Thema der Woche

Schnarcher sind sie alle

Aber bei Leuten mit Schlafapnoe kann die Sache gefährlich sein

Noch ein Schnarcher, und ich zieh aus!
¿T?
Sie gurgeln wie ein Gebirgsbach und rattern wie ein Traktor. Doch Schnarcher wissen nicht, was sie tun. Solange, bis die Partnerin zur Rippenboxerin wird: "Dreh dich mal auf die Seite." Manchmal geht es auch anders aus. Dann quält sie sich entnervt aus dem Bett, schleift die Decke hinter sich her und flüchtet auf die Wohnzimmer-Couch. "Wieder mal nicht auszuhalten mit dir."

Nacht für Nacht werden Partnerschaften zersägt und hernach nur noch in getrennten Schlafzimmern fortgeführt. 93 Dezibel beträgt das lauteste je gemessene Schnarchen. Zum Vergleich: Beim Straßenverkehr herrschen zwischen 70 und 90, bei Bauarbeiten bis zu 110 Dezibel. Nachvollziehbar, dass die nächtliche Ruhestörung schon manches Mordgelüst hat aufkeimen lassen. In den USA ist die Präventionsabsicht am weitesten entwickelt: Dort ist das Schnarchen des Ehepartners ein gesetzlich anerkannter Scheidungsgrund.

Keine Frage, wer schnarcht, braucht sich um den Spott nicht zu sorgen. Dabei kann niemand etwas dafür. Während des Schlafes erschlaffen die Muskeln der Mundhöhle und des Rachenraumes, die Zunge fällt zurück, die Luftwege verengen. Folglich produziert die bei der Atmung vorbeistreifende Luft eine geräuschvolle Vibration von Zäpfchen und Gaumensegel. Schnarcher sind mehrheitlich Männer. Im Alter ab 50 Jahren, bei Übergewicht und Alkoholkonsum kommt es gehäuft zur Geräuscherzeugung.

Das Gelärme ist normalerweise kein Gesundheitsrisiko, kann aber dazu werden. Da ist erst einmal der nicht schnarchende Partner, der jede Nacht bis zu zwei Stunden um seinen kostbaren Schlaf gebracht wird. Vor allem der Schnarcher lebt gefährlich, obwohl er meist nichts davon merkt. "Lautes, unruhiges Schnarchen mit häufigen Atemaussetzern sind ein klares Signal für eine ernsthafte Krankheit", sagt Dr. Tilmann Müller, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Universität Münster. Dann handelt es sich meist um eine Schlafapnoe.

Apnoe bedeutet auf Griechisch Atemstillstand. Die Aussetzer können bis zu zwei Minuten dauern und sich jede Nacht dutzendfach wiederholen. "Bei rund drei Prozent der Bevölkerung liegen deutlich mehr als fünf bis zehn solcher Atemstillstände pro Stunde vor", beschreibt Schlafexperte Müller. Unbehandelt führen die Atemstillstände zu Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen. Typisch für die Apnoe ist eine ausgeprägte Tagesschläfrigkeit. Drastischer noch als die herkömmliche Müdigkeit äußert sie sich in einem Gefühl chronischer Erschöpfung. Die Patienten leiden unter Antriebslosigkeit, depressiver Verstimmung, mitunter Libidoverlust und Impotenz. Schlafapnoe, so vermuten Forscher, ist eine der häufigsten Gründe für den Sekundenschlaf, einer Ursache schwerer Verkehrsunfälle.

Wenn die Indizien schon recht deutlich sind, so bedarf die Therapie doch einer gesicherten Diagnose. "Ob Schlafapnoe vorliegt, wird zunächst ambulant mit einem speziellen Messgerät überprüft", sagt Müller. Der Patient bekommt es über Nacht mit nach Hause. Während des Schlafs zeichnet es Atem- und Schnarchgeräusche, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung des Blutes und den Atemfluss an Mund und Nase auf. Sollten die dabei erhobenen Daten nicht ausreichen, findet eine vertiefende Untersuchung im Schlaflabor statt.

Eine ganze Industrie preist sich als Verbündete im Kampf gegen das Schnarchen an. Ihre Angebote reichen von speziellen Nasenklammern über Rachenkanülen und Stützkissen bis zu Elektroschockern. Bei den meisten dieser Wundergeräte handelt es sich eher um pure Geschäftemacherei. Umstritten ist der Nutzen des in den letzten Jahren angepriesenen "Face Former". Dabei handelte es sich um ein Gymnastikgerät zur Stärkung des Lippen- und Zungengewebes.

Bei leichter Schlafapnoe empfehlen Mediziner zuallererst Selbsthilfemaßnahmen wie den Abbau von Übergewicht und den Verzicht auf Alkohol und Schlafmittel. Auch das Hochstellen des Kopfteils oder die Vermeidung der Rückenlage kann Erfolge im Kampf gegen das Schnarchen bringen: Wie man sich bettet, so schnarcht man.

Im Einzelfall kommt auch eine operative Korrektur der Nasenscheidewand oder der Nasenmuscheln in Frage. Die Weitung der Luftröhre hingegen gehört zu den äußerst seltenen chirurgischen Eingriffen bei schwerer Schlafapnoe.

Als wirksamste Maßnahme bei ausgeprägter Apnoe hilft die nasale kontinuierliche Atemwegsüberdruckbehandlung mit einer Nasenmaske (nCPAP). Die Anwendung der Maske vollzieht sich nach ihrer individuellen Einstellung durch den Arzt in Selbstbehandlung. Ein kleiner Kompressor erzeugt einen Luftstrom, der die Atemwege offenhält und ein Durchschlafen ermöglicht. Nebenwirkungen sind die Trockenheit der Schleimhäute und Druckstellen im Gesicht.

Was anfangs gewöhnungsbedürftig ist, hat sich längst als therapeutischer Goldstandard erwiesen, den Betroffene nicht mehr missen möchten: Schnarchen und Atemstillstände haben meist keine Chance mehr. bär

Mehr Informationen

Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, Klinikum der Philipps-Universität Marburg, www.charite.de/dgsm/dgsm/
Liste von der DGSM akkreditierter Schlaflabore: www.charite.de/dgsm/dgsm/schlaflabore
Webseite von Tilmann Müller, Universität Münster - Infos, Links, Literaturtipps: www.schlafgestoert.de
Selbsthilfe: www.schlafapnoe-online.de

Foto: f1 online


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