prisma-Serie Varusschlacht (7)

Das Arminius-Rätsel

Kann man zwei Herren gleichzeitig dienen? Hätten die Germanen Schriftliches hinterlassen, wüssten wir es

Germanischer Krieger, an dessen Kleidung sich erste Einflüsse Roms erkennen lassen
¿T?
Schnell ist der himmelhohe Unterschied beschrieben, der zwischen dem Lebensstandard der Römer und dem der Germanen klafft. Dort, in Rom, ein Luxus, der die Antike ins Licht einer zivilisatorischen Morgenröte hebt. Ein californian way of life 2000 Jahre vor seiner Zeit. Vollgepackt mit selbstbewussten Lebedamen und genialen Dichtern, blendenden Rednern und superreichen Geschäftsleuten, mit einem ausgeprägten Sinn für Dolce Vita und gleichzeitiger Sehnsucht nach der Reinheit des Landlebens.

Und über allem die Bereitschaft, den Ehrentod fürs Vaterland zu sterben.

Hier, in Germanien, kalte Not in sonnenabgewandten Wäldern, Behausungen statt Villen, Gicht statt Bodenheizung, keine Dichter.

Stopp!

Das wissen wir nicht. Ein maßgeblicher Unterschied zwischen Römern und Germanen lag nämlich auf ganz anderem Terrain als dem des Lebensstandards. Die einen erfreuten sich einer Schriftkultur, die anderen kannten keine Schrift, nur mündliche Überlieferung. Die Römer hinterließen Bücher, die Germanen nichts. Aber sicher ist, dass sie gesungen, gedichtet und vor allem: erzählt haben. Ihre Erzählungen gingen von Mund zu Mund, von Haus zu Haus, von Generation zu Generation.

Von den Kelten, nebenan in Gallien, wissen wir, dass sie die Schrift bewusst ablehnten: "Damit nicht im Schutz der Buchstaben das Gedächtnis vernachlässigt" werde. Die Druiden waren es, die das bestimmten. Die Eichenkundigen. Hüter des Geheimwissens. Kann sein, dass sie in der Schrift eine Konkurrenz für ihre hervorgehobene Stellung im Stamm witterten. Die Germanen kannten zwar kein so ausgeprägtes Druidenwesen wie die Kelten, aber ihre Einstellung zur Schrift dürfte kaum weniger skeptisch gewesen sein.

Zumal ein trainiertes Gedächtnis eine Menge Vorteile bietet. Der Chemnitzer Latein-Dozent Burkhard Müller stellt den schönen Vergleich an, demzufolge sich das Gedächtnis "zur Schrift verhält wie die Muskelkraft zur Maschine". Heißt, solange die Menschheit nicht für jeden Zwei-Kilometer-Weg zum Supermarkt oder zum Kindergarten das Auto bemühte, war sie körperlich besser drauf und übrigens auch schlanker. Als man sich Namen, Termine und Telefonnummern noch im Kopf merkte, statt sie dem Blackberry zu überantworten, funktionierte auch das Gedächtnis tiptop.

Vom höheren Lebensstandard der Römer auf eine geistige Unterlegenheit der Gemanen zu schließen, wäre also gewagt. Landschaft, Klima und die kulturelle Anbindung an frühere Hochkulturen (im Falle der Römer an die der Griechen) sind bei der Entwicklung einer Gesellschaft entscheidende Faktoren.

Ein Vorteil der römischen Schriftkultur besteht freilich darin, dass sich Historiker über die Quellen beugen und viel Wissen und noch mehr Mutmaßungen daraus schöpfen können. Wohingegen Kelten und Germanen zur Domäne der Archäologen geworden sind, die sich mit Hilfe von Scherben, Knochen und dem Inhalt von Latrinen einen Reim auf Leben und Ereignisse machen. Dass sich Historiker und Archäologen in allen Fragen grün wären, hieße, die Gegenwart zu verfälschen. Mit harten Bandagen wird um die Deutungshoheit über die Geschichte gekämpft. Das gilt auch für die Varusschlacht.

In der Antike sorgte die Sperrigkeit der Bücher dafür, dass sie nicht leichthin zur Hand genommen wurden. Das Lesen erforderte ähnlichen Körpereinsatz wie heute das Tapezieren. Wie Tapetenrollen sahen die Bücher aus, lange Papyrusbahnen, mit der nervenden Neigung, in ihre Rollenform zurückzuspringen, wenn man die Enden nicht mit beiden Armen auseinander spreizte.

Das alles trug zur wohltuenden Kürze vieler antiker Meisterwerke bei und hatte eine Kuriosität zur Folge: Nachschlagen war unmöglich. Ein Buch musste immer wieder vom Anfang her aufgerollt werden, wollte man zu einer bestimmten Stelle gelangen.

Da sich viele Autoren solche Umständlichkeit ersparten, ist es mit der Genauigkeit antiker Zitate nicht weit her. Selbst Koryphäen wie Cicero und Seneca zitierten meist aus dem Gedächtnis und damit abweichend vom Original. Für die Beurteilung der schriftlichen Quellen zur Varusschlacht ist das nicht unwichtig. Doch ist die Schrift nur das eine, das Bleibende. Die Kriegskunst ist das andere, das im Moment des Geschehens Entscheidende. In den Zeiten des Augustus hatten die Römer 28 Legionen oder 160000 Mann unter Waffen. Gut ausgebildete und auf Disziplin gedrillte Kriegsprofis.

Von den Germanen wissen wir, dass sie gern auf struppigen Ponys in den Kampf zogen. Und seit Kimbern und Teutonen mehrmals die Römer vertrimmten, bis sie 102 v. Chr. bei Aquae Sextiae (Aix-en-Provence) selbst vernichtend geschlagen wurden, haben wir eine Vorstellung vom Einfluss des germanischen Weibes auf die Kampfmoral ihrer Männer. Flüchtete ein Germanenkrieger besiegt oder aus Angst zurück ins heimische Lager, wurde er von den Frauen zu Tode geprügelt.

Eine römische Legion bestand aus ca. 5000 Mann. Sie teilte sich in zehn Kohorten (500 Mann; Augustus führte später die Doppelkohorte ein).

Die Kohorten wiederum gliederten sich in Zenturien, die ungeachtet ihres Namens (centum = 100) etwa achtzig Mann zählten. Unterstützt wurde die Legion von einer Reitertruppe, bestehend aus vier turmae zu je dreißig Ross und Reiter.

Chef einer Legion war der Legatus, ein Adliger, wie alle führenden Offiziere. Der Reiz des römischen Militärwesens bestand aber darin, dass sie dem einfachen Legionär die Möglichkeit bot, sich hochzudienen, etwa zum primus pilus, was dem Rang eines Obersten entspricht.

In Germanien herrschte zu jener Zeit ein Zustand, dem Historiker das Etikett "gallisch-westgermanische Revolution" verpasst haben. Darunter ist eine Lücke zu verstehen. Die meisten Germanenvölker standen ohne einen reiks oder kuning, sprich ohne König da. Sie waren führerlos. Immerhin gab es von alters her eine Oberschicht, die darauf bauen konnte, dass niedriger gestellte Leute für sie arbeiteten und kämpften. Man könnte dies als Gefolgschaft bezeichnen. Eine Gefolgschaft wollte ernährt sein. Folglich ging es dem germanischen Adel so schlecht nicht. Als Arminius seinen Schwiegervater Segestes belagerte, um seine Frau Thusnelda zu befreien, kämpften auf beiden Seiten Gefolgschaften von beachtlicher Größe gegeneinander.

Damit sind wir bei einem der vielen Rätsel der Varusschlacht angelangt. Arminius war im Jahr 9 n. Chr. der Chef einer römischen Auxiliareinheit, einer vornehmlich von romtreuen Germanen gebildeten Hilfstruppe, die den Legionen zur Seite stand.

Eine solche Einheit konnte mit Fußtruppe und Reitern 1500 Mann umfassen. Das war, mit heutigem Wort, ein Fulltimejob.

Wie aber konnte Arminius es schaffen, diese Aufgabe vertrauenswürdig zu erfüllen und zur selben Zeit ein Germanenheer für den Kampf gegen Varus um sich zu scharen?

Die Frage ist nicht zu beantworten. Und doch ist sie dazu angetan, die Schilderungen der Varusschlacht ins Reich antiker Fabeln zu rücken. Detlef Hartlap


prisma-Serie zur Varusschlacht
  • Erster Teil: Roms Angst vor den Wäldern

    Knochen überall! Obwohl der feuchte germanische Boden eine Menge Spuren verwischt hatte, stand der römische Feldherr mit dem Ehrennamen Germanicus inmitten von Gebeinen. Die Gräben waren versandet, Unkraut überwucherte die Wege. Sechs Jahre vorher waren an dieser Stelle drei Legionen in einen germanischen Hinterhalt geraten. Drei Legionen, drei Reiter-Bataillone und sechs Einheiten sogenannter Hilfstruppen. Vorsichtig geschätzt waren in wenigen Tagen 14000 Mann ums Leben gekommen.

    Diesen Ort aufzusuchen war nicht ungefährlich für Germanicus, und es war eher ein Zeichen von Schwäche als von Tapferkeit. Er hatte eine schwere Kampfsaison hinter sich. Mit seinen acht Legionen... mehr

  • Zweiter Teil: Wo die Wilden Kerle hausen

    Die Nordbarbaren, das waren Kelten und Germanen, galten in den Augen der Römer als schöne Menschen. Man hatte, wie der Geschichtsschreiber Strabo festhält, eine gewisse Ehrfurcht vor jedem, der "größer und heller war als du selbst". Groß waren sie tatsächlich, die Germanen, einsachtzig die Männer, die Frauen oft über einssechzig Meter. Aber schön? Sie müssen furchtbar schmutzig gewesen sein, denn wer immer nur in kaltem Wasser baden kann, schwänzt schon mal ein Waschen, besonders im Winter. Sie verwendeten Pomade fürs Haar, was von Eitelkeit zeugt, aber die Pomade bestand aus reiner Butter, was ziemlich gestunken haben muss.

    Die Fellkleider waren eher ungeschickt geschnitten und ließen eine Menge Haut sehen. Man weiß das, ... mehr

  • Dritter Teil: Im Herz der germanischen Finsternis war kein Profit zu machen

    "Sobald Cäsar erfahren hatte, wo sich ein feindliches Heer befand, griff er es entweder sofort an oder traf Vorsichtsmaßnahmen, um das Heer später zu besiegen, oder zog sich zurück."

    So schreibt die Historikerin Christine Trzaska-Richter in ihrer Arbeit über Das Germanenbild der Römer: "Niemals jedoch ließ er wissentlich eine größere feindliche Streitmacht unbeachtet, um weiter vorzudringen." ... mehr

  • Vierter Teil: Für ein paar Amphoren Wein?

    Der Rhein war für Cäsar die Demarkationslinie des Römischen Reiches. Zweimal hatte er in den Fünfzigerjahren des letzten vorchristlichen Jahrhunderts den Strom nach aufwändigem Brückenbau überschritten, danach war sein Interesse am großen Germanien - Germania Magna - erlahmt.

    Cäsar begnügte sich mit dem linksrheinischen Kleingermanien, das für ihn im weiteren Sinne zu Gallien gehörte und wo sich Stämme wie die Ubier in der Kölner Bucht für die Annehmlichkeiten römischer Lebensart empfänglich zeigten. Außerdem dienten sie als Puffer gegen beutehungrige Germanen aus dem Dschungel rechts des Rheins. ... mehr

  • Fünfter Teil: Wie man sich ein Reich um den Finger wickelt

    Der größtmögliche Glücksfall der Geschichtsschreibung tritt ein, wenn sich antike Berichte und neue archäologische Funde ergänzen und gegenseitig bestätigen. Das geschah vor knapp 20 Jahren in der Nähe von Oberammergau. Man fand drei Dolche, 350 Pfeilspitzen und zwanzig massive Katapultgeschossspitzen, alle römischer Herkunft.

    Man hätte sie nicht mehr gefunden, wenn die an diesem Ort besiegten Kelten oder Germanen sie nicht zusammengeklaubt und einer ihrer Gottheiten als Opfer dargebracht hätten. So blieben die Waffen erhalten. ... mehr

  • Sechster Teil: Mit blindem Eifer in den frühen Tod

    Drusus trat seine neue Aufgabe als Statthalter von Gallien im Jahr 13 v. Chr. an. Der jüngere Sohn der Livia und Stiefsohn des Augustus war 25 Jahre alt, hatte seine Feuertaufe auf einem Feldzug in den Alpen bestanden und galt als strahlende militärische Hoffnung.

    Ein Flair von jener Zuversicht umwehte ihn, die sehr viel spätere Generationen mit dem Namen Kennedy verbinden sollten: Jugendlicher Elan, Offenheit nach allen Seiten und eine republikanische Einstellung, die anders als bei Augustus über jeden demokratischen Zweifel erhaben war. Die Römer liebten ihn. ... mehr

  • Achter Teil: Die Provinz, die niemals eine war

    Die letzten Tage vor dem Aufbruch in den Untergang verbrachte Publius Quinctilius Varus in einem Sommerlager irgendwo in Germanien. Oft ist die Vermutung angestellt worden, dieses Lager habe sich in der Nähe von Minden befunden. In Zusammenhang mit der Varusschlacht werden Vermutungen, kaum niedergeschrieben, schnell zur Gewissheit.

    Wenn wir in dieser und den nächsten Folgen den Versuch unternehmen, das Geschehen des Jahres 9 n. Chr. vom Sockel des großen Schlachtendenkmals zu stoßen und Überlegungen anstellen, warum Rom & Kaiser so sehr auf eine Legende von Verrat und Untergang erpicht waren, dann müssen wir ein paar liebgewordene Zöpfe abschneiden und die Lücken eingestehen, die für Archäologen und Historiker nach wie vor bestehen. ... mehr

  • Neunter Teil: Das Geheimnis eines plötzlichen Wandels

    Er war tüchtig im Kampf und rasch in seinem Denken, ein beweglicherer Geist, als es die Barbaren gewöhnlich sind." So beschreibt der Römer Velleius Paterculus den Befreier Germaniens. Kunststück!, möchte man da rufen. Die Römer hätten sich niemals eingestanden, von einem bauernschlauen Hinterwäldler besiegt worden zu sein. So war es auch nicht. Trotzdem legt Paterculus noch einmal nach: "Das Feuer seines Geistes verriet sich schon im Blick seiner Augen." Objektivität klingt anders.

    Und doch fällt dem Urteil des Paterculus über Arminius Gewicht zu. Es kann nämlich sein, dass er ihn gekannt hat. Dass beide, Paterculus und Arminius, einige Zeit Seit' an Seit' im Heer des Tiberius marschierten. ... mehr

  • Zehnter Teil: Ich bringe den Kopf des Varus

    Kann man einen Beweggrund ausgraben? Lässt sich im Staub der Geschichte die Motivation für eine auf den ersten Blick wahnwitzig anmutende Tat ausfindig machen?

    Die Archäologie im südöstlichen Niedersachen, dem Siedlungsgebiet der Cherusker, steckt in den Kinderschuhen. Das ist seltsam. Bei allem Gewese, das seit 500 Jahren um den Cherusker Arminius/Hermann gemacht wird, nimmt es doch Wunder, dass bis 1996 nur 55 Siedlungsplätze dieses Volkes ausgegraben wurden. ... mehr

  • Elfter Teil: Der Tod hat späte Zeugen

    Georg Spalatin, ein guter Freund Martin Luthers, verfasste 1535 eine Abhandlung mit dem wunderbaren Titel "Von dem theuren Deudschen Fürsten Arminio: Ein kurtzer auszug aus glaubwirdigen latinischen Historien". Diese Geschichtserzählungen wirkten damals frischer als heute die deutsche Wiedervereinigung.

    1455 waren in der Abtei Hersfeld einige Schriften des Publius Cornelius Tacitus gefunden worden, darunter das Buch "de Origine et situ Germaniae", gemeinhin als Germania bekannt. ... mehr

  • Zwölfter Teil: Zug ins Verderben

    Vergessen Sie alle Beschreibungen der Varusschlacht, die Sie je gelesen haben! Kein Mensch weiß, wie das Ungeheuerliche vonstatten ging. Das Ungeheuerliche? Davon muss die Rede sein, wenn eine Berufsarmee, nicht eben klein, sondern drei Legionen stark, gegen einen Haufen Desperados den Kürzeren zieht.

    Äußerungen zur Varusschlacht können immer nur Mutmaßungen sein. Man kann sich den Riesentross der Römer vorstellen, wie er nach Westen zog. Das ist aus vielen Militärberichten herauszulesen und erfolgte übrigens nach strikten Regeln. ... mehr


Foto: Angus McBride


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