Ulrich Wildgruber

Begnadet ausdrucksstark: Ulrich Wildgruber als 
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Begnadet ausdrucksstark: Ulrich Wildgruber als Bühnen-Macbeth 
Ulrich Wildgruber
Geboren: 18.11.1937 in Bielefeld, Deutschland
Gestorben: 30.11.1999 in Westerland/Sylt, Freitod

"Wer ihn nicht einmal gesehen hat, ist arm dran", würdigte die Kritik die Schauspielkunst dieses großen deutschen Mimen und ergänzte "auf der Bühne". Dort lief der beleibte Buchbinder-Sohn schweißtreibend zu Höchstform auf, wie in der legendären "Othello"-Inzenierung Peter Zadecks (1976) am Hamburger Schauspielhaus. Fernsehen und Kino hat der spätere Lebensgefährte von Martina Gedeck auch gemacht, aber eher gelegentlich und vornehmlich in kleineren, dafür prägnanten Rollen. Seine ganze Kraft aber investierte der mehrfach preisgekrönte Schauspieler und Ehemann der Dramaturgin Vera Wildgruber (Tochter: Olga, 1968) ins Theater.

Als "zarten Anarchisten", "heimatlosen Taugenichts", "zärtliches Ungeheuer", "tragischen Clown des Schmuddeltheaters" oder "zarten Riesen" haben die Kritiker diesen ruhelosen, phantasievollen Koloss beschrieben, der auf der Bühne durch sein unpathetisches direktes Spiel zwischen Komik und Tragik zu fesseln verstand, und den es nach Beifallsstürmen wie Buhrufen immer wieder in die Einsamkeit trieb. Zuletzt bei seinem Freitod im Meer vor Sylt.

Bevor 1972 unter Zadeck am Schauspielhaus Bochum eine 20-jährige Zusammenarbeit begann, standen Schauspielausbildung in Hamburg, privater Unterricht bei Friedrich Steig in Bielefeld sowie eine dreijährige Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar in Wien (1960 - 63) auf dem Programm. Danach Engagements in Wien, Basel, Heidelberg, Oberhausen, Stuttgart und Berlin (Peter Stein), Hamburg ("Lulu", wieder unter Zadeck), München, Paris ...

Wildgruber ist in Aufzeichnungen seiner großen Bühnenrollen (Lear, 1974, Othello, 1976, Hamlet, 1977, Macbeth, 1987, Torquato Tasso, 1990) wiederholt auch im Fernsehen zu sehen. Der Film sucht ihn für prägnante, kleinere Rollen, die Biograf Peer Moritz schon folgendermaßen zusammengestellt hat: Als versoffener Zahnarzt Burghard Borgward mit den Träumen von der Südsee in Adolf Winkelmanns "Super" (1983); als quirliger Würstchenverkäufer Heribert in "Die Hamburger Krankheit" (1978), als Imbissbuden-Besitzer Curry-Paul in "Jagger und Spaghetti" oder als Überlebens-Trainer in "Auf immer und ewig" (1985).

In Herbert Brödls "Inseln der Illusion" wandelt Wildgruber in der Südsee auf den Spuren des englischen "Aussteigers" Robert James Fletcher. In Jan Schüttes "Drachenfutter" (1987) agiert er als Kombüsentyrann Udo, in Andi Engels "Melancholia - Der fünfte Freitag" (1989) ist er der arrivierte hansestädtische Rechtsanwalt Manfred, der seinen früheren politischen Mitstreiter zu einem Mord an einem chilenischen Folterer animiert. Als Pianist Boris Kaminsky ist er in dem österreichischen Psychodrama "Ach Boris" (1990) Partner von Jutta Hoffmann. In Ottokar Runzes "Hallo Sisters" (1990) sieht man ihn als Goerwig neben Ilse Werner und Gisela May, die als Schlagerstars ein Comeback versuchen. In Richard Blanks deutsch-ungarischer Produktion "Prinzenbad" (1993) trifft er als Prophet der Apokalypse "Jerchio Gomorra" auf andere fettleibige nackte Männer im puttigen Jugendstilbad.

Friederike Becks halbdokumentarischer HFF-Abschlussfilm "Les jeux a deux - Die Spiele zu zweit" (1994) zeigt ihn als Zeichner und Fotografen Hans Bellmer, den Lebensgefährten der Dichterin und Zeichnerin Unica Zürn (1916-70). Als skrupelloser Giftmischer Katharina de Medicis ist er in dem aufwendigen Filmdrama "Die Bartholomäusnacht" (1994) von Patrice Chéreau neben Isabelle Adjani zu sehen. Jan Schütte setzt ihn als Sprecher und Darsteller in seinem Dokumentarfilm "Nach Patagonien" über die Reise des Schriftstellers Bruce Chatwin ein. Zuvor hat er auch in Schüttes "Winkelmanns Reisen" (1990) als Tankwart im öden Schleswig-Holstein agiert. In Dieter Meichsners TV-Dreiteiler über die Schwierigkeiten des wirtschaftlichen Aufbaus Ost "Imken, Anna und Maria oder Besuch aus der Zone" (1994) spielt Wildgruber Herrn Bürger in dem sächsichen Städtchen Graifenhain. 1995 ist er in dem norwegischen Spielfilm "Pakten" als Reverend Berger Partner von Nadja Tiller und Robert Mitchum.

In der erotischen TV-Komödie "Der Neffe" (1996) von Gabriela Zerhau tritt Wildgruber als Provinzfriseur und Bewunderer von Martina Gedeck (als lebenslustige Tante Isabella) auf. Als reicher und machthungriger Großbauer Danninger ist er in dem preisgekrönten Heimatfilm "Die Siebtelbauern" (1998) von Stefan Ruzowitzky zu sehen, einer Geschichte um Utopien, Gewalt und Intrigen aus der österreichischen Provinz der Zwischenkriegszeit. Seinen letzten Filmauftritt schließlich hat er ist in der misslungenen Guildo-Horn-Komödie "Waschen, Schneiden, Legen" (1999) zu sehen. Wildgruber spielt Guildos Vater.

Wiederholt wird Wildgruber, der leidenschaftlich gerne Kriminalromane liest, in TV-Krimis eingesetzt: In "Tödliches Erbe" ist er als homosexueller, liebeswerter ältlicher Clown und Travestiekünstler Mucki der einzige Vertraute einer älteren Dame (Hildegard Knef), der nach mysteriösen Erbstreitereien tot aufgefunden wird. Im "Tatort - Der Rastplatzmörder" (1993) ist er als biederer Versicherungsvertreter Horst Mathes, der gern junge Anhalterinnen mitnimmt, der Hauptverdächtige. In "Mörderisches Erbe - Tausch mit einer Toten" (1998), spielt Wildgruber den plötzlich auftauchenden Australier Paul Bloomsbury, der Erbansprüche in Millionenhöhe stellt.

Weitere Filme mit Ulrich Wildgruber: "Eiszeit" (1975), "Mosch" (1980), "Wer den Schaden hat..." (1981), "Schwarz-Rot-Gold - Alles in Butter" (1982), "Die Wilden Fünfziger" (1982), "Der Tod des weißen Pferdes" (1985) , "Peng! Du bist tot!" (1986), "Adrian und die Römer" (1987) , "Kalte Sonne" (1988) , "Die Rachegöttin" (1993), "Adelheid und ihre Mörder - Mord stand nicht auf dem Programm" (1993), "Nur eine Hure" (1997), "Felidae" (1994, Stimme von Joker), "Der König - Witz mit Todesfolgen" (1994), "Polizeiruf 110 - Katz und Kater" (1998), "Heimatabend 1999 - Die Beste Party" (1999), "Am Ende des Ganges" (1999).

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