prisma-Serie zur Varusschlacht (2)

Wo die Wilden Kerle hausen

Kelten und Römer nannten sie Germanen, aber das wussten sie nicht. Ihr Traum war ein Bad in warmem Wasser

Arminius zieht in den Kampf, Thusnelda wünscht ihm alles Gute
¿T?
Die Nordbarbaren, das waren Kelten und Germanen, galten in den Augen der Römer als schöne Menschen. Man hatte, wie der Geschichtsschreiber Strabo festhält, eine gewisse Ehrfurcht vor jedem, der "größer und heller war als du selbst". Groß waren sie tatsächlich, die Germanen, einsachtzig die Männer, die Frauen oft über einssechzig Meter. Aber schön? Sie müssen furchtbar schmutzig gewesen sein, denn wer immer nur in kaltem Wasser baden kann, schwänzt schon mal ein Waschen, besonders im Winter. Sie verwendeten Pomade fürs Haar, was von Eitelkeit zeugt, aber die Pomade bestand aus reiner Butter, was ziemlich gestunken haben muss. Die Fellkleider waren eher ungeschickt geschnitten und ließen eine Menge Haut sehen. Man weiß das, weil die Zahl der Leichenfunde, von den Mooren gut konserviert, fast so wie der Hochtiroler Ötzi, recht groß ist. Ob die Manneskraft der Barbaren tatsächlich so unerschöpflich gewesen ist, wie man in Rom munkelte, ist allerdings unbewiesen. Man erzählte sich auch, dass es einem Germanen verboten sei, vor dem 20. Lebensjahr Geschlechtsverkehr zu haben.

Viel Zeit zur Fortpflanzung blieb dann nicht, denn die Funde besagen, dass 30 Jahre ein gängiges Sterbealter war. Es war kein Spaß, Germane zu sein. Die Menschen litten an Arthrose und Zahnschmerzen. Bei vielen waren die Wirbelsäulen deformiert, und gegen Infektionskrankheiten war den Germanen, anders als manche Esoteriker heute glauben machen wollen, kein Kraut gewachsen. Kein Wunder, dass sie immer wieder nach Westen und Süden ausbüxen wollten. Dort war das Klima freundlicher, und die Wälder standen nicht gar so dicht. Zu Hause lebten sie in einfachen Häusern, in Pfostenbauweise errichtet und in die Erde vertieft, bedeckt mit Stroh oder Schilf. Für die Wandfüllung zwischen den Pfosten nahmen sie Flechtwerk, das mit Lehmbewurf abgedichtet wurde.

Die Römer genossen unterdessen warme Bäder, hielten auf Körperhygiene und milderten die Zumutungen des Winters mit Fußbodenheizung. Wo? Fern in Rom, der Hauptstadt der Welt? Oder noch weiter südlich im Luxusbad und Sündenpfuhl Pompei?

Nein, gleich drüben auf der anderen Rheinseite, in Borbetomagus (Worms) und Augusta Treverorum (Trier), bald auch in Novaesium (Neuss), Confluentes (Koblenz) und Bonna (Bonn).

Ein weites Land mit wenig wetterfesten Immobilien: Den Römern war's ein Graus
¿T?
Die germanischen Völker, die an solchen Errungenschaften der Zivilisation teilhaben durften, die Vangionen etwa oder die Treverer, wurden von den Waldbewohnern rechts des Rheins zwar nicht als bessergestellte Verwandtschaft angesehen, aber neidisch war man doch.

Besonders die Ubier, die "Üppigen", die unter dem Schutz der Römer im Gebiet des heutigen Köln siedeln durften, wurden von den Wilden Kerlen in Großgermanien, Germania Magna, wie die Römer sagten, verachtet. Sie galten als verschlagen und verweichlicht.

Weiter landeinwärts in Germanien stoßen wir im ersten vor- und nachchristlichen Jahrhundert auf die Usipeter am Niederrhein, die im Ruf standen, gute Reiter zu sein, auf die Brukterer (Leute vom Bruch?), die nördlich der Lupia (Lippe) siedelten, oder auf die Ampsivarier an der Ems, die Chauken (Hohen) und die Friesen (Freien) - und natürlich auf die Cherusker (Hirschleute), jenem Volk, dem Arminius entstammte, und das uns in dieser Serie noch beschäftigen wird.

"Germanen" nannte sich keines dieser Völker, sie ahnten nicht einmal, dass diese Bezeichnung existierte. Tief im westlichen Keltenland stand sie in Gebrauch, und es gab einen römischen Feldherrn namens Gaius Julius Cäsar, der sich eines Tages angeregt nach dieser Bezeichnung erkundigte.

Vermutlich verstand er sie nicht ganz richtig (es war niemand da, der ihm das Wort hätte aufschreiben können), aber er notierte es mit den bekannten weitreichenden Folgen. Unter den vielen Namen für Deutschland (Alemania, Saksa, Tyskland etc.) ist das von Cäsars "Germania" abgeleitete englische Germany das gebräuchlichste.

Der erste Germanenstamm aber, mit dem Cäsar es bei seiner Kampagne im Keltenland (lateinisch: Gallien) zu tun bekam, war der größte und fürchterlichste von allen: Die Suebi - Schwaben. dh


prisma-Serie zur Varusschlacht

  • Erster Teil: Roms Angst vor den Wäldern
  • Knochen überall! Obwohl der feuchte germanische Boden eine Menge Spuren verwischt hatte, stand der römische Feldherr mit dem Ehrennamen Germanicus inmitten von Gebeinen. Die Gräben waren versandet, Unkraut überwucherte die Wege. Sechs Jahre vorher waren an dieser Stelle drei Legionen in einen germanischen Hinterhalt geraten. Drei Legionen, drei Reiter-Bataillone und sechs Einheiten sogenannter Hilfstruppen. Vorsichtig geschätzt waren in wenigen Tagen 14000 Mann ums Leben gekommen.

    Diesen Ort aufzusuchen war nicht ungefährlich für Germanicus, und es war eher ein Zeichen von Schwäche als von Tapferkeit. Er hatte eine schwere Kampfsaison hinter sich. Mit seinen acht Legionen... mehr

  • Dritter Teil: Im Herz der germanischen Finsternis war kein Profit zu machen
  • "Sobald Cäsar erfahren hatte, wo sich ein feindliches Heer befand, griff er es entweder sofort an oder traf Vorsichtsmaßnahmen, um das Heer später zu besiegen, oder zog sich zurück."

    So schreibt die Historikerin Christine Trzaska-Richter in ihrer Arbeit über Das Germanenbild der Römer: "Niemals jedoch ließ er wissentlich eine größere feindliche Streitmacht unbeachtet, um weiter vorzudringen." Viele, die Cäsar nachfolgen sollten bis hin zum unglücklichen Varus, ...mehr

  • Vierter Teil: Für ein paar Amphoren Wein?

    Der Rhein war für Cäsar die Demarkationslinie des Römischen Reiches. Zweimal hatte er in den Fünfzigerjahren des letzten vorchristlichen Jahrhunderts den Strom nach aufwändigem Brückenbau überschritten, danach war sein Interesse am großen Germanien - Germania Magna - erlahmt.

    Cäsar begnügte sich mit dem linksrheinischen Kleingermanien, das für ihn im weiteren Sinne zu Gallien gehörte und wo sich Stämme wie die Ubier in der Kölner Bucht für die Annehmlichkeiten römischer Lebensart empfänglich zeigten. ... mehr

  • Fünfter Teil: Wie man sich ein Reich um den Finger wickelt

    Der größtmögliche Glücksfall der Geschichtsschreibung tritt ein, wenn sich antike Berichte und neue archäologische Funde ergänzen und gegenseitig bestätigen. Das geschah vor knapp 20 Jahren in der Nähe von Oberammergau. Man fand drei Dolche, 350 Pfeilspitzen und zwanzig massive Katapultgeschossspitzen, alle römischer Herkunft.

    Man hätte sie nicht mehr gefunden, wenn die an diesem Ort besiegten Kelten oder Germanen sie nicht zusammengeklaubt und einer ihrer Gottheiten als Opfer dargebracht hätten. So blieben die Waffen erhalten. ... mehr

  • Sechster Teil: Mit blindem Eifer in den frühen Tod

    Drusus trat seine neue Aufgabe als Statthalter von Gallien im Jahr 13 v. Chr. an. Der jüngere Sohn der Livia und Stiefsohn des Augustus war 25 Jahre alt, hatte seine Feuertaufe auf einem Feldzug in den Alpen bestanden und galt als strahlende militärische Hoffnung.

    Ein Flair von jener Zuversicht umwehte ihn, die sehr viel spätere Generationen mit dem Namen Kennedy verbinden sollten: Jugendlicher Elan, Offenheit nach allen Seiten und eine republikanische Einstellung, die anders als bei Augustus über jeden demokratischen Zweifel erhaben war. Die Römer liebten ihn. ... mehr

  • Siebter Teil: Das Arminius-Rätsel

    Schnell ist der himmelhohe Unterschied beschrieben, der zwischen dem Lebensstandard der Römer und dem der Germanen klafft. Dort, in Rom, ein Luxus, der die Antike ins Licht einer zivilisatorischen Morgenröte hebt. Ein californian way of life 2000 Jahre vor seiner Zeit. Vollgepackt mit selbstbewussten Lebedamen und genialen Dichtern, blendenden Rednern und superreichen Geschäftsleuten, mit einem ausgeprägten Sinn für Dolce Vita und gleichzeitiger Sehnsucht nach der Reinheit des Landlebens.

    Und über allem die Bereitschaft, den Ehrentod fürs Vaterland zu sterben. ... mehr

  • Achter Teil: Die Provinz, die niemals eine war

    Die letzten Tage vor dem Aufbruch in den Untergang verbrachte Publius Quinctilius Varus in einem Sommerlager irgendwo in Germanien. Oft ist die Vermutung angestellt worden, dieses Lager habe sich in der Nähe von Minden befunden. In Zusammenhang mit der Varusschlacht werden Vermutungen, kaum niedergeschrieben, schnell zur Gewissheit.

    Wenn wir in dieser und den nächsten Folgen den Versuch unternehmen, das Geschehen des Jahres 9 n. Chr. vom Sockel des großen Schlachtendenkmals zu stoßen und Überlegungen anstellen, warum Rom & Kaiser so sehr auf eine Legende von Verrat und Untergang erpicht waren, dann müssen wir ein paar liebgewordene Zöpfe abschneiden und die Lücken eingestehen, die für Archäologen und Historiker nach wie vor bestehen. ... mehr

  • Neunter Teil: Das Geheimnis eines plötzlichen Wandels

    Er war tüchtig im Kampf und rasch in seinem Denken, ein beweglicherer Geist, als es die Barbaren gewöhnlich sind." So beschreibt der Römer Velleius Paterculus den Befreier Germaniens. Kunststück!, möchte man da rufen. Die Römer hätten sich niemals eingestanden, von einem bauernschlauen Hinterwäldler besiegt worden zu sein. So war es auch nicht. Trotzdem legt Paterculus noch einmal nach: "Das Feuer seines Geistes verriet sich schon im Blick seiner Augen." Objektivität klingt anders.

    Und doch fällt dem Urteil des Paterculus über Arminius Gewicht zu. Es kann nämlich sein, dass er ihn gekannt hat. Dass beide, Paterculus und Arminius, einige Zeit Seit' an Seit' im Heer des Tiberius marschierten. ... mehr

  • Zehnter Teil: Ich bringe den Kopf des Varus

    Kann man einen Beweggrund ausgraben? Lässt sich im Staub der Geschichte die Motivation für eine auf den ersten Blick wahnwitzig anmutende Tat ausfindig machen?

    Die Archäologie im südöstlichen Niedersachen, dem Siedlungsgebiet der Cherusker, steckt in den Kinderschuhen. Das ist seltsam. Bei allem Gewese, das seit 500 Jahren um den Cherusker Arminius/Hermann gemacht wird, nimmt es doch Wunder, dass bis 1996 nur 55 Siedlungsplätze dieses Volkes ausgegraben wurden. ... mehr

  • Elfter Teil: Der Tod hat späte Zeugen

    Georg Spalatin, ein guter Freund Martin Luthers, verfasste 1535 eine Abhandlung mit dem wunderbaren Titel "Von dem theuren Deudschen Fürsten Arminio: Ein kurtzer auszug aus glaubwirdigen latinischen Historien". Diese Geschichtserzählungen wirkten damals frischer als heute die deutsche Wiedervereinigung.

    1455 waren in der Abtei Hersfeld einige Schriften des Publius Cornelius Tacitus gefunden worden, darunter das Buch "de Origine et situ Germaniae", gemeinhin als Germania bekannt. ... mehr

  • Zwölfter Teil: Zug ins Verderben

    Vergessen Sie alle Beschreibungen der Varusschlacht, die Sie je gelesen haben! Kein Mensch weiß, wie das Ungeheuerliche vonstatten ging. Das Ungeheuerliche? Davon muss die Rede sein, wenn eine Berufsarmee, nicht eben klein, sondern drei Legionen stark, gegen einen Haufen Desperados den Kürzeren zieht.

    Äußerungen zur Varusschlacht können immer nur Mutmaßungen sein. Man kann sich den Riesentross der Römer vorstellen, wie er nach Westen zog. Das ist aus vielen Militärberichten herauszulesen und erfolgte übrigens nach strikten Regeln. ... mehr


Fotos: Lippisches Landesmuseum Detmold/J. Ihle, Sten Porse


Werbung