| Interview | Freitag, 15. Januar 2010 |
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Birgit Sonnenschein (43), Gründerin von www.endlich-geheilt.de, sammelt in ihrem Portal Mut-Mach-Geschichten von Menschen, die von schwerer Krankheit geheilt sind oder trotz Handicap ein selbstbestimmtes Leben meistern (1/2010). Diplom-Kauffrau Sonnenschein lebt mit Mann und zwei Kindern in Bochum
Prisma: Was möchten Sie mit Ihrem Portal erreichen?
Birgit Sonnenschein: Ich weiss genau, wie es ist, wenn man schwer krank ist und es einem schlecht geht: Dann will man nicht nur Leid und Elend sehen. Geschichten, wie Menschen ihre Krankheit positiv bewältigen, können ganz viel Mut und Hoffnung geben. Und das ist mein Anliegen. Mir hat einmal eine kranke Frau gesagt: "Wenn ich nur wüsste, dass meine Krankheit zumindest ein wenig geheilt werden könnte, ginge es mir schon besser." Genau das ist es!
Prisma: Auf welche Weise hat Sie Ihr eigenes Schicksal beflügelt?
Sonnenschein: Ich bin für meine Homepage eigentlich uninteressant. Ich bin und bleibe für immer chronisch krank, behindert oder wie auch immer. Ich leide an Multipler Sklerose. Dennoch kann ich ein normales Leben führen und anderen Menschen Mut machen, weil auch bei mir einige schwere Schübe ohne schwere Nachwirkungen vorübergegangen sind. Im Vordergrund meiner Initiative stehen nur die "Mut-Mach-Geschichten".
Prisma: Wann trat Multiple Sklerose bei Ihnen auf?
Sonnenschein: Im Jahre 2002, während unseres Hausbaues und kurz nach der Geburt unseres zweiten Sohnes, erfuhr ich die Diagnose. Zu allem Unglück verlor mein Mann zu jener Zeit seine Arbeit - entlassen mit den Worten "mit so einer Frau an ihrer Seite sind sie hier nicht zu gebrauchen!" Weil ich jeden Monat einen neuen starken Schub hatte, teilten mir die Ärzte Ende 2002 mit, ich sei ein ganz schwerer Fall. In spätestens einem halben Jahr, so prophezeiten sie mir, säße ich im Rollstuhl. Ganz ehrlich, ich habe niemals daran geglaubt.
Prisma: Wie leben Sie heute mit Ihrer Krankheit?
Sonnenschein: Auch wenn ich immer mal wieder von einem Schub heimgesucht werde, so können doch viele Menschen, die ich treffe, nicht glauben, dass ich krank bin! Wie ich das geschafft habe, kann ich nicht genau sagen. Meine positive Einstellung hat mir gewiss geholfen. Vielleicht ist alles nur Glück. Das betone ich eigens, denn es gibt viele Menschen, die alles tun, was man tun sollte, und dennoch geht es ihnen immer schlechter. Und ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich meine Multiple Sklerose schon wahrnehme. Ich kann noch keine langen Spaziergänge machen, mag keine Nebengeräusche und keinen Stress, bin manchmal müde und habe Konzentrationsschwierigkeiten, obwohl ich ja gar nicht mehr arbeite. Aber es geht mir jetzt gut, ich führe ein ganz normales Leben, kümmere mich viel um meine Kinder, mache den Haushalt alleine und unterstütze meinen Mann, der sich selbstständig gemacht hat.
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Prisma: Was ist an Ihrer Geschichtensammlung einzigartig?
Sonnenschein: Es gab bisher Portale über die unterschiedlichsten Krankheiten (Krebs, Asthma, Depressionen usw.) oder über die verschiedensten Heilungswege (naturheilkundliche Therapien, Glaubensheilungen etc.). Aber es gab bislang nichts über all das zusammen. Vor allem finde ich in diesem Fall eine Homepage nützlicher als ein Buch. Viele Menschen, die krank und deprimiert sind, haben weder Zeit noch Geld. Für sie ist es wichtig, dass sie sich jederzeit und kostenlos Mut-Mach-Geschichten durchlesen können.
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Prisma: Wie geht es weiter?
Sonnenschein: Die Seite wächst ständig, es kommen laufend neue Geschichten hinzu. Ich habe ein paar Mails erhalten nach dem Motto "...endlich kann ich meine Geschichte mal erzählen. Ich habe zwar jetzt noch keine Zeit, aber sie ist versprochen..." Fast alle Rückmeldungen waren positiv, nicht alle.
Prisma: Was besagte die Kritik?
Sonnenschein: Gleich zu Beginn gab mir eine Rückmeldung sehr zu denken. Eine Leserin schrieb mir nach dem Motto "Vornehmliches Ziel ist es nach außen, trotz einer schweren Erkrankung unversehrt zu erscheinen. Das Anderssein wird als Makel empfunden..." Danach habe ich meine Homepage intensiv überarbeitet. Die Frau hatte völlig recht! Wenn ich mich als "geheilt" darstelle, dann schrecke ich doch gerade diejenigen ab, die ich ansprechen möchte. Außerdem werde ich mein Leben lang Multiple Sklerose behalten, ich bin und bleibe behindert. Ziel ist, gut mit seiner Krankheit leben zu können, positiv zu denken, seinen Weg zu finden. Und ich habe meine Weg gefunden, passe ihn laufend an.
Prisma: Ihre Homepage wendet sich also gezielt auch an Menschen, die niemals Heilung erfahren können.
Sonnenschein: Ja, auch das betrifft eine Kritik, die ich immer mal wieder zu hören bekomme. Hier meine Antwort, die ich schon einmal einem Nutzer geschrieben habe: Ich glaube, dass Geschichten, wie Menschen ihre Krankheit positiv bewältigen, viel Mut und Hoffnung geben können. Und der Glaube daran, dass das geht, ist der erste Schritt. Ich möchte, dass jeder, ob er Geld hat oder nicht, behindert oder nicht, jederzeit etwas tun kann, um sich besser zu fühlen. Warum sollte ein chronisch Kranker etwa mit MS oder Parkinson nicht seine Geschichte schreiben, dass es ihm endlich einmal wieder besser geht? Und wenn die Beschwerden des Schubes vorüber sind, ist das dann nicht auch so etwas wie eine Heilung des Schubes?
Prisma: Melden sich außer MS-Kranken auch Betroffene mit anderen Krankheiten?
Sonnenschein: Ja, langsam immer mehr, zum Beispiel mehrere Geschichten über Krebserkrankungen. Und die Seite wächst ständig. Die meisten Geschichten erscheinen unter Pseudonym. Selbstverständlich behandele ich sämtliche personenbezogenen Daten streng vertraulich. Damit stehe ich mit meinem Namen. Ach ja, der ist wirklich echt. Danach werde ich häufig gefragt. Ich bin halt ein echter Sonnenschein... Interview: Jörg Bärschneider
Kontakt zu Birgit Sonnenschein:
www.endlich-geheilt.de
info@endlich-geheilt.de
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Fotos: privat