prisma-Serie zur Varusschlacht (4)

Für ein paar Amphoren Wein?

Es war wohl nur eine Fehde, die Germanien unvermutet ins Zentrum römischer Aufmerksamkeit rückte

Oktavia sinkt wie von Sinnen in den Schoß ihres Bruders Augustus und Kaiserin Livia lauscht gebannt Vergils Vortrag
¿T?
Der Rhein war für Cäsar die Demarkationslinie des Römischen Reiches. Zweimal hatte er in den Fünfzigerjahren des letzten vorchristlichen Jahrhunderts den Strom nach aufwändigem Brückenbau überschritten, danach war sein Interesse am großen Germanien - Germania Magna - erlahmt.

Cäsar begnügte sich mit dem linksrheinischen Kleingermanien, das für ihn im weiteren Sinne zu Gallien gehörte und wo sich Stämme wie die Ubier in der Kölner Bucht für die Annehmlichkeiten römischer Lebensart empfänglich zeigten. Außerdem dienten sie als Puffer gegen beutehungrige Germanen aus dem Dschungel rechts des Rheins.

Die Grenzziehung der Römer blieb allerdings eine einseitige Festlegung. Die Germanen kamen und gingen, der Strom bildete ein Hindernis mit eingeschränkter Wirkung.

Umgekehrt wagten sich römische Händler tief ins innere Germanien. Was Legionären und ihren Dienstherren noch verwehrt blieb, stand dem Handel offen. Bernstein von der Ostsee galt in Rom als letzter Schrei und wurde von mutigen Kaufleuten herbeigeschafft.

Die Germanen erwarben, wie zahllose Funde belegen, römische Kessel und Töpfe und waren verrückt nach dem süßen Geschmack des Südens, dem Wein. Das ist sprachlich zu belegen. Das althochdeutsche Wort für Kaufmann war choufo oder koufa. Daraus entstand unser Wort kaufen. Beides, koufa und kaufen, leitet sich wiederum von caupo her. So hieß im alten Rom der Weinhändler.

Die germanisch-römische Koexistenz auf beiden Ufern des Rheins mag nie vollständig friedlich gewesen sein, aber man hatte sich im Großen und Ganzen arrangiert. Kleine Gefechte ereigneten an allen Rändern des Riesenreiches, am Rhein ebenso wie am Euphrat bei den Parthern. Kriege entstanden daraus für gewöhnlich nicht.

Im Jahr 17 v. Chr., am Ende eines langen germanischen Sommers, passierte allerdings etwas, das den Status quo beendete und die Geschichte der nächsten 32 Jahre in Blut tränken sollte. Drei germanische Stämme taten sich zusammen, um einige römische Bürger, sehr wahrscheinlich Handelsleute, gefangen zu nehmen und am Kreuz hinzurichten. Die Todesart verblüfft. Es handelte sich um das Nachahmen einer grausamen römischen Methode. Die Henker banden oder nagelten die Arme der nackten Opfer an einen Querbalken, der an einem Baum befestigt wurde. Das hätte zu einem schnellen Tod geführt, wenn nicht Füße oder Gesäß durch Anbringung eines Holzklotzes entlastet worden wären. Auf diese Weise zog sich das Sterben oft über Tage hin.

Es ist vorstellbar, dass sich die Germanen - es handelte sich um Usipeter, Sugambrer und Tenkterer - von den Händlern übers Ohr gehauen fühlten. Vielleicht war es eine Weinlieferung, die nicht ihren Vorstellungen entsprach. Auch die Indianer Nordamerikas reagierten heftig, wenn sie entdeckten, dass ihnen verdünntes Feuerwasser angedreht worden war. In diesem Fall hätte das Ende der römischen Legionen in der Varusschlacht 9 n. Chr. seinen Ursprung in einem Streit um ein paar Fässer Wein gehabt.

In ihrem Zorn gingen die verbündeten Germanenstämme einen Schritt weiter und überfielen auf der gallischen Seite des Rheins eine römische Reiterei. Auch das wäre normalerweise in die erwähnte Kategorie "kleiner Zwischenfall am Rande der Barbarei" gefallen, doch machten die Germanen einen Fehler: Sie ließen die Standarte der fünften römischen Legion, einen aus schwerem Silber oder Bronze gegossenen Adler (aquila), mitgehen. Der Legionsadler aber war ein Fetisch, wie auch heute noch manches militärische Brimborium eine schwer nachvollziehbare Achtung genießt.

Die ehrpusseligen Römer konnten die Schande des Aquilaverlustes nicht auf sich sitzen lassen. Und mit einem Schlag rückte Germanien ins Zentrum römischer Aufmerksamkeit. Aber war es wirklich nur eine Frage der Ehre, dass sich vom Jahr 17 auf 16 v. Chr. die Weltpolitik änderte? Handelte es tatsächlich um den Beginn einer "Invasion", wie manche Historiker raunen, den Beginn einer Eroberungswelle, die 25 Jahre später Arminius und seine Verbündeten in einen "Freiheitskrieg" zwang?

Kaiser Augustus selbst eilte an die Rheingrenze und blieb drei Jahre. Es gab viel zu tun. Was er anpackte, hatte etwas vom berühmten Ausmisten der Augiasställe, nur dass der körperlich schwächliche Augustus alles andere als ein Herkules war und sein Augias Lollius hieß. Marcus Lollius. Das war der Chef jener Legion, welcher man den Adler stiebitzt hatte. Es war die fünfte Legion, vier Jahrzehnte zuvor von Cäsar selbst gegründet. Das machte alles noch schlimmer. Es handelte sich um die erste Legion, die nicht mit Römern, sondern mit Galliern bestückt war.

In Rom galt Lollius als talentiert, aber auch als geizig, gierig und verschlagen. Er hatte im germanischen Gallien links des Rheins ein Leben in Saus und Braus geführt. Augustus und seine Frau Livia verabscheuten ihn. Noch Jahre später sprach ihr Sohn Tiberius, inzwischen selbst Kaiser, verächtlich von Lollius.

Die "clades Lolliana", die Niederlage des Lollius gegen Usipeter, Sugambrer und Tenkterer stand im Rom der Kaiserzeit ebenbürtig neben dem Varus-Debakel. In unserem Zusammenhang ist es interessant zu sehen, dass viele Eigenschaften des Lollius nach und nach dem Varus angedichtet wurden, der keineswegs geizig, gierig und verschlagen war, jedenfalls deutet kein Zeugnis darauf hin.

Augustus machte Germanien zur Chefsache. Was immer er anpackte, es wirkte wie eine Korrektur des Lollius'schen Laissez-faire. Das bestehende lockere Netz von Städten, Siedlungen und Straßen strukturierte Augustus zu einer Maginot-Linie entlang des Rheins um. Von Nimwegen bis Mainz verbreiteten mächtige Befestigungen bis weit hinüber in die germanischen Wälder die Botschaft: Der Spaß ist aus, Freunde! Mehr Übergriffe dürft ihr euch nicht leisten.

Eine Invasion aber sieht anders aus. Von einem Plan, Germanien zu erobern, war nichts zu sehen.

Es sei denn, man nimmt die Alpenfeldzüge von Tiberius und Drusus, den Stiefsöhnen des Augustus, als Vorboten eines Krieges um Germanien. Detlef Hartlap


prisma-Serie zur Varusschlacht
  • Erster Teil: Roms Angst vor den Wäldern

    Knochen überall! Obwohl der feuchte germanische Boden eine Menge Spuren verwischt hatte, stand der römische Feldherr mit dem Ehrennamen Germanicus inmitten von Gebeinen. Die Gräben waren versandet, Unkraut überwucherte die Wege. Sechs Jahre vorher waren an dieser Stelle drei Legionen in einen germanischen Hinterhalt geraten. Drei Legionen, drei Reiter-Bataillone und sechs Einheiten sogenannter Hilfstruppen. Vorsichtig geschätzt waren in wenigen Tagen 14000 Mann ums Leben gekommen.

    Diesen Ort aufzusuchen war nicht ungefährlich für Germanicus, und es war eher ein Zeichen von Schwäche als von Tapferkeit. Er hatte eine schwere Kampfsaison hinter sich. Mit seinen acht Legionen... mehr

  • Zweiter Teil: Wo die Wilden Kerle hausen

    Die Nordbarbaren, das waren Kelten und Germanen, galten in den Augen der Römer als schöne Menschen. Man hatte, wie der Geschichtsschreiber Strabo festhält, eine gewisse Ehrfurcht vor jedem, der "größer und heller war als du selbst". Groß waren sie tatsächlich, die Germanen, einsachtzig die Männer, die Frauen oft über einssechzig Meter. Aber schön? Sie müssen furchtbar schmutzig gewesen sein, denn wer immer nur in kaltem Wasser baden kann, schwänzt schon mal ein Waschen, besonders im Winter. Sie verwendeten Pomade fürs Haar, was von Eitelkeit zeugt, aber die Pomade bestand aus reiner Butter, was ziemlich gestunken haben muss.

    Die Fellkleider waren eher ungeschickt geschnitten und ließen eine Menge Haut sehen. Man weiß das, ... mehr

  • Dritter Teil: Im Herz der germanischen Finsternis war kein Profit zu machen

    "Sobald Cäsar erfahren hatte, wo sich ein feindliches Heer befand, griff er es entweder sofort an oder traf Vorsichtsmaßnahmen, um das Heer später zu besiegen, oder zog sich zurück."

    So schreibt die Historikerin Christine Trzaska-Richter in ihrer Arbeit über Das Germanenbild der Römer: "Niemals jedoch ließ er wissentlich eine größere feindliche Streitmacht unbeachtet, um weiter vorzudringen." ... mehr

  • Fünfter Teil: Wie man sich ein Reich um den Finger wickelt

    Der größtmögliche Glücksfall der Geschichtsschreibung tritt ein, wenn sich antike Berichte und neue archäologische Funde ergänzen und gegenseitig bestätigen. Das geschah vor knapp 20 Jahren in der Nähe von Oberammergau. Man fand drei Dolche, 350 Pfeilspitzen und zwanzig massive Katapultgeschossspitzen, alle römischer Herkunft.

    Man hätte sie nicht mehr gefunden, wenn die an diesem Ort besiegten Kelten oder Germanen sie nicht zusammengeklaubt und einer ihrer Gottheiten als Opfer dargebracht hätten. So blieben die Waffen erhalten. ... mehr

  • Sechster Teil: Mit blindem Eifer in den frühen Tod

    Drusus trat seine neue Aufgabe als Statthalter von Gallien im Jahr 13 v. Chr. an. Der jüngere Sohn der Livia und Stiefsohn des Augustus war 25 Jahre alt, hatte seine Feuertaufe auf einem Feldzug in den Alpen bestanden und galt als strahlende militärische Hoffnung.

    Ein Flair von jener Zuversicht umwehte ihn, die sehr viel spätere Generationen mit dem Namen Kennedy verbinden sollten: Jugendlicher Elan, Offenheit nach allen Seiten und eine republikanische Einstellung, die anders als bei Augustus über jeden demokratischen Zweifel erhaben war. Die Römer liebten ihn. ... mehr

  • Siebter Teil: Das Arminius-Rätsel

    Schnell ist der himmelhohe Unterschied beschrieben, der zwischen dem Lebensstandard der Römer und dem der Germanen klafft. Dort, in Rom, ein Luxus, der die Antike ins Licht einer zivilisatorischen Morgenröte hebt. Ein californian way of life 2000 Jahre vor seiner Zeit. Vollgepackt mit selbstbewussten Lebedamen und genialen Dichtern, blendenden Rednern und superreichen Geschäftsleuten, mit einem ausgeprägten Sinn für Dolce Vita und gleichzeitiger Sehnsucht nach der Reinheit des Landlebens.

    Und über allem die Bereitschaft, den Ehrentod fürs Vaterland zu sterben. ... mehr

  • Achter Teil: Die Provinz, die niemals eine war

    Die letzten Tage vor dem Aufbruch in den Untergang verbrachte Publius Quinctilius Varus in einem Sommerlager irgendwo in Germanien. Oft ist die Vermutung angestellt worden, dieses Lager habe sich in der Nähe von Minden befunden. In Zusammenhang mit der Varusschlacht werden Vermutungen, kaum niedergeschrieben, schnell zur Gewissheit.

    Wenn wir in dieser und den nächsten Folgen den Versuch unternehmen, das Geschehen des Jahres 9 n. Chr. vom Sockel des großen Schlachtendenkmals zu stoßen und Überlegungen anstellen, warum Rom & Kaiser so sehr auf eine Legende von Verrat und Untergang erpicht waren, dann müssen wir ein paar liebgewordene Zöpfe abschneiden und die Lücken eingestehen, die für Archäologen und Historiker nach wie vor bestehen. ... mehr

  • Neunter Teil: Das Geheimnis eines plötzlichen Wandels

    Er war tüchtig im Kampf und rasch in seinem Denken, ein beweglicherer Geist, als es die Barbaren gewöhnlich sind." So beschreibt der Römer Velleius Paterculus den Befreier Germaniens. Kunststück!, möchte man da rufen. Die Römer hätten sich niemals eingestanden, von einem bauernschlauen Hinterwäldler besiegt worden zu sein. So war es auch nicht. Trotzdem legt Paterculus noch einmal nach: "Das Feuer seines Geistes verriet sich schon im Blick seiner Augen." Objektivität klingt anders.

    Und doch fällt dem Urteil des Paterculus über Arminius Gewicht zu. Es kann nämlich sein, dass er ihn gekannt hat. Dass beide, Paterculus und Arminius, einige Zeit Seit' an Seit' im Heer des Tiberius marschierten. ... mehr

  • Zehnter Teil: Ich bringe den Kopf des Varus

    Kann man einen Beweggrund ausgraben? Lässt sich im Staub der Geschichte die Motivation für eine auf den ersten Blick wahnwitzig anmutende Tat ausfindig machen?

    Die Archäologie im südöstlichen Niedersachen, dem Siedlungsgebiet der Cherusker, steckt in den Kinderschuhen. Das ist seltsam. Bei allem Gewese, das seit 500 Jahren um den Cherusker Arminius/Hermann gemacht wird, nimmt es doch Wunder, dass bis 1996 nur 55 Siedlungsplätze dieses Volkes ausgegraben wurden. ... mehr

  • Elfter Teil: Der Tod hat späte Zeugen

    Georg Spalatin, ein guter Freund Martin Luthers, verfasste 1535 eine Abhandlung mit dem wunderbaren Titel "Von dem theuren Deudschen Fürsten Arminio: Ein kurtzer auszug aus glaubwirdigen latinischen Historien". Diese Geschichtserzählungen wirkten damals frischer als heute die deutsche Wiedervereinigung.

    1455 waren in der Abtei Hersfeld einige Schriften des Publius Cornelius Tacitus gefunden worden, darunter das Buch "de Origine et situ Germaniae", gemeinhin als Germania bekannt. ... mehr

  • Zwölfter Teil: Zug ins Verderben

    Vergessen Sie alle Beschreibungen der Varusschlacht, die Sie je gelesen haben! Kein Mensch weiß, wie das Ungeheuerliche vonstatten ging. Das Ungeheuerliche? Davon muss die Rede sein, wenn eine Berufsarmee, nicht eben klein, sondern drei Legionen stark, gegen einen Haufen Desperados den Kürzeren zieht.

    Äußerungen zur Varusschlacht können immer nur Mutmaßungen sein. Man kann sich den Riesentross der Römer vorstellen, wie er nach Westen zog. Das ist aus vielen Militärberichten herauszulesen und erfolgte übrigens nach strikten Regeln. ... mehr


Foto: The Bridgeman Art Library


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