prisma-Serie Varusschlacht (11)

Der Tod hat späte Zeugen

Es sollte lange dauern, ehe Tacitus & Co. Worte für die Schlacht fanden. Die Deutschen brauchten anderthalb Jahrtausend

Ulrich von Hutten gilt als Neuerfinder des Arminius
¿T?
Georg Spalatin, ein guter Freund Martin Luthers, verfasste 1535 eine Abhandlung mit dem wunderbaren Titel "Von dem theuren Deudschen Fürsten Arminio: Ein kurtzer auszug aus glaubwirdigen latinischen Historien". Diese Geschichtserzählungen wirkten damals frischer als heute die deutsche Wiedervereinigung.

1455 waren in der Abtei Hersfeld einige Schriften des Publius Cornelius Tacitus gefunden worden, darunter das Buch "de Origine et situ Germaniae", gemeinhin als Germania bekannt.

Es wurde zunächst nach Italien gebracht, ehe es mit dem Segen des späteren Papstes Pius II. wieder nach Deutschland gelangte. Das Beispiel der tapferen alten Germanen sollte die Deutschen fit machen für weitere Kreuzzüge gegen die Muselmanen. Die zweite "Historie", an der Spalatin (und sein Publikum) sich begeisterten, waren die knappen Aufzeichnungen der Velleius Paterculus, die 1515 im Kloster Murbach im Elsass gefunden wurden.

Beide Geschichten zusammen bescherten den Deutschen einen neuen Helden: Arminius vom Volke der Cherusker. Dass ein übereifriger Humanist mit latinisiertem Namen Aventinus (eigentlich hieß er Hans Turmair) den Arminius wohl aus Versehen zu "Hermann" verdeutschte, war seinerzeit eine Randerscheinung und führte erst viel später zu falsch benannten Denkmälern und Theaterstücken.

Entscheidend war ein anderer Humanist, der Dichter und zornige Papstverächter Ulrich von Hutten. Er stilisierte Arminius zum "Brutus Germanicus", soll heißen zum Befreier Deutschlands. Von Huttens Dialog "Arminius", 1529 in Erfurt publiziert, gilt als der eigentliche Beginn der Arminiusbegeisterung.

Soweit unser Abstecher in die frühe Neuzeit. Für die Geschehnisse des Jahres 9 n. Chr. sind die Namen Tacitus, Velleius Paterculus und andere insofern von Belang, als sie unser gesamtes Wissen und Nichtwissen über den Hergang der Varusschlacht ausmachen: Dauerte sie zwei, drei oder vier Tage? Zog sie sich mit all ihren Verfolgungen und Belagerungen gar über Wochen hin (wofür manches spricht)?

Wie glaubwürdig sind die glaubwirdigen latinischen Historien? Kein antiker Autor bringt uns der Beantwortung der ohnehin überschätzten Frage näher, wo genau an welchem Ort die Schlacht denn stattgefunden habe. Sie wäre nur dann von Bedeutung, wenn der Historiker Florus, ein Zeitgenosse des Tacitus, recht hätte.

Florus beschreibt die Schlacht als einen Überfall auf ein festes Lager. Varus und seine Legionen hätten sich demnach noch gar nicht in Bewegung gesetzt. Weil Florus ein vernünftig argumentierender und sine ira et studio (ohne Zorn und Eifer) schreibender Autor ist, sollte sein Zeugnis nicht grundsätzlich verworfen werden.

Alle anderen gehen indessen von einer Verlaufsschlacht aus, von der allmählichen Auflösung eines mindestens zehn Kilometer langen Trecks von drei Legionen plus Begleitpersonal unter dem peinigendem Einfluss von Pfeil, Schwert und germanischem Regen.

Velleius Paterculus wäre ein vorzüglicher Zeitzeuge gewesen, wenn, ja wenn er sich wirklich hingesetzt und wie angekündigt eine ausführliche Beschreibung des Geschehens geliefert hätte. Hat er aber nicht. Oder das Werk ist im Schlund der Zeit verloren gegangen.

Tacitus schrieb frühestens 89 Jahre nach der Schlacht. Cassius Dio, von heutigen Historikern geschätzt, wiederum 150 Jahre nach Tacitus. Der Tod fand spät erst Zeugen. Es waren Zweit- und Drittquellen, die zur Beschreibung der Vorkommnisse in Germanien genutzt wurden.

Wie glaubhaft sind sie? Wie historisch wollten die Autoren überhaupt sein? Sie schrieben, weil sie belehren, erklären und unterhalten wollten. Das muss nicht zur Wahrheit führen. Hat es wirklich so fürchterlich geregnet und gestürmt im September 9 n. Chr.? Oder ist dies der Dramatik geschuldet? Man kann sich nur unter Vorbehalt an die Ereignisse herantasten. Das wollen wir in gewohnter Manier auch im nächsten Prisma wagen: "Das endlose Schlachten". Detlef Hartlap


prisma-Serie zur Varusschlacht
  • Erster Teil: Roms Angst vor den Wäldern

    Knochen überall! Obwohl der feuchte germanische Boden eine Menge Spuren verwischt hatte, stand der römische Feldherr mit dem Ehrennamen Germanicus inmitten von Gebeinen. Die Gräben waren versandet, Unkraut überwucherte die Wege. Sechs Jahre vorher waren an dieser Stelle drei Legionen in einen germanischen Hinterhalt geraten. Drei Legionen, drei Reiter-Bataillone und sechs Einheiten sogenannter Hilfstruppen. Vorsichtig geschätzt waren in wenigen Tagen 14000 Mann ums Leben gekommen.

    Diesen Ort aufzusuchen war nicht ungefährlich für Germanicus, und es war eher ein Zeichen von Schwäche als von Tapferkeit. Er hatte eine schwere Kampfsaison hinter sich. Mit seinen acht Legionen... mehr

  • Zweiter Teil: Wo die Wilden Kerle hausen

    Die Nordbarbaren, das waren Kelten und Germanen, galten in den Augen der Römer als schöne Menschen. Man hatte, wie der Geschichtsschreiber Strabo festhält, eine gewisse Ehrfurcht vor jedem, der "größer und heller war als du selbst". Groß waren sie tatsächlich, die Germanen, einsachtzig die Männer, die Frauen oft über einssechzig Meter. Aber schön? Sie müssen furchtbar schmutzig gewesen sein, denn wer immer nur in kaltem Wasser baden kann, schwänzt schon mal ein Waschen, besonders im Winter. Sie verwendeten Pomade fürs Haar, was von Eitelkeit zeugt, aber die Pomade bestand aus reiner Butter, was ziemlich gestunken haben muss.

    Die Fellkleider waren eher ungeschickt geschnitten und ließen eine Menge Haut sehen. Man weiß das, ... mehr

  • Dritter Teil: Im Herz der germanischen Finsternis war kein Profit zu machen

    "Sobald Cäsar erfahren hatte, wo sich ein feindliches Heer befand, griff er es entweder sofort an oder traf Vorsichtsmaßnahmen, um das Heer später zu besiegen, oder zog sich zurück."

    So schreibt die Historikerin Christine Trzaska-Richter in ihrer Arbeit über Das Germanenbild der Römer: "Niemals jedoch ließ er wissentlich eine größere feindliche Streitmacht unbeachtet, um weiter vorzudringen." ... mehr

  • Vierter Teil: Für ein paar Amphoren Wein?

    Der Rhein war für Cäsar die Demarkationslinie des Römischen Reiches. Zweimal hatte er in den Fünfzigerjahren des letzten vorchristlichen Jahrhunderts den Strom nach aufwändigem Brückenbau überschritten, danach war sein Interesse am großen Germanien - Germania Magna - erlahmt.

    Cäsar begnügte sich mit dem linksrheinischen Kleingermanien, das für ihn im weiteren Sinne zu Gallien gehörte und wo sich Stämme wie die Ubier in der Kölner Bucht für die Annehmlichkeiten römischer Lebensart empfänglich zeigten. Außerdem dienten sie als Puffer gegen beutehungrige Germanen aus dem Dschungel rechts des Rheins. ... mehr

  • Fünfter Teil: Wie man sich ein Reich um den Finger wickelt

    Der größtmögliche Glücksfall der Geschichtsschreibung tritt ein, wenn sich antike Berichte und neue archäologische Funde ergänzen und gegenseitig bestätigen. Das geschah vor knapp 20 Jahren in der Nähe von Oberammergau. Man fand drei Dolche, 350 Pfeilspitzen und zwanzig massive Katapultgeschossspitzen, alle römischer Herkunft.

    Man hätte sie nicht mehr gefunden, wenn die an diesem Ort besiegten Kelten oder Germanen sie nicht zusammengeklaubt und einer ihrer Gottheiten als Opfer dargebracht hätten. So blieben die Waffen erhalten. ... mehr

  • Sechster Teil: Mit blindem Eifer in den frühen Tod

    Drusus trat seine neue Aufgabe als Statthalter von Gallien im Jahr 13 v. Chr. an. Der jüngere Sohn der Livia und Stiefsohn des Augustus war 25 Jahre alt, hatte seine Feuertaufe auf einem Feldzug in den Alpen bestanden und galt als strahlende militärische Hoffnung.

    Ein Flair von jener Zuversicht umwehte ihn, die sehr viel spätere Generationen mit dem Namen Kennedy verbinden sollten: Jugendlicher Elan, Offenheit nach allen Seiten und eine republikanische Einstellung, die anders als bei Augustus über jeden demokratischen Zweifel erhaben war. Die Römer liebten ihn. ... mehr

  • Siebter Teil: Das Arminius-Rätsel

    Schnell ist der himmelhohe Unterschied beschrieben, der zwischen dem Lebensstandard der Römer und dem der Germanen klafft. Dort, in Rom, ein Luxus, der die Antike ins Licht einer zivilisatorischen Morgenröte hebt. Ein californian way of life 2000 Jahre vor seiner Zeit. Vollgepackt mit selbstbewussten Lebedamen und genialen Dichtern, blendenden Rednern und superreichen Geschäftsleuten, mit einem ausgeprägten Sinn für Dolce Vita und gleichzeitiger Sehnsucht nach der Reinheit des Landlebens.

    Und über allem die Bereitschaft, den Ehrentod fürs Vaterland zu sterben. ... mehr

  • Achter Teil: Die Provinz, die niemals eine war

    Die letzten Tage vor dem Aufbruch in den Untergang verbrachte Publius Quinctilius Varus in einem Sommerlager irgendwo in Germanien. Oft ist die Vermutung angestellt worden, dieses Lager habe sich in der Nähe von Minden befunden. In Zusammenhang mit der Varusschlacht werden Vermutungen, kaum niedergeschrieben, schnell zur Gewissheit.

    Wenn wir in dieser und den nächsten Folgen den Versuch unternehmen, das Geschehen des Jahres 9 n. Chr. vom Sockel des großen Schlachtendenkmals zu stoßen und Überlegungen anstellen, warum Rom & Kaiser so sehr auf eine Legende von Verrat und Untergang erpicht waren, dann müssen wir ein paar liebgewordene Zöpfe abschneiden und die Lücken eingestehen, die für Archäologen und Historiker nach wie vor bestehen. ... mehr

  • Neunter Teil: Das Geheimnis eines plötzlichen Wandels

    Er war tüchtig im Kampf und rasch in seinem Denken, ein beweglicherer Geist, als es die Barbaren gewöhnlich sind." So beschreibt der Römer Velleius Paterculus den Befreier Germaniens. Kunststück!, möchte man da rufen. Die Römer hätten sich niemals eingestanden, von einem bauernschlauen Hinterwäldler besiegt worden zu sein. So war es auch nicht. Trotzdem legt Paterculus noch einmal nach: "Das Feuer seines Geistes verriet sich schon im Blick seiner Augen." Objektivität klingt anders.

    Und doch fällt dem Urteil des Paterculus über Arminius Gewicht zu. Es kann nämlich sein, dass er ihn gekannt hat. Dass beide, Paterculus und Arminius, einige Zeit Seit' an Seit' im Heer des Tiberius marschierten. ... mehr

  • Zehnter Teil: Ich bringe den Kopf des Varus

    Kann man einen Beweggrund ausgraben? Lässt sich im Staub der Geschichte die Motivation für eine auf den ersten Blick wahnwitzig anmutende Tat ausfindig machen?

    Die Archäologie im südöstlichen Niedersachen, dem Siedlungsgebiet der Cherusker, steckt in den Kinderschuhen. Das ist seltsam. Bei allem Gewese, das seit 500 Jahren um den Cherusker Arminius/Hermann gemacht wird, nimmt es doch Wunder, dass bis 1996 nur 55 Siedlungsplätze dieses Volkes ausgegraben wurden. ... mehr

  • Zwölfter Teil: Zug ins Verderben

    Vergessen Sie alle Beschreibungen der Varusschlacht, die Sie je gelesen haben! Kein Mensch weiß, wie das Ungeheuerliche vonstatten ging. Das Ungeheuerliche? Davon muss die Rede sein, wenn eine Berufsarmee, nicht eben klein, sondern drei Legionen stark, gegen einen Haufen Desperados den Kürzeren zieht.

    Äußerungen zur Varusschlacht können immer nur Mutmaßungen sein. Man kann sich den Riesentross der Römer vorstellen, wie er nach Westen zog. Das ist aus vielen Militärberichten herauszulesen und erfolgte übrigens nach strikten Regeln. ... mehr


Foto: Archiv


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