| Die Luisen-Serie in Prisma (1) |
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Der Dichter Novalis notierte verzückt und obwohl er nicht einmal Augenzeuge der sogenannten "Einholung" der Prinzessin gewesen war: "Wer den Ewigen Frieden jetzt sehen und lieb gewinnen will, der reise nach Berlin und sehe die Königin."
Dabei sollte es noch vier Jahre dauern, bis Luise tatsächlich Königin war, aber Hoffnung und Begeisterung des Erzromantikers Novalis schossen ins Uferlose. Und damit stand er nicht allein. Der fränkische Erzähler Jean Paul fragt unter dem Eindruck einer Begegnung mit Luise: "Warum hat sie zwei Throne, da ihr zum Herrschen der Thron der Schönheit genug sein könnte?"
Inmitten der jubelnden Menschenmassen, aber mit Sicherheit an privilegierter Stelle, rieb sich Johann Gottfried Schadow die Hände. Er war der Mann für Luises Ewigkeit.
Schadow hatte einen Auftrag in der Tasche, von dem er annehmen durfte, dass er von König Friedrich Wilhelm II. persönlich angeordnet worden war: Er sollte Luise und ihre sie begleitende jüngere Schwester Friederike porträtieren, vorerst in Gips, doch aus Gips sollte Marmor werden. Schadow war begeistert von dem, was er sah. Fast schien es ihm, als ob Friederike, von allen "Ika" gerufen und zwei Jahre jünger als ihre Schwester, noch hübscher sei als Luise. Er würde sich unverzüglich an die Arbeit machen. Schadow war zu diesem Zeitpunkt 29 Jahre alt. Er hatte bereits die Quadriga des Brandenburger Tores gestaltet und das Zieten-Denkmal auf dem Wilhelmplatz. Er hatte sich mühselig und auf Umwegen, aber letztlich doch aufgrund seines überragenden, an italienischen Vorbildern geschulten Könnens den ersten Rang unter Preußens Künstlern erobert. Die geplante "Prinzessinnengruppe" mit Luise und Friederike sollte ein vorläufiger Höhepunkt seines Schaffens werden.
Er ahnte nicht, dass es für ihn die Wende zum Schlechten wurde.
Zwei Tage nach der Ankunft in Berlin wurde Hochzeit gefeiert. 24. Dezember. Als ob Luise noch eines Heiligenscheins bedurft hätte. Der Thronfolger, der als Friedrich Wilhelm III. und Preußens schlimmster Zauderer in die Geschichte eingehen sollte, heiratete Luise von Mecklenburg-Strelitz. Obschon arrangiert, war es doch eine Liebesheirat. Die beiden waren wie Turteltauben.
Friedrich Wilhelms jüngerer Bruder Ludwig heiratete zwei Tage danach Luises Schwester Friederike. Keine Liebesheirat. Auch als Ehemann stieg Prinz Ludwig jedem Rock nach. Darin glich er seinem Vater, der ein arger Schwerenöter war. Und Friederikes Schönheit, für die Ludwig keine Augen hatte, sollte noch manchen aufrechten Preußen um den Verstand bringen.
Die Hochzeit fand im Weißen Saal des Berliner Stadtschlosses statt. Das Zeremoniell hatte einige aus heutiger Sicht belustigende, ja lächerliche Seiten, so den traditionellen Fackeltanz der Minister und Generäle, so das Zerschneiden des Strumpfbandes der Braut und dessen Verteilung an Zeugen. Aber das war alter Brauch.
Interessanter waren die frischen Elemente, die, ob kalkuliert oder einfach ihrem natürlichen Temperament entspringend, von Luise eingebracht wurden. Sie begrüßte die Gäste selbst - statt sich begrüßen zu lassen. Sie küsste, und das war am nächsten Morgen Tagesgespräch in Berlin, ein Bürgermädchen! Es wurde Walzer getanzt, ungeheuerlich, mit Körperberührung - und der Thronfolger hatte nichts dagegen.
Außerdem war Luise immer wieder und für alle ersichtlich zu Tränen gerührt. Sie hatte offenbar nah am Wasser gebaut. Berlin liebte sie. Nur aus Gräfin Voß, Oberhofmeisterin und Anstandsdame, bricht es einmal heraus: "Mein Himmel! Das ist ja gegen alle Etikette."
An diesem heiligen Hochzeitsabend 1793 wurde die Luisenlegende geboren, lange bevor die künftige Königin erste Schritte auf diplomatischem Parkett machen konnte oder ihre Handlungen politisch belangvoll wurden.
Allerdings lag gerade im vermeintlich Unpolitischen ihrer Jugend, ihrer Schönheit und ihrer Liebe zum preußischen Thronfolger ein höchst politisches Element. Es gab den Menschen das Gefühl, es könne so weitergehen wie bisher. Was nicht der Fall war.
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Frankreich wand sich in den Nachwirkungen einer blutigen Revolution, was in Deutschland ebenso viel Faszination wie Angst hervorrief. Hinzu kam, dass der gegenwärtige preußische König, Friedrich Wilhelm II., mit seinen wechselnden Frauenaffären eine "moralisch rabenschwarze Kulisse geschaffen" hatte, wie es der Schriftsteller Günter de Bruyn formuliert.
Das junge Thronfolgerpaar, allem Anschein nach tugendhaft, modern und schwer verliebt, sollte als Garant für eine Zukunft dienen, die den Aufstieg Preußens unter Friedrich dem Großen bewahrte, wenn nicht gar fortsetzte. Luise und Friedrich Wilhelm III. waren Hoffnungsträger für alle deutschen Lande, vergleichbar mit den Erwartungen, die Barack Obama nach den Jahren des Bush-Regimes entgegengebracht wurden.
Siebzehn Jahre später, am 10. März 1810, wird der Weiße Saal des Stadtschlosses abermals geöffnet. Das ist ungewöhnlich, denn eigentlich bleibt dieser Saal Hochzeitsfeierlichkeiten und Thronbesteigungen vorbehalten.
Es ist Luise 34. Geburtstag, und die Feier im Saal ist eine Geste des Königs. Wir sind immer noch Herren im eigenen Hause, soll sie bedeuten. Luise hat zehn Schwangerschaften überstanden, ist gereift, noch schöner geworden, wie nicht nur Schmeichler und Speichellecker behaupten. Und mehr denn je ruhen Preußens Hoffnungen auf ihr.
Die Atmosphäre ist nervös, spannungsgeladen. Preußen ist ein besiegtes Land und Napoleon das Maß aller Befürchtungen. Preußen soll für den verlorenen Krieg bezahlen, ist aber pleite. Muss jetzt Schlesien abgetreten werden?
Spitzel umschleichen das Königspaar. Luise gilt als Napoleons größte Gegnerin, auch wenn sie seinem Gesandten in Berlin, Saint-Marsan, das Gegenteil versichert. Saint-Marsan glaubt ihr aufs Wort, Napoleon nicht.
Luise hat ihm einen Brief geschrieben und um Verlängerung der Zahlungstermine gebeten. Es war ein Appell, eine Demutsgeste. Der Brief beginnt mit den Worten: "Mein Herr Bruder!" Napoleon lehnt ab.
Die Feier ist ein Versuch, Fäden zu knüpfen, Koalitionen zu schmieden. Luise weiß, es geht um das Überleben Preußens. Was sie nicht wissen kann: Sie hat von heute an nur noch 131 Tage zu leben. Detlef Hartlap
Teil 2 der Luisen-Serie: Russisch-deutsche Liebesgeschichten
Teil 3 der Luisen-Serie: Rückkehr nach Berlin, Tod in Hohenzieritz
Abbildung: Wikipedia/Mutter Erde, Josef Maria Grassi