| prisma-Serie Varusschlacht (12) | Mittwoch, 26. August 2009 |
In Kürze folgen die bereits angekündigten Zusammenfassungen sowie "Von Cäsar bis Vespasian: Politik als Familiengeschichte"
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Äußerungen zur Varusschlacht können immer nur Mutmaßungen sein. Man kann sich den Riesentross der Römer vorstellen, wie er nach Westen zog. Das ist aus vielen Militärberichten herauszulesen und erfolgte übrigens nach strikten Regeln.
Man kann sich die Landschaft vorstellen; aus Pollenuntersuchungen wissen wir, wie das Gebiet "östlich der Ems, nördlich der Lippe, im oder am Teutoburger Wald oder Wiehengebirge" (der Historiker Theodor Mommsen) zu jener Zeit, 9 n. Chr., ausgesehen hat.
Man kann das Verhalten des Varus auf den Prüfstand militärtaktischer Überlegungen legen und wird zu dem Befund gelangen, dass er, der mit der Niederlage zur verachteten Figur wurde, im Großen und Ganzen korrekt gehandelt hat. Vielleicht war das sein zweitgrößter Fehler: Varus ging quasi nach Lehrbuch vor, während der Gegner schmutzig, soll heißen im Stile einer Guerilla kämpfte. Varus' größter Fehler aber war, in geradezu romantischem Vertrauen auf Arminius gesetzt zu haben. Arminius hatte, obschon römischer Bürger im Ritterstand, seinem Leben ein neues Ziel gegeben: die cheruskische Königswürde.
Er durfte annehmen, dass sie seiner Familie zustand; er musste annehmen, dass man sie ihm streitig machte. Ein solcher Perspektivenwechsel kann bei einem 25-Jährigen binnen weniger Tage reifen.
Der Drei-Legionen-Tross des Varus wurde von den Hilfstruppen mit Arminius an der Spitze angeführt. Das heißt nicht, dass er unmittelbar vorausmarschierte. Er genoss eine Freiheit von mehreren Kilometern, und es waren letztlich diese Kilometer, die über Aufstand oder braver Zugführung entschieden. Der Abstand gab Arminius Gelegenheit, seine überwiegend cheruskischen Begleiter und möglicherweise auch Abgesandte anderer Stämme (Angrivarier? Brukterer?) auf die Tollkühnheit eines Angriffs einzustimmen. Wie viele Hilfstruppen führte Arminius an? Maximal 4500 Mann, das wären 1500 pro Legion gewesen. Da aber die Legionen im friedlichen Germaniensommer des Jahres 9 nicht in voller Stärke (6000 Mann) hinausgezogen waren, dürfte auch das Hilfstruppenkontingent deutlich kleiner gewesen sein. Die genaue Zahl kennen wir nicht.
Auf die Vorhut der Hilfstruppen folgten die Pioniere, eine Spezialtruppe, die Brücken stabilisierte, umgestürzte Bäume aus dem Weg räumte und die Straße säuberte.
Der gewissenhafte und vielleicht auch bequeme Varus wird, anders als es die Legende will, mit seinen Truppen nicht durch unwegsames Gebiet gezogen sein, sondern eine (schon damals) alte Heerstraße benutzt haben. Das Gebiet war seit Menschengedenken landwirtschaftlich kultiviert und allenfalls von lockerem Baumbestand.
Hinter den Pionieren kamen Infantristen, flankiert von Reiterei, und so entspann sich ein Lindwurm von drei Legionen mit seinem vielfältigen Begleitpersonal (Sklaven, Frauen, Kinder) über eine Länge von geschätzten zwölf Kilometern. Heeresteile aus den hinteren Regionen waren kaum in der Lage, den Leuten vorn im Falle eines Angriffs schnell zu helfen. Aber wer dachte schon an Angriff?
Die Soldaten zogen, das darf man annehmen, frohen Mutes und kaum in voller Rüstung westwärts und damit der Zivilisation entgegen. Dass Arminius an verschiedenen Orten kleine Aufstände angezettelt haben soll, um das Varus-Heer zum Eingreifen zu zwingen und damit zu splitten, ist eine Mär. Gegen wen sollten die Germanen handgreiflich werden, wenn nicht gegen Varus selbst?
Eine andere Mär ist das Wetter. Es war Ende August, Anfang September. Da kann es durchaus für eine Nacht stürmen oder hageln, aber dann ist der Spuk vorbei. 1974 ging ein solcher Hagelsturm über Niedersachsen hinweg.
Die Römer wären damit genauso gut oder genauso schlecht zurecht gekommen wie die Germanen. Die Legionäre waren nicht aus Zucker und keine Anfänger.
Die Geschichte von der Sintflut, welche die Römer in Sumpf und Wald - per paludes perque silvas - getrieben habe, hat so oder ähnlich zu allen Zeiten zum dramatischen Hilfswerkzeug der Schriftstellerei gehört; auch bei Autoren wie Tacitus und Cassius Dio. Es sieht nicht so aus, als ob Arminius einen Masterplan verfolgte. Er griff die vordersten Infantristen und Reiter an, offenbar noch bei gutem Wetter und mit mäßigem Erfolg. Varus konnte ein Lager errichten. Zweifellos wurde Kriegsrat gehalten, das war so üblich.
Die einstimmige Entscheidung seiner Offiziere, am nächsten Morgen nach Westen weiterzuziehen, erwies sich als verhängnisvoll. Man geriet in topographisch enge Verhältnisse (Teutoburgiensi saltu = in eine Schlucht am Teutoburger Wald) und vielleicht ja tatsächlich in heftigen und andauernden Regen.
Immer mehr Germanen schlossen sich Arminius an. Immer panischer suchten die Römer ihr Heil in der Flucht. Doch die Germanen hatten Blut geleckt. Das Schlachten zog sich über Wochen hin. Der Rest ist Geschichte. dh
In Kürze folgen Zusammenfassungen sowie "Von Cäsar bis Vespasian: Politik als Familiengeschichte"
Knochen überall! Obwohl der feuchte germanische Boden eine Menge Spuren verwischt hatte, stand der römische Feldherr mit dem Ehrennamen Germanicus inmitten von Gebeinen. Die Gräben waren versandet, Unkraut überwucherte die Wege. Sechs Jahre vorher waren an dieser Stelle drei Legionen in einen germanischen Hinterhalt geraten. Drei Legionen, drei Reiter-Bataillone und sechs Einheiten sogenannter Hilfstruppen. Vorsichtig geschätzt waren in wenigen Tagen 14000 Mann ums Leben gekommen.
Diesen Ort aufzusuchen war nicht ungefährlich für Germanicus, und es war eher ein Zeichen von Schwäche als von Tapferkeit. Er hatte eine schwere Kampfsaison hinter sich. Mit seinen acht Legionen... mehr
Die Nordbarbaren, das waren Kelten und Germanen, galten in den Augen der Römer als schöne Menschen. Man hatte, wie der Geschichtsschreiber Strabo festhält, eine gewisse Ehrfurcht vor jedem, der "größer und heller war als du selbst". Groß waren sie tatsächlich, die Germanen, einsachtzig die Männer, die Frauen oft über einssechzig Meter. Aber schön? Sie müssen furchtbar schmutzig gewesen sein, denn wer immer nur in kaltem Wasser baden kann, schwänzt schon mal ein Waschen, besonders im Winter. Sie verwendeten Pomade fürs Haar, was von Eitelkeit zeugt, aber die Pomade bestand aus reiner Butter, was ziemlich gestunken haben muss.
Die Fellkleider waren eher ungeschickt geschnitten und ließen eine Menge Haut sehen. Man weiß das, ... mehr
"Sobald Cäsar erfahren hatte, wo sich ein feindliches Heer befand, griff er es entweder sofort an oder traf Vorsichtsmaßnahmen, um das Heer später zu besiegen, oder zog sich zurück."
So schreibt die Historikerin Christine Trzaska-Richter in ihrer Arbeit über Das Germanenbild der Römer: "Niemals jedoch ließ er wissentlich eine größere feindliche Streitmacht unbeachtet, um weiter vorzudringen." ... mehr
Der Rhein war für Cäsar die Demarkationslinie des Römischen Reiches. Zweimal hatte er in den Fünfzigerjahren des letzten vorchristlichen Jahrhunderts den Strom nach aufwändigem Brückenbau überschritten, danach war sein Interesse am großen Germanien - Germania Magna - erlahmt.
Cäsar begnügte sich mit dem linksrheinischen Kleingermanien, das für ihn im weiteren Sinne zu Gallien gehörte und wo sich Stämme wie die Ubier in der Kölner Bucht für die Annehmlichkeiten römischer Lebensart empfänglich zeigten. Außerdem dienten sie als Puffer gegen beutehungrige Germanen aus dem Dschungel rechts des Rheins. ... mehr
Der größtmögliche Glücksfall der Geschichtsschreibung tritt ein, wenn sich antike Berichte und neue archäologische Funde ergänzen und gegenseitig bestätigen. Das geschah vor knapp 20 Jahren in der Nähe von Oberammergau. Man fand drei Dolche, 350 Pfeilspitzen und zwanzig massive Katapultgeschossspitzen, alle römischer Herkunft.
Man hätte sie nicht mehr gefunden, wenn die an diesem Ort besiegten Kelten oder Germanen sie nicht zusammengeklaubt und einer ihrer Gottheiten als Opfer dargebracht hätten. So blieben die Waffen erhalten. ... mehr
Drusus trat seine neue Aufgabe als Statthalter von Gallien im Jahr 13 v. Chr. an. Der jüngere Sohn der Livia und Stiefsohn des Augustus war 25 Jahre alt, hatte seine Feuertaufe auf einem Feldzug in den Alpen bestanden und galt als strahlende militärische Hoffnung.
Ein Flair von jener Zuversicht umwehte ihn, die sehr viel spätere Generationen mit dem Namen Kennedy verbinden sollten: Jugendlicher Elan, Offenheit nach allen Seiten und eine republikanische Einstellung, die anders als bei Augustus über jeden demokratischen Zweifel erhaben war. Die Römer liebten ihn. ... mehr
Schnell ist der himmelhohe Unterschied beschrieben, der zwischen dem Lebensstandard der Römer und dem der Germanen klafft. Dort, in Rom, ein Luxus, der die Antike ins Licht einer zivilisatorischen Morgenröte hebt. Ein californian way of life 2000 Jahre vor seiner Zeit. Vollgepackt mit selbstbewussten Lebedamen und genialen Dichtern, blendenden Rednern und superreichen Geschäftsleuten, mit einem ausgeprägten Sinn für Dolce Vita und gleichzeitiger Sehnsucht nach der Reinheit des Landlebens.
Und über allem die Bereitschaft, den Ehrentod fürs Vaterland zu sterben. ... mehr
Die letzten Tage vor dem Aufbruch in den Untergang verbrachte Publius Quinctilius Varus in einem Sommerlager irgendwo in Germanien. Oft ist die Vermutung angestellt worden, dieses Lager habe sich in der Nähe von Minden befunden. In Zusammenhang mit der Varusschlacht werden Vermutungen, kaum niedergeschrieben, schnell zur Gewissheit.
Wenn wir in dieser und den nächsten Folgen den Versuch unternehmen, das Geschehen des Jahres 9 n. Chr. vom Sockel des großen Schlachtendenkmals zu stoßen und Überlegungen anstellen, warum Rom & Kaiser so sehr auf eine Legende von Verrat und Untergang erpicht waren, dann müssen wir ein paar liebgewordene Zöpfe abschneiden und die Lücken eingestehen, die für Archäologen und Historiker nach wie vor bestehen. ... mehr
Er war tüchtig im Kampf und rasch in seinem Denken, ein beweglicherer Geist, als es die Barbaren gewöhnlich sind." So beschreibt der Römer Velleius Paterculus den Befreier Germaniens. Kunststück!, möchte man da rufen. Die Römer hätten sich niemals eingestanden, von einem bauernschlauen Hinterwäldler besiegt worden zu sein. So war es auch nicht. Trotzdem legt Paterculus noch einmal nach: "Das Feuer seines Geistes verriet sich schon im Blick seiner Augen." Objektivität klingt anders.
Und doch fällt dem Urteil des Paterculus über Arminius Gewicht zu. Es kann nämlich sein, dass er ihn gekannt hat. Dass beide, Paterculus und Arminius, einige Zeit Seit' an Seit' im Heer des Tiberius marschierten. ... mehr
Kann man einen Beweggrund ausgraben? Lässt sich im Staub der Geschichte die Motivation für eine auf den ersten Blick wahnwitzig anmutende Tat ausfindig machen?
Die Archäologie im südöstlichen Niedersachen, dem Siedlungsgebiet der Cherusker, steckt in den Kinderschuhen. Das ist seltsam. Bei allem Gewese, das seit 500 Jahren um den Cherusker Arminius/Hermann gemacht wird, nimmt es doch Wunder, dass bis 1996 nur 55 Siedlungsplätze dieses Volkes ausgegraben wurden. ... mehr
Georg Spalatin, ein guter Freund Martin Luthers, verfasste 1535 eine Abhandlung mit dem wunderbaren Titel "Von dem theuren Deudschen Fürsten Arminio: Ein kurtzer auszug aus glaubwirdigen latinischen Historien". Diese Geschichtserzählungen wirkten damals frischer als heute die deutsche Wiedervereinigung.
1455 waren in der Abtei Hersfeld einige Schriften des Publius Cornelius Tacitus gefunden worden, darunter das Buch "de Origine et situ Germaniae", gemeinhin als Germania bekannt. ... mehr
Abbildung: Germain-Jean Drouais