| prisma-Serie zur Varusschlacht (3) |
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So schreibt die Historikerin Christine Trzaska-Richter in ihrer Arbeit über Das Germanenbild der Römer: "Niemals jedoch ließ er wissentlich eine größere feindliche Streitmacht unbeachtet, um weiter vorzudringen."
Viele, die Cäsar nachfolgen sollten bis hin zum unglücklichen Varus, verfügten nicht über die strategische Weisheit des Eroberers von Gallien und Britannien und wurden in Germanien mit Niederlagen bestraft, wie sie das Imperium Romanum, das größte Weltreich aller Zeit, nicht gewohnt war.
In der ersten Folge unserer Serie zur Varusschlacht begleiteten wir den jungen Germanicus im Herbst des Jahres 15 n. Chr. an den Ort, an dem Varus und seine drei Legionen sechs Jahre zuvor niedergemetzelt worden waren.
Wir haben erfahren, dass Kaiser Tiberius in Rom über die Rachefeldzüge des Germanicus erbost war: Der Kaiser hatte sich auf jene Strategie besonnen, die 70 Jahre vorher von Cäsar ausgegeben worden war: Bis zum Rhein und nicht weiter! In der zweiten Folge betrachteten wir das harte und oft kurze Leben der Cherusker, Chauken und Brukterer. Von den Kelten auf der anderen Rheinseite wurden sie "Germanen" genannt, ohne sich selbst einen Reim darauf machen zu können. Germanischen Ursprungs ist das Wort nicht. Lateinisch ist es auch nicht. Niemand kann seriös sagen, was "Germane" bedeutet.
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Cäsar mag mehrere Gründe gehabt haben, das Keltenland (Gallien) zu erobern. Ein besonders wichtiger war: Er hatte Schulden. In Relation zum damaligen Geldumlauf war er ein Lehman Brother seiner Zeit, doch vermied er den Konkurs. Die Eroberung einer blühenden Landschaft wie Gallien brachte Ruhm, das sicher auch, vor allem aber verhalf sie ihm zu unermesslichem Reichtum. In Gallien stieß er erstmals auf Germanen, genauer auf Sueben (Schwaben). Unter Führung ihres Königs Ariovist schickten sie sich gerade an, ins gelobte Gallien zu ziehen.
Die Sueben waren mehr als ein Volk, eher ein Völkerbund, dessen Einfluss von östlich der Elbe bis zum Bodensee reichte.
"Schwab!", schimpfen heute noch Polen wie Schweizer, wenn sie einen Deutschen beleidigen wollen, den Sueben sei Dank. Ihre eigentümliche Haartracht - Scheitel auf der einen, Knoten auf der anderen Kopfseite - beeindruckte Cäsar wenig. Er schlug sie in der Nähe des heutigen Mühlhausen vernichtend. Ariovist verschwand auf Nimmerwiedersehen in den Tiefen des Herzynischen Waldes, welcher den Römern ein Hort des Schreckens war und sich bis zu den Karpaten ausdehnte.
Cäsar unternahm selbst zwei Abstecher in das Herz der germanischen Finsternis. Jedesmal kehrte er ohne nennenswerte Beute, dafür aber mit abenteuerlichen Erlebnissen zurück. Sie werden im "Suebenexkurs" des vierten Buches seines De bello Gallico geschildert sowie auch im sechsten Buch. Demnach war der Herzynische Wald von Einhörnern bevölkert, von Elchen, denen die Kniegelenke fehlten, weshalb sie an Bäume gelehnt schliefen, sowie von ungeheuren Auerochsen. Warum schrieb Cäsar solchen Unsinn? Vielleicht sollten die Römer, die seine Berichte genau studierten, amüsiert werden. Aber für dumm verkaufen konnte er sie nicht. Also musste er andere Gründe haben. Manch ein Konkurrent in Rom wunderte sich, dass er nicht auch Germanien einnahm. Gerüchte wurden gestreut, er habe dort eins aufs Haupt bekommen und verheimliche die Niederlage.
Wahrscheinlicher ist, dass Cäsar auf seine ungewohnt launige Art wissen ließ: Liebe Freunde im Senat, Germanien ist ein grausiges Land, da gibt es nichts zu holen. Anders als Gallien, das sich für ihn persönlich zum Dukatenesel entwickelt hatte und für das Römische Reich ein prächtiger Handelspartner wurde - die Gallier importierten Schiffsladungen Wein und exportierten Schmuck und Metall nach Rom -, herrschte unter den germanischen Völkern Armut. Sie bauten Roggen an, kaum genug für den Eigenbedarf. Sie hielten wenig Vieh und litten Hunger.
"It’s the economics, stupid!", pflegte Bill Clinton zu sagen - entscheidend ist immer der wirtschaftliche Nutzen. Cäsar dachte genauso, wenn auch nicht auf Englisch.
Über Jahrzehnte hielt sich Rom an die Cäsar-Doktrin: Der Rhein ist unser Limit. Aber eines Tages wurde das anders und mündete in eine Katastrophe. Mehr dazu in Folge 4 unserer Serie zur Varusschlacht! Detlef Hartlap
Knochen überall! Obwohl der feuchte germanische Boden eine Menge Spuren verwischt hatte, stand der römische Feldherr mit dem Ehrennamen Germanicus inmitten von Gebeinen. Die Gräben waren versandet, Unkraut überwucherte die Wege. Sechs Jahre vorher waren an dieser Stelle drei Legionen in einen germanischen Hinterhalt geraten. Drei Legionen, drei Reiter-Bataillone und sechs Einheiten sogenannter Hilfstruppen. Vorsichtig geschätzt waren in wenigen Tagen 14000 Mann ums Leben gekommen.
Diesen Ort aufzusuchen war nicht ungefährlich für Germanicus, und es war eher ein Zeichen von Schwäche als von Tapferkeit. Er hatte eine schwere Kampfsaison hinter sich. Mit seinen acht Legionen... mehr
Die Nordbarbaren, das waren Kelten und Germanen, galten in den Augen der Römer als schöne Menschen. Man hatte, wie der Geschichtsschreiber Strabo festhält, eine gewisse Ehrfurcht vor jedem, der "größer und heller war als du selbst". Groß waren sie tatsächlich, die Germanen, einsachtzig die Männer, die Frauen oft über einssechzig Meter. Aber schön? Sie müssen furchtbar schmutzig gewesen sein, denn wer immer nur in kaltem Wasser baden kann, schwänzt schon mal ein Waschen, besonders im Winter. Sie verwendeten Pomade fürs Haar, was von Eitelkeit zeugt, aber die Pomade bestand aus reiner Butter, was ziemlich gestunken haben muss.
Die Fellkleider waren eher ungeschickt geschnitten und ließen eine Menge Haut sehen. Man weiß das, ... mehr
Der Rhein war für Cäsar die Demarkationslinie des Römischen Reiches. Zweimal hatte er in den Fünfzigerjahren des letzten vorchristlichen Jahrhunderts den Strom nach aufwändigem Brückenbau überschritten, danach war sein Interesse am großen Germanien - Germania Magna - erlahmt.
Cäsar begnügte sich mit dem linksrheinischen Kleingermanien, das für ihn im weiteren Sinne zu Gallien gehörte und wo sich Stämme wie die Ubier in der Kölner Bucht für die Annehmlichkeiten römischer Lebensart empfänglich zeigten. ... mehr
Der größtmögliche Glücksfall der Geschichtsschreibung tritt ein, wenn sich antike Berichte und neue archäologische Funde ergänzen und gegenseitig bestätigen. Das geschah vor knapp 20 Jahren in der Nähe von Oberammergau. Man fand drei Dolche, 350 Pfeilspitzen und zwanzig massive Katapultgeschossspitzen, alle römischer Herkunft.
Man hätte sie nicht mehr gefunden, wenn die an diesem Ort besiegten Kelten oder Germanen sie nicht zusammengeklaubt und einer ihrer Gottheiten als Opfer dargebracht hätten. So blieben die Waffen erhalten. ... mehr
Drusus trat seine neue Aufgabe als Statthalter von Gallien im Jahr 13 v. Chr. an. Der jüngere Sohn der Livia und Stiefsohn des Augustus war 25 Jahre alt, hatte seine Feuertaufe auf einem Feldzug in den Alpen bestanden und galt als strahlende militärische Hoffnung.
Ein Flair von jener Zuversicht umwehte ihn, die sehr viel spätere Generationen mit dem Namen Kennedy verbinden sollten: Jugendlicher Elan, Offenheit nach allen Seiten und eine republikanische Einstellung, die anders als bei Augustus über jeden demokratischen Zweifel erhaben war. Die Römer liebten ihn. ... mehr
Schnell ist der himmelhohe Unterschied beschrieben, der zwischen dem Lebensstandard der Römer und dem der Germanen klafft. Dort, in Rom, ein Luxus, der die Antike ins Licht einer zivilisatorischen Morgenröte hebt. Ein californian way of life 2000 Jahre vor seiner Zeit. Vollgepackt mit selbstbewussten Lebedamen und genialen Dichtern, blendenden Rednern und superreichen Geschäftsleuten, mit einem ausgeprägten Sinn für Dolce Vita und gleichzeitiger Sehnsucht nach der Reinheit des Landlebens.
Und über allem die Bereitschaft, den Ehrentod fürs Vaterland zu sterben. ... mehr
Die letzten Tage vor dem Aufbruch in den Untergang verbrachte Publius Quinctilius Varus in einem Sommerlager irgendwo in Germanien. Oft ist die Vermutung angestellt worden, dieses Lager habe sich in der Nähe von Minden befunden. In Zusammenhang mit der Varusschlacht werden Vermutungen, kaum niedergeschrieben, schnell zur Gewissheit.
Wenn wir in dieser und den nächsten Folgen den Versuch unternehmen, das Geschehen des Jahres 9 n. Chr. vom Sockel des großen Schlachtendenkmals zu stoßen und Überlegungen anstellen, warum Rom & Kaiser so sehr auf eine Legende von Verrat und Untergang erpicht waren, dann müssen wir ein paar liebgewordene Zöpfe abschneiden und die Lücken eingestehen, die für Archäologen und Historiker nach wie vor bestehen. ... mehr
Er war tüchtig im Kampf und rasch in seinem Denken, ein beweglicherer Geist, als es die Barbaren gewöhnlich sind." So beschreibt der Römer Velleius Paterculus den Befreier Germaniens. Kunststück!, möchte man da rufen. Die Römer hätten sich niemals eingestanden, von einem bauernschlauen Hinterwäldler besiegt worden zu sein. So war es auch nicht. Trotzdem legt Paterculus noch einmal nach: "Das Feuer seines Geistes verriet sich schon im Blick seiner Augen." Objektivität klingt anders.
Und doch fällt dem Urteil des Paterculus über Arminius Gewicht zu. Es kann nämlich sein, dass er ihn gekannt hat. Dass beide, Paterculus und Arminius, einige Zeit Seit' an Seit' im Heer des Tiberius marschierten. ... mehr
Kann man einen Beweggrund ausgraben? Lässt sich im Staub der Geschichte die Motivation für eine auf den ersten Blick wahnwitzig anmutende Tat ausfindig machen?
Die Archäologie im südöstlichen Niedersachen, dem Siedlungsgebiet der Cherusker, steckt in den Kinderschuhen. Das ist seltsam. Bei allem Gewese, das seit 500 Jahren um den Cherusker Arminius/Hermann gemacht wird, nimmt es doch Wunder, dass bis 1996 nur 55 Siedlungsplätze dieses Volkes ausgegraben wurden. ... mehr
Georg Spalatin, ein guter Freund Martin Luthers, verfasste 1535 eine Abhandlung mit dem wunderbaren Titel "Von dem theuren Deudschen Fürsten Arminio: Ein kurtzer auszug aus glaubwirdigen latinischen Historien". Diese Geschichtserzählungen wirkten damals frischer als heute die deutsche Wiedervereinigung.
1455 waren in der Abtei Hersfeld einige Schriften des Publius Cornelius Tacitus gefunden worden, darunter das Buch "de Origine et situ Germaniae", gemeinhin als Germania bekannt. ... mehr
Vergessen Sie alle Beschreibungen der Varusschlacht, die Sie je gelesen haben! Kein Mensch weiß, wie das Ungeheuerliche vonstatten ging. Das Ungeheuerliche? Davon muss die Rede sein, wenn eine Berufsarmee, nicht eben klein, sondern drei Legionen stark, gegen einen Haufen Desperados den Kürzeren zieht.
Äußerungen zur Varusschlacht können immer nur Mutmaßungen sein. Man kann sich den Riesentross der Römer vorstellen, wie er nach Westen zog. Das ist aus vielen Militärberichten herauszulesen und erfolgte übrigens nach strikten Regeln. ... mehr
Fotos: Amadscientist, Suebenknoten entnommen aus "Moorleichen in Schleswig Holstein"/Wachholtz Verlag