Haustiere

Der kleine Wühlarbeiter

Schweinehirte, das war kein ungefährlicher Job

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Das gemeine deutsche Hausschwein ist genau betrachtet ein Halbchinese. Das verdankt es den Engländern. Die Fabrikarbeiter zu Beginn der industriellen Revolution brauchten ordentlich was zu futtern. Aber was? Porridge, die Haferpampe, sättigte nicht. Roastbeef war zu teuer. Da half der Blick nach China. Dort gab es schwere Schweine, die schneller Fett ansetzten als ihre europäischen Verwandten. Und obendrein deutlich mehr Ferkel lieferten. Also wurden chinesische mit europäischen Hausschweinen gekreuzt, das Ergebnis ist heute in den allermeisten Ställen zu besichtigen. Doch schon vor dem Import des Chinaschweins versuchten Züchter, die Sau zu schaffen, die am besten zur jeweiligen Landschaft passte und so viel Fleisch wie möglich lieferte. Ein Zuchtergebnis war das Schwein, das eine Rippe mehr hat als von der Natur vorgesehen. Immerhin waren das zwei Koteletts mehr. Vielerorts in Europa zogen früher Schweinehirten mit ihren 40 bis 50 Tieren durch Auwälder, an toten Flussarmen entlang. Ihre Arbeit war gefährlich, nicht nur weil sie es oft mit Viehdieben zu tun bekamen, sondern auch weil die Schweine schon mal über ihren Hirten herfielen. Wer sich ein Bein brach und keine Hilfe rufen konnte, war verloren. Ungarische Quellen berichten von Schweinehirten, die von ihren Tieren aufgefressen wurden, als wären sie Aas. Wo Schweine Eiweiß aufspüren, kennen sie kein Pardon. Damals in den alten Tagen waren die Schweine von brauner oder schwarzer Farbe. Der rosige Hautton, der uns am Hausschwein heute so vertraut ist, stammt aus China.

Mit dem Fleisch kam die rosa Farbe aus China

Der Schweineexperte Dr. Burkhard Beinlich aus Höxter erklärt das Zuchtziel "rosa Schwarte" mit dem Hinweis auf Eintopf und Krustenbraten: "Niemand will ein Stück Speck mit schwarzer Schwarte auf dem Teller sehen; auch der Krustenbraten wirkt appetitlicher, wenn er vom rosa Tier stammt."

Allerdings leiden die modernen Schweine stärker unter Sonnenbrand als ihre naturfarbenen Ahnen; der Aufenthalt im Freien ist für das Hausschwein nicht ohne Gefahr.

Dabei können Schweine für die Landschaftspflege draußen nützlich sein. Mit ihrem keilförmigen kräftigen Kopf samt Rüssel pflügen sie Wiesen um, wo sie nicht nur Grünzeug, sondern auch tierisches Eiweiß suchen.

Darin ähneln sie dem Menschen. Sie sind auf Mischkost angewiesen und kombinieren Pflanzen- und Fleischnahrung.

Im Boden finden sie Engerlinge, Larven, Würmer und auch mal Aas oder ein Mäusenest – für ein Schwein die ideale Beikost zum Pflanzlichen, das in Mengen vertilgt wird. Selbst einen unvorsichtigen Hasen verschmähen sie nicht, wenn er sich schnappen lässt. Die schweinische Wühlarbeit wirkt in etwa so wie das Pflügen oder Umgraben auf dem Acker und im Garten. Pflanzen wie der Kleefarn gedeihen fast nur auf Schweineweiden. Weil es die nicht mehr gibt, ist der Kleefarn so gut wie ausgestorben.

Schweine, die ihr Futter weitgehend selbst suchen, liefern besseres Fleisch als Mastschweine, denen die Ration vom Automaten portioniert wird. So stammt der wertvollste Schinken, den es zu kaufen gibt, von spanischen Eichelmastschweinen.

Auch in Deutschland gibt es inzwischen Versuche, die alten Rassen aufleben zu lassen. Und auch wenn die "Bentheimer" oder "Schwäbisch Hällischen Schweine" von heute nicht mehr so ganz ihren Vorfahren gleichen, bieten sie doch hinreichend genetisches Material für sogenannte "Rückzuchten".

Im Mais fühlt sich das Schwein sauwohl

Die 40 Düppeler Weideschweine, die auf dem Hof von Tobias Markus in Brakel-Bellersen in Ostwestfalen-Lippe gehalten werden, stammen aus einer Rückkreuzung von Professor Werner Plarre.

Ein Geschäft ist mit den Weideschweinen nicht zu machen. Ihr Fleisch ist hochwertiger als alles, was aus den genormten Schweineställen kommt, aber auch deutlich teurer in der Erzeugung.

Es dauert über ein Jahr, bis Tobias Markus den Metzger rufen kann.

Die "Vermarktungsschweine" bringen es dagegen in nur fünf bis sechs Monaten auf ein Schlachtgewicht von durchschnittlich 110 Kilogramm. Die Behörden verlangen zudem wilddichte Zäune inklusive eines Elektrozauns, um die unternehmungslustigen Schweine im Zaum zu halten. Das kostet.

Der deutsche Wald gehört den Wildschweinen. Bauern betrachten die Tiere als Landplage, weil sie in Getreide- und Maisfelder einfallen. Das bleibt lange unbemerkt, denn die klugen Tiere fressen sich, gleichsam inkognito, im Feld von innen nach außen.

Mais lieben sie besonders. Und weil von Jahr zu Jahr mehr davon angebaut wird, fühlen sich die Säue wie im Schlaraffenland. Noch vor einiger Zeit warfen Bachen einmal pro Jahr.

Inzwischen werden sie zweimal jährlich trächtig, die Jäger können gar nicht genug Säue schießen.

Und weil sich die Landwirte saumäßig über die Schäden ärgern, sind sich Bauern und Jagdpächter längst nicht mehr grün. Gerd Eber

Foto: Gerd Eber


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