| Die Luisen-Serie in Prisma (2) |
![]() |
"Mir fatal!", sprach er. Damals, 1797 war's, verstanden alle, was er meinte.
Der Ausspruch galt Johann Gottfried Schadow, dem begnadeten Zeichner und Bildhauer, der sein Lebenswerk mit der Prinzessinnengruppe krönen wollte, einem Marmorstandbild, das Luise noch als Prinzessin mit ihrer jüngeren Schwester Friederike zeigt. Des Königs "mir fatal!" erledigte beide, das Standbild und den Schadow.
Von anderem Kaliber als Schadow war Alexander I., Russlands junger Zar. Wenn Historiker über Briefen und Tagebüchern ins Träumen geraten, treten ihnen Luise und Alexander vor Augen, die schöne Preußin und der gutaussehende Russe. "Herkules", seufzte sie in ihrem Tagebuch, und sie meinte nicht ihren Mann. Hatten die beiden was miteinander und wenn ja, wie sehr?
Die Frage ist einfach zu beantworten - mit nein - und doch unendlich kompliziert wie so vieles, was sich zwischen Russen und Deutschen abspielt.
Außerdem erscheint im Hintergrund des Luisen-Alexander-Techtelmechtels der tatsächlich entscheidende Mann in ihrem Leben, der Schicksalsmann: Napoleon.
Sie kann ihn nicht leiden und er sie, der homme à femmes durch und durch, der Frauenheld, scheinbar auch nicht. Seltsam. Als das alte Preußen nach der verlorenen Doppelschlacht von Jena und Auerstedt, 1806, zusammenbricht und Luise mit ihren Kindern überstürzt nach Ostpreußen flieht, mokiert sich Napoleon in einem Bulletin, Luise sei eine "blutrünstige Amazone", eine Schönheit, "die den Völkern Preußens ebenso verhängnisvoll war wie Helena den Trojanern". Wer oder was spricht da? Der Hass eines abgewiesenen Verehrers? Möglich.
Doch auch in seinen gemeinsten Momenten, und davon gab es etliche, fand Napoleon ein Körnchen Wahrheit. Luise gehörte am Hofe der sogenannten Kriegspartei (um Prinz Louis Ferdinand, Freiherr vom Stein etc.) an.
Mit Napoleon zog eine neue Zeit auf. Sein Code civil von 1804 verband britische Liberalität und amerikanischen Freiheitsgeist mit den Idealen der französischen Revolution; ein Frontalangriff auf das alte Europa.
Vor dem Gesetz sollte, mit Ausnahme Napoleons und seiner Familie, jeder gleich sein: Bürger, Bauer, Jude, Katholik. Ließ sich das mit altpreußischem Geist verhindern? Luise glaubte es und ahnte nicht, wie sehr Preußen in Dünkelhaftigkeit und Traditionen erstarrt war - und deshalb nur bedingt abwehrbereit.
Vielleicht war es ein Mord, ein eher nebensächliches Ereignis im Breitwandepos der Geschichte, das Luise und ihresgleichen mehr aufscheuchte als alles andere. Am 31. März 1804 ließ Napoleon den Herzog von Enghien erschießen. Napoleon hatte seinen innenpolitischen Gegner in Ettenheim, Baden, entführen lassen. Man war auch auf deutschem Boden nicht mehr vor ihm sicher.
![]() |
Es war eine Schwester Alexanders, die für den Ringelpiez zwischen Russland und Deutschland sorgte. Helena Pawlowna wurde als 15-jährige mit dem Mecklenburg-Schweriner Erbprinzen Friedrich Ludwig verheiratet. Luise entstammte dem Herzogtum Mecklenburg-Strelitz (denn das große Mecklenburg leistete sich zwei Herrscher und zwei Residenzen). Helena und Luise freundeten sich bald miteinander an. Aber, Überraschung, auch seine Majestät, der Stiefstoffel Friedrich Wilhelm III., zeigte sich für die Reize der Russin empfänglich. Er bot ihr das Du an und schmollte, als Helena Pawlowna ablehnte. Um ihn zu trösten, soll sie ihn am Backenbart gezupft und gerufen haben: "Fritze, maulst du noch?" Ganz Berlin ergötzte sich an dieser Szene.
Helena Pawlowna vermittelte das erste Treffen des preußischen Königspaares mit dem russischen Zaren in Memel. Dort war es, wo sich Luise und Alexander verdächtig nahekamen, dort frönte Friedrich Wilhelm seiner putzigen Vorliebe für Helena Pawlowna, dort entdeckten, um den Reigen zu schließen, Zar und König ihre brüderliche Verbundenheit.
Es war, wie Zeugen berichten, Seelenverwandtschaft auf den ersten Blick: Zwei extrem gehemmte Männer, beide von überharter Erziehung geprägt. In ihrem Amt fühlten sie sich wie Schauspieler. Und wie mancher vermeintliche Frauenheld traute sich Alexander, obwohl äußerst charmant in seinen Umgangsformen, beim weiblichen Geschlecht wenig zu; die intensivste Beziehung seines Lebens verband ihn mit seiner Schwester Katharina Pawlowna. Friedrich Wilhelm und Luise benannten 1805 in Berlin den Alexanderplatz nach ihrem Zarenfreund. dh
Teil 1 der Luisen-Serie: Hoffnungsträger
Teil 3 der Luisen-Serie: Rückkehr nach Berlin, Tod in Hohenzieritz
Abbildungen: Museum für Kunst und Kulturgeschichte Lübeck, Josef Maria Grassi