prisma-Serie Varusschlacht (8)

Die Provinz, die niemals eine war

Von den drei Aufgaben, die Varus in Germanien zu meistern hatte, und dem Geheimnis um Arminius

Was verrät uns die Münze? Mehr als über das Aussehen des Abgebildeten sagt sie etwas über dessen Laufbahn und Aufenthaltsorte aus
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Die letzten Tage vor dem Aufbruch in den Untergang verbrachte Publius Quinctilius Varus in einem Sommerlager irgendwo in Germanien. Oft ist die Vermutung angestellt worden, dieses Lager habe sich in der Nähe von Minden befunden. In Zusammenhang mit der Varusschlacht werden Vermutungen, kaum niedergeschrieben, schnell zur Gewissheit.

Wenn wir in dieser und den nächsten Folgen den Versuch unternehmen, das Geschehen des Jahres 9 n. Chr. vom Sockel des großen Schlachtendenkmals zu stoßen und Überlegungen anstellen, warum Rom & Kaiser so sehr auf eine Legende von Verrat und Untergang erpicht waren, dann müssen wir ein paar liebgewordene Zöpfe abschneiden und die Lücken eingestehen, die für Archäologen und Historiker nach wie vor bestehen.

Wir wissen nicht, wo sich das letzte Lager des Varus befand. Wir wissen nicht einmal, ob er in Richtung Westen, also nach Kalkriese, den eventuellen Ort der Schlacht, aufbrach. Wir dürfen es allerdings annehmen.

Es war schon Ende August des Jahres 9 n. Chr. Die Arbeit des Sommers war erledigt. Zu jener Zeit, da in Rom zu Propagandazwecken gern von einer "Provinz Germanien" gesprochen wurde, ohne dass Germanien je römische Provinz gewesen wäre, überwinterten die Legionäre bereits häufiger im halb befriedeten Feindesland. Aber mindestens bis ins Lager Haltern an der Lippe, das sich über seine Befestigungsanlagen hinaus zu einer Römerstadt entwickelt hatte, werden sie sich haben zurückziehen wollen; die meisten strebten ohnehin nach alter Gewohnheit die linke Rheinseite und damit Xanten an.

Woraus bestanden die Aufgaben eines römischen Statthalters in Germanien? Varus wird bei Streitigkeiten zwischen den germanischen Stämmen geschlichtet haben, ohne sich dabei selbst die Finger schmutzig zu machen. Er war 55 oder 56 Jahre alt und kein Mann des Schwertes. Für freundliche kleine Machtdemonstrationen hatte er seine Leute, darunter einen jungen römischen Ritter namens Arminius (auch Armenius geschrieben).

Arminius befehligte die Hilfstruppen der drei Varus-Legionen und lag nach römischer Sitte des Abends oft mit Varus zu Tisch. Der Statthalter hatte im Laufe seiner Karriere ein Gespür für die Vorlieben am Kaiserhof entwickelt und wusste, dass der märchenhaft schnelle Aufstieg des aus Germanien stammenden und möglicherweise nicht einmal perfekt Latein sprechenden Arminius nur mit Billigung höchster Kreise möglich gewesen war. Dass er in Arminius eine Viper nährte, kam Varus nicht in den Sinn. Neben militärischen Scharmützeln bestand Varus' Aufgabe darin, bei schwerwiegenden Stammesfehden (und wenn sich die Römer darum gebeten fühlten) Gericht zu halten.

So was mochte er anscheinend. Schon auf seiner vorausgegangenen Statthalterstation in der Provinz Syrien hatte er wichtigen Prozessen beigewohnt. Berühmt ist der Hochverratsprozess, den Herodes, König von Judäa, gegen seinen ältesten Sohn Antipatros anstrengte. Angeblich soll Antipatros versucht haben, seinen Vater zu vergiften.

Für den offiziell nur beobachtenden, in Wahrheit aber ausschlaggebenden Varus war die Situation heikel, weil sich beide, Antipatros und Herodes, guter Freundschaft zu Kaiser Augustus erfreuten.

Geradezu flehentlich bat Varus den Angeklagten, seine Unschuld zu beweisen. Antipatros führte indes nur einen Zeugen an: Gott. Varus ließ das Gift an einem verurteilten Verbrecher ausprobieren, der sofort tot zusammenbrach. Antipatros wurde schuldig gesprochen und hingerichtet. Herodes, ohnehin schwer krank, starb unmittelbar danach. Das geschah im März des Jahres 4 v. Chr. Anders als in Syrien, wo seine Statthalterjahre ungeachtet einer Massenkreuzigung in Jerusalem als Erfolg angesehen, teils sogar als taktische Meisterleistung gefeiert wurden, hatten Varus' Bemühungen um römische Rechtsprechung in Germanien kaum Erfolg.

Prozesse, bei denen Latein parliert wurde, müssen den Stammeskriegern böhmisch vorgekommen sein. Ausnahmsweise wollen wir hier den Geschichtsschreiber Tacitus, sonst mit Vorsicht zu genießen, erzählen lassen: "Über geringe Angelegenheiten entscheiden (bei den Germanen) die Stammeshäupter, über wichtigere die Gesamtheit. Dabei kommt es mehr auf die Überzeugungskraft an als auf die Befehlsgewalt. Missfällt ein Vorschlag, weist man ihn mit Murren ab. Findet er jedoch Beifall, so schlägt man die Framen aneinander." Framen, so hießen die Speere.

Die dritte Aufgabe des Statthalters Varus bestand in verschärftem Eintreiben von Tributen. Möglicherweise wurde ihm das zum Verhängnis. Wir haben von Gallien erzählt, wo die Römer, 25 Jahre vorher, zur Besteuerung von Land und Gütern übergingen, kaum dass ihnen ein Zustand hinreichender Befriedung erreicht schien. Nicht mal in Gallien ging das ganz ohne Aufstände über die Bühne. Germanien aber hatten sie nicht annähernd so gut im Griff. Der verlässliche Geschichtsschreiber Cassius Dio, ein Grieche, berichtet: "Die Römer hatten das Gebiet (Germanien) nicht als geschlossenes Territorium in ihrem Besitz, sondern beherrschten nur Teile, wie diese gerade unterworfen waren."

Die Archäologie gibt ihm recht. Das Imperium hielt rechts des Rheins nur zwei Zonen, einen Korridor entlang der Lippe und die Mainregion im heutigen Hessen, militärisch besetzt.

Umso verwunderlicher der Versuch, von den germanischen Stämmen Abgaben zu fordern. Handelte Varus übereilt? Sicher. Aber er handelte auf Weisung seines Kaisers und lebenslangen Förderers Augustus.

Dazu muss man wissen, dass Rom zu dem Zeitpunkt, als Varus nach Germanien aufbrach, Ende 6 n. Chr. oder Anfang 7, in einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen seit Menschengedenken steckte. Das Volk hungerte. Brände wüteten. Getreide musste rationiert werden. Mit seinen Kriegen auf dem Balkan, im Nahen Osten und auch in Germanien hatte sich der Stadtstaat Rom - Imperium hin, Weltherrschaft her - überfordert. Augustus, der immer nur Erfolge vorweisen wollte und Probleme unter den Tisch kehrte, sah sich gezwungen, erstmals auch zu Hause, in Italien, Steuern zu erheben. So auf Erbschaften (5 Prozent), auf Warenumsätze (1 Prozent) und auf Sklavenverkäufe (2 Prozent).

In dieser Situation mussten auch die Provinzen bluten, die echten Provinzen und die vermeintlichen wie Germanien. Aus römischer Sicht genossen die Barbaren östlich des Rheins dank der Legionen Schutz und teure Zivilleistungen - und gaben nichts zurück. Varus hatte Weisung, das zu ändern.

Das Bild des germanischen Landlebens, so wie es sich aus veralteten und sicher auch geschönten Berichten für Kaiser Augustus ergab, war von Überheblichkeit gezeichnet und lückenhaft. Schon Cäsar hatte die Germanen in einer nicht ernst zu nehmenden Beschreibung als Volk der Jäger charakterisiert. Tacitus stieß noch 150 Jahre später ins gleiche Horn: Die Germanen würden lieber in den Kampf ziehen, als geduldig ihr Land zu bestellen.

Die Archäologie lehrt uns, dass die Germanen Korn anbauten und Vieh züchteten. Sie hatten vielleicht nicht viel zum Leben, aber Kühe, Schweine und Schafe, seltener Hühner und Ziegen, gehörten zum Alltag.

Tacitus' romantisierende "Germania" wurde und wird gern gelesen. Sie bietet das Unterfutter für nationalistische Schwärmereien und mag dazu beigetragen haben, eine fundierte Beschäftigung mit dem tatsächlichen Germanien zu behindern.

Es verwundert, wenn man gewahr wird, dass die Cherusker bis 1996 ein Stiefkind der Archäologie waren. Ihr Stammland im südöstlichen Niedersachsen, Keimzelle des germanischen Aufstandes, wird erst in jüngster Zeit ernsthaft unter die Lupe genommen. Dabei wäre es wichtig, mehr über Arminius zu erfahren, der, im Gegensatz zu Varus, der große Unbekannte bei den Ereignissen des Jahres 9 n. Chr. geblieben ist. Detlef Hartlap


prisma-Serie zur Varusschlacht
  • Erster Teil: Roms Angst vor den Wäldern

    Knochen überall! Obwohl der feuchte germanische Boden eine Menge Spuren verwischt hatte, stand der römische Feldherr mit dem Ehrennamen Germanicus inmitten von Gebeinen. Die Gräben waren versandet, Unkraut überwucherte die Wege. Sechs Jahre vorher waren an dieser Stelle drei Legionen in einen germanischen Hinterhalt geraten. Drei Legionen, drei Reiter-Bataillone und sechs Einheiten sogenannter Hilfstruppen. Vorsichtig geschätzt waren in wenigen Tagen 14000 Mann ums Leben gekommen.

    Diesen Ort aufzusuchen war nicht ungefährlich für Germanicus, und es war eher ein Zeichen von Schwäche als von Tapferkeit. Er hatte eine schwere Kampfsaison hinter sich. Mit seinen acht Legionen... mehr

  • Zweiter Teil: Wo die Wilden Kerle hausen

    Die Nordbarbaren, das waren Kelten und Germanen, galten in den Augen der Römer als schöne Menschen. Man hatte, wie der Geschichtsschreiber Strabo festhält, eine gewisse Ehrfurcht vor jedem, der "größer und heller war als du selbst". Groß waren sie tatsächlich, die Germanen, einsachtzig die Männer, die Frauen oft über einssechzig Meter. Aber schön? Sie müssen furchtbar schmutzig gewesen sein, denn wer immer nur in kaltem Wasser baden kann, schwänzt schon mal ein Waschen, besonders im Winter. Sie verwendeten Pomade fürs Haar, was von Eitelkeit zeugt, aber die Pomade bestand aus reiner Butter, was ziemlich gestunken haben muss.

    Die Fellkleider waren eher ungeschickt geschnitten und ließen eine Menge Haut sehen. Man weiß das, ... mehr

  • Dritter Teil: Im Herz der germanischen Finsternis war kein Profit zu machen

    "Sobald Cäsar erfahren hatte, wo sich ein feindliches Heer befand, griff er es entweder sofort an oder traf Vorsichtsmaßnahmen, um das Heer später zu besiegen, oder zog sich zurück."

    So schreibt die Historikerin Christine Trzaska-Richter in ihrer Arbeit über Das Germanenbild der Römer: "Niemals jedoch ließ er wissentlich eine größere feindliche Streitmacht unbeachtet, um weiter vorzudringen." ... mehr

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    Der Rhein war für Cäsar die Demarkationslinie des Römischen Reiches. Zweimal hatte er in den Fünfzigerjahren des letzten vorchristlichen Jahrhunderts den Strom nach aufwändigem Brückenbau überschritten, danach war sein Interesse am großen Germanien - Germania Magna - erlahmt.

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    Der größtmögliche Glücksfall der Geschichtsschreibung tritt ein, wenn sich antike Berichte und neue archäologische Funde ergänzen und gegenseitig bestätigen. Das geschah vor knapp 20 Jahren in der Nähe von Oberammergau. Man fand drei Dolche, 350 Pfeilspitzen und zwanzig massive Katapultgeschossspitzen, alle römischer Herkunft.

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  • Sechster Teil: Mit blindem Eifer in den frühen Tod

    Drusus trat seine neue Aufgabe als Statthalter von Gallien im Jahr 13 v. Chr. an. Der jüngere Sohn der Livia und Stiefsohn des Augustus war 25 Jahre alt, hatte seine Feuertaufe auf einem Feldzug in den Alpen bestanden und galt als strahlende militärische Hoffnung.

    Ein Flair von jener Zuversicht umwehte ihn, die sehr viel spätere Generationen mit dem Namen Kennedy verbinden sollten: Jugendlicher Elan, Offenheit nach allen Seiten und eine republikanische Einstellung, die anders als bei Augustus über jeden demokratischen Zweifel erhaben war. Die Römer liebten ihn. ... mehr

  • Siebter Teil: Das Arminius-Rätsel

    Schnell ist der himmelhohe Unterschied beschrieben, der zwischen dem Lebensstandard der Römer und dem der Germanen klafft. Dort, in Rom, ein Luxus, der die Antike ins Licht einer zivilisatorischen Morgenröte hebt. Ein californian way of life 2000 Jahre vor seiner Zeit. Vollgepackt mit selbstbewussten Lebedamen und genialen Dichtern, blendenden Rednern und superreichen Geschäftsleuten, mit einem ausgeprägten Sinn für Dolce Vita und gleichzeitiger Sehnsucht nach der Reinheit des Landlebens.

    Und über allem die Bereitschaft, den Ehrentod fürs Vaterland zu sterben. ... mehr

  • Neunter Teil: Das Geheimnis eines plötzlichen Wandels

    Er war tüchtig im Kampf und rasch in seinem Denken, ein beweglicherer Geist, als es die Barbaren gewöhnlich sind." So beschreibt der Römer Velleius Paterculus den Befreier Germaniens. Kunststück!, möchte man da rufen. Die Römer hätten sich niemals eingestanden, von einem bauernschlauen Hinterwäldler besiegt worden zu sein. So war es auch nicht. Trotzdem legt Paterculus noch einmal nach: "Das Feuer seines Geistes verriet sich schon im Blick seiner Augen." Objektivität klingt anders.

    Und doch fällt dem Urteil des Paterculus über Arminius Gewicht zu. Es kann nämlich sein, dass er ihn gekannt hat. Dass beide, Paterculus und Arminius, einige Zeit Seit' an Seit' im Heer des Tiberius marschierten. ... mehr

  • Zehnter Teil: Ich bringe den Kopf des Varus

    Kann man einen Beweggrund ausgraben? Lässt sich im Staub der Geschichte die Motivation für eine auf den ersten Blick wahnwitzig anmutende Tat ausfindig machen?

    Die Archäologie im südöstlichen Niedersachen, dem Siedlungsgebiet der Cherusker, steckt in den Kinderschuhen. Das ist seltsam. Bei allem Gewese, das seit 500 Jahren um den Cherusker Arminius/Hermann gemacht wird, nimmt es doch Wunder, dass bis 1996 nur 55 Siedlungsplätze dieses Volkes ausgegraben wurden. ... mehr

  • Elfter Teil: Der Tod hat späte Zeugen

    Georg Spalatin, ein guter Freund Martin Luthers, verfasste 1535 eine Abhandlung mit dem wunderbaren Titel "Von dem theuren Deudschen Fürsten Arminio: Ein kurtzer auszug aus glaubwirdigen latinischen Historien". Diese Geschichtserzählungen wirkten damals frischer als heute die deutsche Wiedervereinigung.

    1455 waren in der Abtei Hersfeld einige Schriften des Publius Cornelius Tacitus gefunden worden, darunter das Buch "de Origine et situ Germaniae", gemeinhin als Germania bekannt. ... mehr

  • Zwölfter Teil: Zug ins Verderben

    Vergessen Sie alle Beschreibungen der Varusschlacht, die Sie je gelesen haben! Kein Mensch weiß, wie das Ungeheuerliche vonstatten ging. Das Ungeheuerliche? Davon muss die Rede sein, wenn eine Berufsarmee, nicht eben klein, sondern drei Legionen stark, gegen einen Haufen Desperados den Kürzeren zieht.

    Äußerungen zur Varusschlacht können immer nur Mutmaßungen sein. Man kann sich den Riesentross der Römer vorstellen, wie er nach Westen zog. Das ist aus vielen Militärberichten herauszulesen und erfolgte übrigens nach strikten Regeln. ... mehr


Foto: Lutz-Jürgen Lübke/LWL


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