann er unmittelbar mit dem ersten Teil seiner "Trilogie des Schweigens": "Reise nach Khythera" (1984). Ein ehemaliger Partisan kehrt nach 32 Jahren des Exils in der Sowjetunion in seine Heimat zurück und muss miterleben, wie dort nicht nur Grund und Boden verscherbelt werden, sondern auch die Ideale, für die er einst eingetreten ist. Für diesen Film erhielt Angelopoulos erneut den Fipresci-Preis in Cannes und den Jurypreis für das beste Drehbuch (zusammen mit Tonino Guerra und Thanassis Valtinos).

Ein großer elegischer Film ist "Der Bienenzüchter" (1986) mit Marcello Mastrioanni in einer seiner großen Altersrollen. Ein alter Mann zieht mit seinen Bienenkörben quer durch Griechenland. Dabei lernt er eine junge Frau (Nadia Mourouzi) kennen, für die er auf seine alten Tage noch einmal heftige Leidenschaft empfindet. Doch am Ende kann sie den alten Mann natürlich nicht gebrauchen. Er lässt sich von seinen Bienen totstechen.

Dritter und bester Teil der "Trilogie des Schweigens" ist "Landschaft im Nebel" (1988). Zwei Kinder, die elfjährige Voula (Tania Paleogolos) und ihr kleiner Bruder (Michalis Zeke) glauben, dass ihr Vater im fernen Deutschland lebt, das sich in ihren Gedanken zu einer Art Traumland verklärt hat. Eines Tages machen sie sich auf eigene Faust auf den Weg: Die besteigen eine Bahn und reisen durch ein tristes, lebensfeindliches Griechenland. Dabei treffen sie auch "Die Wanderschauspieler" aus dem Film von 1974. Doch die Reise wird zu einer schmerzlichen Erfahrung. Voula wird von einem Fernfahrer missbraucht, und am Ende erweist sich der Traum vom schönen Deutschland als leere Utopie.

"Der schwebende Schritt des Storches" (1991, Kinotitel: "Der zögernde Schritt des Storches") mit Marcello Mastroianni und Jeanne Moreau ist ein metaphernreiches Roadmovie über einen TV-Journalisten, der an der türkischen Grenze nach einem verschwundenen griechischen Minister sucht. Möglicherweise - der Film lässt es offen - findet er ihn in einem öden Grenzkaff unter Asylanten. Am Ende bleibt wieder nur Trauer über den Verlust von Utopien.

Auch "Der Blick des Odysseus" (1995) handelt von einer - vergeblichen - Reise. Der griechische Filmemacher "A" (Harvey Keitel) ist auf der Suche nach den ersten Bildern eines einheimischen Filmpioniers. Die unbedarften, einfachen Bilder vom Alltagsleben ebenso einfacher Menschen haben sich in seinen Augen vielleicht jene Unschuld des Blickes bewahrt, die sich ein heutiger Filmemacher nicht mehr leisten kann, vor allem angesichts der Situation auf dem Balkan. Denn die Reise führt A schließlich ins zerbombte Sarajewo, wo er auch fündig wird. Doch das Material ist verdorben, es gibt keine Unschuld des Blickes mehr.

"Die Ewigkeit und ein Tag" (1998) mit Bruno Ganz schließlich zeigt einen todkranken Dichter auf seiner letzten Reise. Wieder tauchen sämtliche bekannten Motive aus Angelopoulos-Filmen auf. Weitere Regiearbeiten: "Die Erde weint" (2003) und "Dust of Time" (2009). Allen Preisen zum Trotz versperren sich Angelopoulos' Filme ihres extrem langsamen Tempos wegen den Zuspruch einer breiteren Öffentlichkeit. Denn nicht allein die Länge der Einstellungen macht seine Werke schwer zugänglich, auch die oftmals sehr eigensinnige Metaphernwelt. Dennoch gilt Angelopoulos - zumindest in Europa - als einer der bedeutendsten Filmemacher nicht nur seiner Zeit. Dagegen blieb sein Werk im englischsprachigen Raum (vor allem in den USA, wo man mit zehnminütigen Einstellungen nun gar nichts anfangen kann) bis heute sträflich vernachlässigt.

Im Januar 2012 starb Theodoros Angelopoulos bei einem Verkehrsunfall, als er bei den Dreharbeiten zu seinem Film "Das andere Meer" in Piräus beim Überqueren einer Straße von einem Motorrad erfasst wurde.


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