prisma-Serie zur Varusschlacht (5)

Wie man sich ein Reich um den Finger wickelt

Im alten Rom war der Platz der Frau zu Hause und damit im Hintergrund. Doch Livia Drusilla machte etwas daraus

Perfekte Nodus-Frisur, mütterlich-energische Ausstrahlung: Livia Drusilla Augusta. Sie wurde 85
¿T?
Der größtmögliche Glücksfall der Geschichtsschreibung tritt ein, wenn sich antike Berichte und neue archäologische Funde ergänzen und gegenseitig bestätigen. Das geschah vor knapp 20 Jahren in der Nähe von Oberammergau. Man fand drei Dolche, 350 Pfeilspitzen und zwanzig massive Katapultgeschossspitzen, alle römischer Herkunft.

Man hätte sie nicht mehr gefunden, wenn die an diesem Ort besiegten Kelten oder Germanen sie nicht zusammengeklaubt und einer ihrer Gottheiten als Opfer dargebracht hätten. So blieben die Waffen erhalten.

Sie erzählen uns vom Alpenfeldzug der Brüder Tiberius und Drusus im Jahr 15 v. Chr. Die Stiefsöhne des Augustus, der zur gleichen Zeit am Rhein schwere Befestigungen bauen ließ, waren 26 und 23 Jahre alt und reif für ihre erste militärische Bewährungsprobe. Sie bestanden bravorös. Der jüngere Drusus stürmte mit mehreren gleichzeitig vorrückenden Einheiten geradenwegs über die Alpenpässe und metzelte die Bergbewohner, darunter den Stamm der Räter, rücksichtslos nieder. Tiberius umging die Alpen im Westen. Am Bodensee traf man zusammen und stieß ins alte Keltenland südlich der Donau vor.

Germanien lag nun, wenn man es so sehen will, in einem römischen Zangengriff: Im Westen standen vier bis sechs Legionen am Rhein, im Süden reichte Roms Macht bis an die Donau. Viele Historiker holen an dieser Stelle tief Luft und sagen: Der Boden für den Überfall auf Germanien war bereitet.

Dem stehen zwei Argumente gegenüber, ein politisches und ein sexuelles, und beide ergänzen sich. Die große Aufräumaktion des Augustus in Gallien und auf der Rheinschiene von 16 bis 13 v. Chr. diente vorrangig der Etablierung römischer Zivilisation: Man wollte geregelt Steuern erheben, und dazu bedurfte es einer Volkszählung, ähnlich jener, die zu Maria und Josefs Zeit in Palästina stattfand.

Als Gegenleistung erbaten sich die steuerunwilligen Gallier vor allem eins: Schafft endlich Ordnung und haltet uns die plündernden Germanen vom Hals! Und so wie die deutsche Freiheit am Hindukusch verteidigt wird, nahmen die Römer ihre Interessen am Rhein und manchmal auch darüber hinaus wahr: In forscher Vorwärtsverteidigung.

Der zweite Grund für Augustus' lange Abwesenheit von Rom war sein Verhältnis mit Terentia. Zwar weisen manche Skeptiker darauf hin, wie unwahrscheinlich es doch sei, dass Augustus ausgerechnet mit der Frau seines Beraters und Finanziers Maecenas in Gallien turtelte. Aber erstens war Augustus für seine Rücksichtslosigkeit in sexuellen Dingen berüchtigt, zweitens sind drei Jahre eine lange Zeit; so lange bleibt keine Liaison unbeobachtet, zumal unter wachsamen Römern.

Kurzum, Augustus hatte anderes im Kopf als Angriffsfeldzüge. Und der Alpen-Blitzkrieg seiner Stiefsöhne? Eine Fingerübung, mehr nicht. Zu ihrem Ruhm, gewiss, besonders aber zu seinem eigenen: Ich, Augustus!

Bezeichnenderweise fehlte seine Frau Livia auf der Gallien-Kampagne. Es war das erste Mal überhaupt, das sie ihn nicht begleitete. Livias Familie hatte im Bürgerkrieg (davon wird noch die Rede sein) auf der falschen Seite gestanden. Augustus, der zu jener Zeit, 39. v. Chr., noch Octavian hieß, begnadigte seine Widersacher. Auf einer Party wurde ihm Livia vorgestellt, und er verliebte sich Hals über Kopf. Sie war im sechsten Monat schwanger, aber das störte Octavian nicht. Er zwang ihren Mann, Tiberius Claudius Nero, sich auf der Stelle scheiden zu lassen, so wie auch er sich seiner Frau Scribonia entledigte.

Livia war bereits Mutter von Tiberius, dem älteren und stilleren ihrer Söhne. Zwei Monate nach der Hochzeit am 17. Januar 38 v. Chr. kam Drusus zur Welt, und halb Rom spottete: "Octavian schafft sogar Drei-Monats-Kinder."

Livia sollte 51 Jahre, bis zu seinem Tod, Frau des Augustus bleiben. Die Hitze der ersten Liebe war bald verflogen. Livia erlitt eine Fehlgeburt. Das Paar entfremdete sich, zumindest körperlich. Plinius der Ältere spricht von dissociatio corporum, von einer Abstoßung.

Doch Livias Einfluss auf Augustus, auf das Reich und viele Kaiser, die da kommen sollten, wuchs im selben Maße, wie man sich sexuell entfremdete. Als sie einmal gefragt wurde, wie das möglich sei, antwortete sie: Sie habe sich nie in Augustus' Angelegenheiten gemischt und immer so getan, als merke sie nichts von seinen Liebesaffären.

Kein Wort davon ist wahr. Sie erkannte Augustus' Vorliebe für junge Frauen, besonders für Jungfrauen, und spielte sie ihm nach ihrer Auswahl zu. Sie wurde seine erste Beraterin in allen politischen Fragen. Sie war Adressatin von unendlich vielen Briefen aus der Feder des Augustus. Als er mit zunehmendem Alter ein einsamer und krankhaft misstrauischer Herrscher wurde, wäre er ohne sie hilflos gewesen. Bei Abwesenheit von Augustus fielen ihr die Aufgaben einer Reichsverweserin zu.

Livia machte Karriere auf dem Bildmedium ihrer Zeit, den Münzen. Anfangs wurde sie nur im Osten des Reichs als thea (Göttin) gezeigt, besonders in Ägypten, das einen eigenen Geldkreislauf unterhielt. Mit den Jahren rückte sie zur Mutter auch des westlichen Imperiums auf, immer züchtig im Matronenkleid, mit leichtem Doppelkinn und Nodusfrisur.

Augustus hatte auf der Party 39. v. Chr. keine schlechte Wahl getroffen. Detlef Hartlap


prisma-Serie zur Varusschlacht
  • Erster Teil: Roms Angst vor den Wäldern

    Knochen überall! Obwohl der feuchte germanische Boden eine Menge Spuren verwischt hatte, stand der römische Feldherr mit dem Ehrennamen Germanicus inmitten von Gebeinen. Die Gräben waren versandet, Unkraut überwucherte die Wege. Sechs Jahre vorher waren an dieser Stelle drei Legionen in einen germanischen Hinterhalt geraten. Drei Legionen, drei Reiter-Bataillone und sechs Einheiten sogenannter Hilfstruppen. Vorsichtig geschätzt waren in wenigen Tagen 14000 Mann ums Leben gekommen.

    Diesen Ort aufzusuchen war nicht ungefährlich für Germanicus, und es war eher ein Zeichen von Schwäche als von Tapferkeit. Er hatte eine schwere Kampfsaison hinter sich. Mit seinen acht Legionen... mehr

  • Zweiter Teil: Wo die Wilden Kerle hausen

    Die Nordbarbaren, das waren Kelten und Germanen, galten in den Augen der Römer als schöne Menschen. Man hatte, wie der Geschichtsschreiber Strabo festhält, eine gewisse Ehrfurcht vor jedem, der "größer und heller war als du selbst". Groß waren sie tatsächlich, die Germanen, einsachtzig die Männer, die Frauen oft über einssechzig Meter. Aber schön? Sie müssen furchtbar schmutzig gewesen sein, denn wer immer nur in kaltem Wasser baden kann, schwänzt schon mal ein Waschen, besonders im Winter. Sie verwendeten Pomade fürs Haar, was von Eitelkeit zeugt, aber die Pomade bestand aus reiner Butter, was ziemlich gestunken haben muss.

    Die Fellkleider waren eher ungeschickt geschnitten und ließen eine Menge Haut sehen. Man weiß das, ... mehr

  • Dritter Teil: Im Herz der germanischen Finsternis war kein Profit zu machen

    "Sobald Cäsar erfahren hatte, wo sich ein feindliches Heer befand, griff er es entweder sofort an oder traf Vorsichtsmaßnahmen, um das Heer später zu besiegen, oder zog sich zurück."

    So schreibt die Historikerin Christine Trzaska-Richter in ihrer Arbeit über Das Germanenbild der Römer: "Niemals jedoch ließ er wissentlich eine größere feindliche Streitmacht unbeachtet, um weiter vorzudringen." ... mehr

  • Vierter Teil: Für ein paar Amphoren Wein?

    Der Rhein war für Cäsar die Demarkationslinie des Römischen Reiches. Zweimal hatte er in den Fünfzigerjahren des letzten vorchristlichen Jahrhunderts den Strom nach aufwändigem Brückenbau überschritten, danach war sein Interesse am großen Germanien - Germania Magna - erlahmt.

    Cäsar begnügte sich mit dem linksrheinischen Kleingermanien, das für ihn im weiteren Sinne zu Gallien gehörte und wo sich Stämme wie die Ubier in der Kölner Bucht für die Annehmlichkeiten römischer Lebensart empfänglich zeigten. Außerdem dienten sie als Puffer gegen beutehungrige Germanen aus dem Dschungel rechts des Rheins. ... mehr

  • Sechster Teil: Mit blindem Eifer in den frühen Tod

    Drusus trat seine neue Aufgabe als Statthalter von Gallien im Jahr 13 v. Chr. an. Der jüngere Sohn der Livia und Stiefsohn des Augustus war 25 Jahre alt, hatte seine Feuertaufe auf einem Feldzug in den Alpen bestanden und galt als strahlende militärische Hoffnung.

    Ein Flair von jener Zuversicht umwehte ihn, die sehr viel spätere Generationen mit dem Namen Kennedy verbinden sollten: Jugendlicher Elan, Offenheit nach allen Seiten und eine republikanische Einstellung, die anders als bei Augustus über jeden demokratischen Zweifel erhaben war. Die Römer liebten ihn. ... mehr

  • Siebter Teil: Das Arminius-Rätsel

    Schnell ist der himmelhohe Unterschied beschrieben, der zwischen dem Lebensstandard der Römer und dem der Germanen klafft. Dort, in Rom, ein Luxus, der die Antike ins Licht einer zivilisatorischen Morgenröte hebt. Ein californian way of life 2000 Jahre vor seiner Zeit. Vollgepackt mit selbstbewussten Lebedamen und genialen Dichtern, blendenden Rednern und superreichen Geschäftsleuten, mit einem ausgeprägten Sinn für Dolce Vita und gleichzeitiger Sehnsucht nach der Reinheit des Landlebens.

    Und über allem die Bereitschaft, den Ehrentod fürs Vaterland zu sterben. ... mehr

  • Achter Teil: Die Provinz, die niemals eine war

    Die letzten Tage vor dem Aufbruch in den Untergang verbrachte Publius Quinctilius Varus in einem Sommerlager irgendwo in Germanien. Oft ist die Vermutung angestellt worden, dieses Lager habe sich in der Nähe von Minden befunden. In Zusammenhang mit der Varusschlacht werden Vermutungen, kaum niedergeschrieben, schnell zur Gewissheit.

    Wenn wir in dieser und den nächsten Folgen den Versuch unternehmen, das Geschehen des Jahres 9 n. Chr. vom Sockel des großen Schlachtendenkmals zu stoßen und Überlegungen anstellen, warum Rom & Kaiser so sehr auf eine Legende von Verrat und Untergang erpicht waren, dann müssen wir ein paar liebgewordene Zöpfe abschneiden und die Lücken eingestehen, die für Archäologen und Historiker nach wie vor bestehen. ... mehr

  • Neunter Teil: Das Geheimnis eines plötzlichen Wandels

    Er war tüchtig im Kampf und rasch in seinem Denken, ein beweglicherer Geist, als es die Barbaren gewöhnlich sind." So beschreibt der Römer Velleius Paterculus den Befreier Germaniens. Kunststück!, möchte man da rufen. Die Römer hätten sich niemals eingestanden, von einem bauernschlauen Hinterwäldler besiegt worden zu sein. So war es auch nicht. Trotzdem legt Paterculus noch einmal nach: "Das Feuer seines Geistes verriet sich schon im Blick seiner Augen." Objektivität klingt anders.

    Und doch fällt dem Urteil des Paterculus über Arminius Gewicht zu. Es kann nämlich sein, dass er ihn gekannt hat. Dass beide, Paterculus und Arminius, einige Zeit Seit' an Seit' im Heer des Tiberius marschierten. ... mehr

  • Zehnter Teil: Ich bringe den Kopf des Varus

    Kann man einen Beweggrund ausgraben? Lässt sich im Staub der Geschichte die Motivation für eine auf den ersten Blick wahnwitzig anmutende Tat ausfindig machen?

    Die Archäologie im südöstlichen Niedersachen, dem Siedlungsgebiet der Cherusker, steckt in den Kinderschuhen. Das ist seltsam. Bei allem Gewese, das seit 500 Jahren um den Cherusker Arminius/Hermann gemacht wird, nimmt es doch Wunder, dass bis 1996 nur 55 Siedlungsplätze dieses Volkes ausgegraben wurden. ... mehr

  • Elfter Teil: Der Tod hat späte Zeugen

    Georg Spalatin, ein guter Freund Martin Luthers, verfasste 1535 eine Abhandlung mit dem wunderbaren Titel "Von dem theuren Deudschen Fürsten Arminio: Ein kurtzer auszug aus glaubwirdigen latinischen Historien". Diese Geschichtserzählungen wirkten damals frischer als heute die deutsche Wiedervereinigung.

    1455 waren in der Abtei Hersfeld einige Schriften des Publius Cornelius Tacitus gefunden worden, darunter das Buch "de Origine et situ Germaniae", gemeinhin als Germania bekannt. ... mehr

  • Zwölfter Teil: Zug ins Verderben

    Vergessen Sie alle Beschreibungen der Varusschlacht, die Sie je gelesen haben! Kein Mensch weiß, wie das Ungeheuerliche vonstatten ging. Das Ungeheuerliche? Davon muss die Rede sein, wenn eine Berufsarmee, nicht eben klein, sondern drei Legionen stark, gegen einen Haufen Desperados den Kürzeren zieht.

    Äußerungen zur Varusschlacht können immer nur Mutmaßungen sein. Man kann sich den Riesentross der Römer vorstellen, wie er nach Westen zog. Das ist aus vielen Militärberichten herauszulesen und erfolgte übrigens nach strikten Regeln. ... mehr


Foto: Calidius
Lizenz: GNU-Lizenz für freie Dokumentation, 1.3.

Werbung