prisma-Serie Varusschlacht (10) Freitag, 14. August 2009

Ich bringe den Kopf des Varus

Eine cheruskische Stammesfehde, die in die Schlacht um Germanien mündete: Warum Arminius zum Verräter wurde

Schon Arminius trug die lippische Rose auf seinem Schild: Patriotisches Gemälde der Varusschlacht von O. A. Koch, 1909
¿T?
Kann man einen Beweggrund ausgraben? Lässt sich im Staub der Geschichte die Motivation für eine auf den ersten Blick wahnwitzig anmutende Tat ausfindig machen?

Die Archäologie im südöstlichen Niedersachen, dem Siedlungsgebiet der Cherusker, steckt in den Kinderschuhen. Das ist seltsam. Bei allem Gewese, das seit 500 Jahren um den Cherusker Arminius/Hermann gemacht wird, nimmt es doch Wunder, dass bis 1996 nur 55 Siedlungsplätze dieses Volkes ausgegraben wurden.

Danach, unter dem Eindruck der Entdeckungen in Kalkriese, regte sich was. Aber die bisher erfolgten 201 nennenswerten Cheruskerausgrabungen haben uns der Lösung des Arminius-Rätsels kaum einen Deut näher gebracht.

Vielleicht liegt die Antwort auch gar nicht unter der Erde. Vielleicht ist die Psychologie ein besserer Wegweiser. Als Arminius seine Meuterei gegen Varus und die römischen Legionen Nr. 17, 18 und 19 anzettelte, brach er seinen Soldateneid auf Kaiser Augustus, verabschiedete sich von seiner hochnoblen Stellung als Ritter Roms und riskierte die Existenz seines Volkes, der Cherusker. Dazu gehört schon was.

Denn das zumindest war ihm klar: Welcher Erfolg seinem Überfall auch beschieden sei, die Rache Roms würde fürchterlich. Und sie kam! Doch auf den entsprechenden Feldzug des Germanicus war er entschieden besser vorbereitet als bei seinem improvisierten Varus-Überfall. 65000 Germanenkrieger soll Arminius 16 n. Chr. angeführt haben. Er durfte sich, so er denn in gesamtgermanischen Kategorien dachte, als König von Germanien fühlen. Sieben Jahre vorher im Teutoburger Wald waren es (über genaue Zahlen schweigen die Germanen) viel, viel weniger.

König der Germanen, ging es darum? Kaum. Und doch wollen wir diese erste von drei möglichen Spuren für einen Moment weiterverfolgen. Die Cherusker waren in zumindest einer Hinsicht ein ganz besonderes germanisches Volk. Sie übten sich seit Jahren in profunder Uneinigkeit, was ihr Verhältnis zu Rom anging. Ob sie aber auf Feind oder Freund machten, immer ging es darum, zu Hause bei der eigenen Sippschaft einen Vorteil zu ergattern. In eine solche Gemengelage wurde Arminius hineingezogen, als er von Varus in sein altes Stammesgebiet gerufen wurde.

Arminius muss erkannt haben, dass ihn weder seine vornehme Geburt noch der römische Ritterstand automatisch als Führer (oder König) der Cherusker empfahlen. Es gab andere Bewerber, die nicht mit dem Makel behaftet waren, Günstling Roms zu sein. Also blieb Arminius nichts anderes übrig, als sich von diesem Makel zu befreien - durch Verrat an Rom. Die Varusschlacht als Ausgeburt einer cheruskischen Stammesfehde.

Die zweite Spur trägt einen Hauch von 17. Juni 1953 in sich. Es handelt sich um die Tarifstreitvariante unter den möglichen Schlachtursachen: Die Mannen des Arminius wollten mehr Geld und auch mehr Rechte.

Hilfstruppen waren keine vollwertigen Legionäre, und die Legionäre ließen sie das spüren. Hilfstruppen verdienten weniger, mussten länger dienen und hatten als Nichtrömer manche Schikane zu ertragen.

Es hat in der Geschichte des Imperium Romanum etliche Aufstände von Auxiliareinheiten gegeben, doch scheint das Tarifmotiv in diesem Fall nur willkommenes Beiwerk gewesen zu sein: Arminius stand, obwohl ihm keine weiteren römischen Aufstiegsmöglichkeiten winkten, in hohem Ansehen. Ihm ging es um anderes als Sold. Aber den Unmut seiner Leute machte er sich gern zunutze.

Die dritte Spur heißt Marbod und verleitet leicht zu großgermanischen Überlegungen. Ließ nicht Arminius den Kopf des Varus, nachdem er gegen jede Wette die Schlacht gewonnen hatte, eiligst zum Südgermanenkönig Marbod bringen? Ein Akt des Triumphs: Schau nur, Marbod, so geht das!

Wahrscheinlich aber mischen sich Eifersucht, Eitelkeit und Furcht in Arminius' großspurig wirkender Geste. Marbod war bis dahin, nun ja, der Star unter den Germanenfürsten gewesen. Weil er Glück gehabt hatte. Weil Tiberius, kurz bevor er ihn und sein kleines böhmisches Reich mit einem Riesenheer mores lehren konnte, in Richtung Krisenherd Balkan abziehen musste.

So liegt in der Varuskopf-Demonstration beides: der Überschwang des jungen Siegers, der mit dem großen Marbod gleichgezogen hatte, sowie die Gewissheit der Rache Roms.

Und in diesen Fall, dachte Arminius, wäre Marbod kein übler Bundesgenosse. dh


prisma-Serie zur Varusschlacht
  • Erster Teil: Roms Angst vor den Wäldern

    Knochen überall! Obwohl der feuchte germanische Boden eine Menge Spuren verwischt hatte, stand der römische Feldherr mit dem Ehrennamen Germanicus inmitten von Gebeinen. Die Gräben waren versandet, Unkraut überwucherte die Wege. Sechs Jahre vorher waren an dieser Stelle drei Legionen in einen germanischen Hinterhalt geraten. Drei Legionen, drei Reiter-Bataillone und sechs Einheiten sogenannter Hilfstruppen. Vorsichtig geschätzt waren in wenigen Tagen 14000 Mann ums Leben gekommen.

    Diesen Ort aufzusuchen war nicht ungefährlich für Germanicus, und es war eher ein Zeichen von Schwäche als von Tapferkeit. Er hatte eine schwere Kampfsaison hinter sich. Mit seinen acht Legionen... mehr

  • Zweiter Teil: Wo die Wilden Kerle hausen

    Die Nordbarbaren, das waren Kelten und Germanen, galten in den Augen der Römer als schöne Menschen. Man hatte, wie der Geschichtsschreiber Strabo festhält, eine gewisse Ehrfurcht vor jedem, der "größer und heller war als du selbst". Groß waren sie tatsächlich, die Germanen, einsachtzig die Männer, die Frauen oft über einssechzig Meter. Aber schön? Sie müssen furchtbar schmutzig gewesen sein, denn wer immer nur in kaltem Wasser baden kann, schwänzt schon mal ein Waschen, besonders im Winter. Sie verwendeten Pomade fürs Haar, was von Eitelkeit zeugt, aber die Pomade bestand aus reiner Butter, was ziemlich gestunken haben muss.

    Die Fellkleider waren eher ungeschickt geschnitten und ließen eine Menge Haut sehen. Man weiß das, ... mehr

  • Dritter Teil: Im Herz der germanischen Finsternis war kein Profit zu machen

    "Sobald Cäsar erfahren hatte, wo sich ein feindliches Heer befand, griff er es entweder sofort an oder traf Vorsichtsmaßnahmen, um das Heer später zu besiegen, oder zog sich zurück."

    So schreibt die Historikerin Christine Trzaska-Richter in ihrer Arbeit über Das Germanenbild der Römer: "Niemals jedoch ließ er wissentlich eine größere feindliche Streitmacht unbeachtet, um weiter vorzudringen." ... mehr

  • Vierter Teil: Für ein paar Amphoren Wein?

    Der Rhein war für Cäsar die Demarkationslinie des Römischen Reiches. Zweimal hatte er in den Fünfzigerjahren des letzten vorchristlichen Jahrhunderts den Strom nach aufwändigem Brückenbau überschritten, danach war sein Interesse am großen Germanien - Germania Magna - erlahmt.

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  • Fünfter Teil: Wie man sich ein Reich um den Finger wickelt

    Der größtmögliche Glücksfall der Geschichtsschreibung tritt ein, wenn sich antike Berichte und neue archäologische Funde ergänzen und gegenseitig bestätigen. Das geschah vor knapp 20 Jahren in der Nähe von Oberammergau. Man fand drei Dolche, 350 Pfeilspitzen und zwanzig massive Katapultgeschossspitzen, alle römischer Herkunft.

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  • Sechster Teil: Mit blindem Eifer in den frühen Tod

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    Ein Flair von jener Zuversicht umwehte ihn, die sehr viel spätere Generationen mit dem Namen Kennedy verbinden sollten: Jugendlicher Elan, Offenheit nach allen Seiten und eine republikanische Einstellung, die anders als bei Augustus über jeden demokratischen Zweifel erhaben war. Die Römer liebten ihn. ... mehr

  • Siebter Teil: Das Arminius-Rätsel

    Schnell ist der himmelhohe Unterschied beschrieben, der zwischen dem Lebensstandard der Römer und dem der Germanen klafft. Dort, in Rom, ein Luxus, der die Antike ins Licht einer zivilisatorischen Morgenröte hebt. Ein californian way of life 2000 Jahre vor seiner Zeit. Vollgepackt mit selbstbewussten Lebedamen und genialen Dichtern, blendenden Rednern und superreichen Geschäftsleuten, mit einem ausgeprägten Sinn für Dolce Vita und gleichzeitiger Sehnsucht nach der Reinheit des Landlebens.

    Und über allem die Bereitschaft, den Ehrentod fürs Vaterland zu sterben. ... mehr

  • Achter Teil: Die Provinz, die niemals eine war

    Die letzten Tage vor dem Aufbruch in den Untergang verbrachte Publius Quinctilius Varus in einem Sommerlager irgendwo in Germanien. Oft ist die Vermutung angestellt worden, dieses Lager habe sich in der Nähe von Minden befunden. In Zusammenhang mit der Varusschlacht werden Vermutungen, kaum niedergeschrieben, schnell zur Gewissheit.

    Wenn wir in dieser und den nächsten Folgen den Versuch unternehmen, das Geschehen des Jahres 9 n. Chr. vom Sockel des großen Schlachtendenkmals zu stoßen und Überlegungen anstellen, warum Rom & Kaiser so sehr auf eine Legende von Verrat und Untergang erpicht waren, dann müssen wir ein paar liebgewordene Zöpfe abschneiden und die Lücken eingestehen, die für Archäologen und Historiker nach wie vor bestehen. ... mehr

  • Neunter Teil: Das Geheimnis eines plötzlichen Wandels

    Er war tüchtig im Kampf und rasch in seinem Denken, ein beweglicherer Geist, als es die Barbaren gewöhnlich sind." So beschreibt der Römer Velleius Paterculus den Befreier Germaniens. Kunststück!, möchte man da rufen. Die Römer hätten sich niemals eingestanden, von einem bauernschlauen Hinterwäldler besiegt worden zu sein. So war es auch nicht. Trotzdem legt Paterculus noch einmal nach: "Das Feuer seines Geistes verriet sich schon im Blick seiner Augen." Objektivität klingt anders.

    Und doch fällt dem Urteil des Paterculus über Arminius Gewicht zu. Es kann nämlich sein, dass er ihn gekannt hat. Dass beide, Paterculus und Arminius, einige Zeit Seit' an Seit' im Heer des Tiberius marschierten. ... mehr

  • Elfter Teil: Der Tod hat späte Zeugen

    Georg Spalatin, ein guter Freund Martin Luthers, verfasste 1535 eine Abhandlung mit dem wunderbaren Titel "Von dem theuren Deudschen Fürsten Arminio: Ein kurtzer auszug aus glaubwirdigen latinischen Historien". Diese Geschichtserzählungen wirkten damals frischer als heute die deutsche Wiedervereinigung.

    1455 waren in der Abtei Hersfeld einige Schriften des Publius Cornelius Tacitus gefunden worden, darunter das Buch "de Origine et situ Germaniae", gemeinhin als Germania bekannt. ... mehr

  • Zwölfter Teil: Zug ins Verderben

    Vergessen Sie alle Beschreibungen der Varusschlacht, die Sie je gelesen haben! Kein Mensch weiß, wie das Ungeheuerliche vonstatten ging. Das Ungeheuerliche? Davon muss die Rede sein, wenn eine Berufsarmee, nicht eben klein, sondern drei Legionen stark, gegen einen Haufen Desperados den Kürzeren zieht.

    Äußerungen zur Varusschlacht können immer nur Mutmaßungen sein. Man kann sich den Riesentross der Römer vorstellen, wie er nach Westen zog. Das ist aus vielen Militärberichten herauszulesen und erfolgte übrigens nach strikten Regeln. ... mehr


Foto: Jürgen Ihle/Lippisches Landesmuseum Detmold


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