| Die große prisma-Serie zur Varusschlacht | Montag, 21. September 2009 |
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Diesen Ort aufzusuchen war nicht ungefährlich für Germanicus, und es war eher ein Zeichen von Schwäche als von Tapferkeit. Er hatte eine schwere Kampfsaison hinter sich. Mit seinen acht Legionen - ein Drittel der Militärmacht des Imperium Romanum - war er im Frühjahr gegen die Chatten gezogen, aus deren Namen sich sehr viel später das Wort Hessen herleiten sollte. Germanicus hatte die Chatten besiegt, ihre Siedlungen eingeebnet, ihr Farmland verwüstet. Die Chatten bekamen die Rache der Römer erbarmungslos zu spüren.
Danach war Germanicus weiter gen Norden gezogen. Er suchte die Gegend um die heutige Stadt Münster heim, wo er germanische Verbände, die sich ihm entgegenstellten, in einer kombinierten Attacke von Kavallerie, Infanterie und Marineeinheiten (auf der Lippe) bis auf den letzten Mann erledigte. Waren die Germanen berüchtigt für ihren furor teutonicus, die alles verzehrende teutonische Wut, so herrschte nun der furor romanus.
Es war Herbst geworden über die Schlachten und Gemetzel, Herbst eines Jahres, das nach späterer Zählweise 15 n. Chr. heißen sollte. Einige Überlebende der Varusschlacht führten ihren Kommandanten Germanicus über das Gelände. Hier, hier hatten die Germanen die hochrangigen Offiziere, die Tribune und Zenturionen bei lebendigem Leib massakriert. Dort, dort hatten sie Numonius Vala mit ihren Schwertern vom Pferd geschlagen, als er einen Ausfall über den Fluss versuchte. Gleich daneben wurde Lucius Eggius getöte. Ceionius ergab sich, als er gewahr wurde, dass es keine Chance zur Flucht gab. Und drüben, drüben hatte sich Publius Quinctilius Varus, Roms Statthalter in Germanien, schon schwer verwundet in sein Schwert gestürzt.
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Germanicus ließ die Gebeine der Toten beerdigen. Was an Waffen und sonstiger Gerätschaft noch herumlag, war durch Schlacht und Zeit unbrauchbar geworden. Das Wichtigste hatten die Germanen geplündert. Wenn er auf seine Leute sah - vier der acht Legionen hatten ihn nach Kalkriese begleitet -, dann ahnte er, dass sie der Marsch zum alten Schlachtgelände nicht demoralisiert hatte, im Gegenteil: Die Wut war maßlos. Sie würden die Schmach der Varusniederlage diesem Arminius, dem in römisches Tuch gewandeten Germanen, heimzahlen, und wenn es das Letzte wäre, was die Römer in dieser Hölle von einem Waldland zu besorgen hatten ...
Wut ist kein guter Ratgeber. Germanicus und Arminius stießen an der Porta Westfalica, auf dem Idistavisischen Feld (an der Weser) und am Angrivarierwall (vermutlich am Steinhuder Meer) aufeinander. Die Verluste der Germanen waren enorm, doch konnte von römischen Siegen nicht die Rede sein. Der ungestüme Germanicus lief jedesmal Gefahr, aufgerieben zu werden und seine Legionen einzubüßen.
Kaiser Tiberius machte das Beste aus dem amateurhaften Verhalten seines erklärten Nachfolgers. Er ließ Germanicus in Rom mit einem Triumphzug feiern, bei dem als Beute auch Arminius' Frau Thusnelda dem römischen Plebs vorgeführt wurde, doch nur um ihn bald darauf in den Nahen Osten strafzuversetzen.
Dort starb Germanicus im Alter von 33 Jahren, angeblich im Auftrag von Tiberius vergiftet.
Das Abenteuer Germania magna war für das Imperium Romanum beendet. Was folgte, war die Sicherung der Grenzen, der Bau des Grenzwalls Limes inklusive. Detlef Hartlap
Die Nordbarbaren, das waren Kelten und Germanen, galten in den Augen der Römer als schöne Menschen. Man hatte, wie der Geschichtsschreiber Strabo festhält, eine gewisse Ehrfurcht vor jedem, der "größer und heller war als du selbst". Groß waren sie tatsächlich, die Germanen, einsachtzig die Männer, die Frauen oft über einssechzig Meter.
Aber schön? Sie müssen furchtbar schmutzig gewesen sein, denn wer immer nur in kaltem Wasser baden kann, schwänzt schon mal ein Waschen, besonders im Winter. ... mehr
"Sobald Cäsar erfahren hatte, wo sich ein feindliches Heer befand, griff er es entweder sofort an oder traf Vorsichtsmaßnahmen, um das Heer später zu besiegen, oder zog sich zurück."
So schreibt die Historikerin Christine Trzaska-Richter in ihrer Arbeit über Das Germanenbild der Römer: "Niemals jedoch ließ er wissentlich eine größere feindliche Streitmacht unbeachtet, um weiter vorzudringen." Viele, die Cäsar nachfolgen sollten bis hin zum unglücklichen Varus, ...mehr
Der Rhein war für Cäsar die Demarkationslinie des Römischen Reiches. Zweimal hatte er in den Fünfzigerjahren des letzten vorchristlichen Jahrhunderts den Strom nach aufwändigem Brückenbau überschritten, danach war sein Interesse am großen Germanien - Germania Magna - erlahmt.
Cäsar begnügte sich mit dem linksrheinischen Kleingermanien, das für ihn im weiteren Sinne zu Gallien gehörte und wo sich Stämme wie die Ubier in der Kölner Bucht für die Annehmlichkeiten römischer Lebensart empfänglich zeigten. ... mehr
Der größtmögliche Glücksfall der Geschichtsschreibung tritt ein, wenn sich antike Berichte und neue archäologische Funde ergänzen und gegenseitig bestätigen. Das geschah vor knapp 20 Jahren in der Nähe von Oberammergau. Man fand drei Dolche, 350 Pfeilspitzen und zwanzig massive Katapultgeschossspitzen, alle römischer Herkunft.
Man hätte sie nicht mehr gefunden, wenn die an diesem Ort besiegten Kelten oder Germanen sie nicht zusammengeklaubt und einer ihrer Gottheiten als Opfer dargebracht hätten. So blieben die Waffen erhalten. ... mehr
Drusus trat seine neue Aufgabe als Statthalter von Gallien im Jahr 13 v. Chr. an. Der jüngere Sohn der Livia und Stiefsohn des Augustus war 25 Jahre alt, hatte seine Feuertaufe auf einem Feldzug in den Alpen bestanden und galt als strahlende militärische Hoffnung.
Ein Flair von jener Zuversicht umwehte ihn, die sehr viel spätere Generationen mit dem Namen Kennedy verbinden sollten: Jugendlicher Elan, Offenheit nach allen Seiten und eine republikanische Einstellung, die anders als bei Augustus über jeden demokratischen Zweifel erhaben war. Die Römer liebten ihn. ... mehr
Schnell ist der himmelhohe Unterschied beschrieben, der zwischen dem Lebensstandard der Römer und dem der Germanen klafft. Dort, in Rom, ein Luxus, der die Antike ins Licht einer zivilisatorischen Morgenröte hebt. Ein californian way of life 2000 Jahre vor seiner Zeit. Vollgepackt mit selbstbewussten Lebedamen und genialen Dichtern, blendenden Rednern und superreichen Geschäftsleuten, mit einem ausgeprägten Sinn für Dolce Vita und gleichzeitiger Sehnsucht nach der Reinheit des Landlebens.
Und über allem die Bereitschaft, den Ehrentod fürs Vaterland zu sterben. ... mehr
Die letzten Tage vor dem Aufbruch in den Untergang verbrachte Publius Quinctilius Varus in einem Sommerlager irgendwo in Germanien. Oft ist die Vermutung angestellt worden, dieses Lager habe sich in der Nähe von Minden befunden. In Zusammenhang mit der Varusschlacht werden Vermutungen, kaum niedergeschrieben, schnell zur Gewissheit.
Wenn wir in dieser und den nächsten Folgen den Versuch unternehmen, das Geschehen des Jahres 9 n. Chr. vom Sockel des großen Schlachtendenkmals zu stoßen und Überlegungen anstellen, warum Rom & Kaiser so sehr auf eine Legende von Verrat und Untergang erpicht waren, dann müssen wir ein paar liebgewordene Zöpfe abschneiden und die Lücken eingestehen, die für Archäologen und Historiker nach wie vor bestehen. ... mehr
Er war tüchtig im Kampf und rasch in seinem Denken, ein beweglicherer Geist, als es die Barbaren gewöhnlich sind." So beschreibt der Römer Velleius Paterculus den Befreier Germaniens. Kunststück!, möchte man da rufen. Die Römer hätten sich niemals eingestanden, von einem bauernschlauen Hinterwäldler besiegt worden zu sein. So war es auch nicht. Trotzdem legt Paterculus noch einmal nach: "Das Feuer seines Geistes verriet sich schon im Blick seiner Augen." Objektivität klingt anders.
Und doch fällt dem Urteil des Paterculus über Arminius Gewicht zu. Es kann nämlich sein, dass er ihn gekannt hat. Dass beide, Paterculus und Arminius, einige Zeit Seit' an Seit' im Heer des Tiberius marschierten. ... mehr
Kann man einen Beweggrund ausgraben? Lässt sich im Staub der Geschichte die Motivation für eine auf den ersten Blick wahnwitzig anmutende Tat ausfindig machen?
Die Archäologie im südöstlichen Niedersachen, dem Siedlungsgebiet der Cherusker, steckt in den Kinderschuhen. Das ist seltsam. Bei allem Gewese, das seit 500 Jahren um den Cherusker Arminius/Hermann gemacht wird, nimmt es doch Wunder, dass bis 1996 nur 55 Siedlungsplätze dieses Volkes ausgegraben wurden. ... mehr
Georg Spalatin, ein guter Freund Martin Luthers, verfasste 1535 eine Abhandlung mit dem wunderbaren Titel "Von dem theuren Deudschen Fürsten Arminio: Ein kurtzer auszug aus glaubwirdigen latinischen Historien". Diese Geschichtserzählungen wirkten damals frischer als heute die deutsche Wiedervereinigung.
1455 waren in der Abtei Hersfeld einige Schriften des Publius Cornelius Tacitus gefunden worden, darunter das Buch "de Origine et situ Germaniae", gemeinhin als Germania bekannt. ... mehr
Vergessen Sie alle Beschreibungen der Varusschlacht, die Sie je gelesen haben! Kein Mensch weiß, wie das Ungeheuerliche vonstatten ging. Das Ungeheuerliche? Davon muss die Rede sein, wenn eine Berufsarmee, nicht eben klein, sondern drei Legionen stark, gegen einen Haufen Desperados den Kürzeren zieht.
Äußerungen zur Varusschlacht können immer nur Mutmaßungen sein. Man kann sich den Riesentross der Römer vorstellen, wie er nach Westen zog. Das ist aus vielen Militärberichten herauszulesen und erfolgte übrigens nach strikten Regeln. ... mehr
Ausstellungen, wenn sie gut sind, können ein überliefertes Geschichtsbild verändern. Auf Kunstwerken, Dynastien, Feldherren liegt häufig eine Patina von Meinungen und Urteilen, die bei näherer Betrachtung unhaltbar geworden sind. Als Prisma im April dieses Jahres den Direktor des Römermuseums in Haltern am See, Dr. Rudolf Aßkamp, nach möglichen neuen Erkenntnissen fragte, sagte er: "Vielleicht hat sich am Ende dieses Jahres unser Bild von Varus, dem großen Verlierer, gewandelt."
Nun ist das Jahr noch nicht vorüber. Aber die Trinität der großen Gedenk- und Nachdenkausstellungen mit ihren insgesamt mehr als 300000 Besuchern geht in ihre Endphase: ... mehr
Fotos: akg-images/Gilles Mermet, akg-images