prisma-Serie Varusschlacht (6) Freitag, 26. Juni 2009

Mit blindem Eifer in den frühen Tod

Wenn einer den Boden für die Varusniederlage bereitete, dann Drusus, der allzu jugendliche Held

­Die Römer hatten in Germanien ein ­gewaltiges Nachschubproblem. Der ungestüme Drusus löste es nicht
¿T?
Drusus trat seine neue Aufgabe als Statthalter von Gallien im Jahr 13 v. Chr. an. Der jüngere Sohn der Livia und Stiefsohn des Augustus war 25 Jahre alt, hatte seine Feuertaufe auf einem Feldzug in den Alpen bestanden und galt als strahlende militärische Hoffnung.

Ein Flair von jener Zuversicht umwehte ihn, die sehr viel spätere Generationen mit dem Namen Kennedy verbinden sollten: Jugendlicher Elan, Offenheit nach allen Seiten und eine republikanische Einstellung, die anders als bei Augustus über jeden demokratischen Zweifel erhaben war. Die Römer liebten ihn.

Außerdem war er mit Antonia verheiratet, der Tochter von Augustus' Schwester Octavia. Antonia galt als Schönheit, und gemeinsam bildeten sie so etwas wie das Glamour-Paar der beginnenden Kaiserzeit.

Antonia und der zweijährige Sohn Germanicus begleiteten Drusus auf der Reise nach Gallien. Eine lösbare Aufgabe wartete auf ihn. Gallien mit seiner aufstrebenden Hauptstadt Lugdunum (Lyon) war, ungeachtet kleinerer Aufstände, ein beinahe organisch zu nennender Teil des Reiches geworden. Die schwierigeren Aufgaben galt es auf dem Balkan zu lösen, wo sich zunächst Augustus' bester Feldherr Agrippa und nach dessen Tod sein älterer Stiefsohn Tiberius mit wilden und widerspenstigen Völkerschaften herumschlugen. Roms Aufmerksamkeit hatte sich zu diesem Zeitpunkt von Germanien ab- und der Entwicklung der östlichen Provinzen zugewandt.

Drusus selbst sorgte dafür, dass sich das wieder änderte. Die Reise nach Gallien endete mit seinem Tod in Germanien. Schlimmer noch, ausgerechnet der jugendliche Held Drusus bereitete den Boden für das, was 9 n. Chr. passieren sollte. Drusus war Augustus' größte Fehlbesetzung.

Dabei fiel der Anfang durchaus vielversprechend aus. Nach alter Sitte musste er ein paar in Gallien eingefallene Germanenstämme über den Rhein zurückschlagen, was mühelos gelang. Er baute einen 24 Kilometer langen Kanal vom Rhein zur Overijssel. Auf diese Weise fanden die Römer, obgleich sie ungeschickte Seefahrer waren, über Zuidersee und Nordsee einen zweiten, nördlichen Zugang nach Germanien. Ihre Boote schipperten Ems und Weser hinauf. Drusus schloss einen Pakt mit den Friesen, der ihm bald das Leben rettete. Auf der Weser missachtete er die Tücken der Ebbe. Seine Flotte lag wie ein Fisch auf dem Trockenen, leichte Beute für die Germanen. Doch die Friesen waren zur Stelle und befreiten ihn aus der peinlichen Lage.

Im Jahr 11 v. Chr. machte sich Drusus daran, alte Rechnungen zu begleichen. Besonders die Sugambrer, deren Stammesgebiet mit dem heutigen Großraum Dortmund identisch ist, hatten Rom immer wieder geärgert. Sein Vormarsch zu Wasser (auf der Lippe) und zu Lande war jedoch zu langsam, um der Germanen habhaft zu werden. So waren die Sugambrer gerade nicht zu Hause. Aus welchen Gründen auch immer. Gern werden in diesem Zusammenhang römische Geschichtsschreiber zitiert, die behaupten, die Sugambrer hätten sich mit anderen Germanen (den Chauken) geprügelt. Woher wollen sie das wissen?

Tatsache ist, dass sich die Germanen bei Herannahen der Römer in die Wälder zurückzogen und abwarteten. Aus sicherer Distanz erlebten sie, wie Drusus ihre Häuser niederbrannte, ihre Felder verwüstete - und unbesorgt weiterzog. Ein Feind, der nicht sichtbar war, schien ihn nicht zu ängstigen. Drusus rückte bis an die Weser ins Land der Cherusker vor. Auch sie warteten beobachtend hinter den Bäumen. Noch war es nicht Zeit für ein Gefecht.

Drusus' früher Tod

Auf dem Rückweg aber gerieten Drusus' Legionen bei einem Ort, der als Arbalo überliefert ist (er wurde nie gefunden), in einen Hinterhalt. Es war wie die vorweggenommene Varusschlacht. Die Germanen waren hoch überlegen. Im vorzeitigen Siegestaumel wollten sie die Römer Mann für Mann abmurksen, und im Nahkampf wendete sich das Blatt. Drusus konnte unter schweren Verlusten entkommen.

War es Frust, Protz oder militärisches Kalkül? Jedenfalls ließ er in Bergkamen-Oberaden - im Land der Sugambrer - ein gigantisches Fort anlegen. 25 000 Eichen wurden gerodet. Sein persönliches Prätorium glich einem römischen Palast. Alle Lebensmittel mussten importiert werden. Weizen aus Gallien, Öl aus Apulien, Wein aus Kreta. Drusus provozierte die Germanen. Das Militärlager Oberaden nebst Bootswerft in Beckinghausen war eine demütigende Landnahme.

Und Drusus fuhr fort, Hass zu säen. Brandschatzend zog er durch Hessen und Thüringen an die Elbe. Eine germanische Hünin soll ihn zur Umkehr gemahnt haben. Wahrscheinlicher ist, dass seine Truppen meuterten.

Auf dem Rückmarsch strauchelte sein Pferd. Drusus brach sich wohl ein Bein und siechte im Wundfieber dahin. Sein Bruder Tiberius eilte, 1000 Kilometer in drei Tagen zurücklegend und nur von einem Germanen geführt, zu ihm, der in seinen Armen starb.

Augustus und Livia nahmen den einbalsamierten Leichnam in Pavia entgegen. Drusus hatte in seinem kurzen Leben den Grundstein zur Einigung der Germanenstämme gelegt. dh


prisma-Serie zur Varusschlacht
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    Knochen überall! Obwohl der feuchte germanische Boden eine Menge Spuren verwischt hatte, stand der römische Feldherr mit dem Ehrennamen Germanicus inmitten von Gebeinen. Die Gräben waren versandet, Unkraut überwucherte die Wege. Sechs Jahre vorher waren an dieser Stelle drei Legionen in einen germanischen Hinterhalt geraten. Drei Legionen, drei Reiter-Bataillone und sechs Einheiten sogenannter Hilfstruppen. Vorsichtig geschätzt waren in wenigen Tagen 14000 Mann ums Leben gekommen.

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    Wenn wir in dieser und den nächsten Folgen den Versuch unternehmen, das Geschehen des Jahres 9 n. Chr. vom Sockel des großen Schlachtendenkmals zu stoßen und Überlegungen anstellen, warum Rom & Kaiser so sehr auf eine Legende von Verrat und Untergang erpicht waren, dann müssen wir ein paar liebgewordene Zöpfe abschneiden und die Lücken eingestehen, die für Archäologen und Historiker nach wie vor bestehen. ... mehr

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    Vergessen Sie alle Beschreibungen der Varusschlacht, die Sie je gelesen haben! Kein Mensch weiß, wie das Ungeheuerliche vonstatten ging. Das Ungeheuerliche? Davon muss die Rede sein, wenn eine Berufsarmee, nicht eben klein, sondern drei Legionen stark, gegen einen Haufen Desperados den Kürzeren zieht.

    Äußerungen zur Varusschlacht können immer nur Mutmaßungen sein. Man kann sich den Riesentross der Römer vorstellen, wie er nach Westen zog. Das ist aus vielen Militärberichten herauszulesen und erfolgte übrigens nach strikten Regeln. ... mehr


Foto: ChrisO
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