Galoppsport

Auf der Suche nach einer Zukunft


Hochleistung in formvollendeter Ästhetik: Galopprennen auf dem Düsseldorfer Grafenberg
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Die einsame Dusche am Strand von Juist hat etwas Unwirkliches. Was macht sie hier so allein? Sie könnte von Magritte stammen, dem belgischen Maler. Eines seiner schönsten Bilder zeigt einen Türrahmen am Meer, durch den die Wolken schweben.

Juist-Urlauber Albrecht Woeste (74) schaut sich die Dusche genau an. Er inspiziert die Bauweise: "Ob das wohl unsere Fittings sind?", rätselt er.

Bei Fittings (oder Fittinge) handelt es sich, das muss man wissen, um Verbindungsstücke zwischen Metallröhren. Keine Dusche, die ohne auskäme. Mit solchen Sachen hat der Unternehmer aus Velbert sein Brot verdient. Später wurde er Aufsichtsratsvorsitzender des Waschmittelkonzerns Henkel in Düsseldorf, und seit gut einem Jahr steht er als Präsident des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen dem deutschen Galoppsport vor. Damit ist Woeste in einem Metier angelangt, in dem er Fittings gut brauchen könnte. Wenn auch nicht unbedingt aus Metall.

Dem Galoppsport geht es nicht gut. Es klemmt an allen Ecken und Enden. An den Pferden liegt es nicht. Sie gehören europaweit zu den Besten. An den Züchtern liegt es auch nicht. Dass sie ein Händchen haben, die besten Stuten mit den für sie idealen Hengsten zu verkuppeln, beweisen Rennergebnisse aus aller Welt. Pferde aus deutscher Zucht gewinnen in England, Frankreich, selbst in den USA.

Nur zu Hause, auf den heimischen Rennbahnen, da geht nicht mehr viel. Wie ist das möglich? Die großen Experten, zumeist sehr erfolgreich in ihren bürgerlichen Unternehmen, mögen den korrekten Stand eines Pferdefußes analysieren und die Namen legendärer Pferde aus dem 19. Jahrhundert auswendig können. Sie lieben ihre Traditionen. Aber ein zeitgemäßes Pferdesportfest aufzuziehen, daran scheitern sie seit Jahren.

Die Entwicklung setzte schleichend ein und nahm im letzten Jahrzehnt, nun ja, galoppierendes Tempo an. 1993 fragte Prisma den Pressesprecher des Direktoriums für Vollblutzucht, Peter Brauer, ein sehr gebildeter und in allen galoppsportlichen Belangen versierter Mann, wie lange es denn wohl den Aral-Pokal noch geben würde. Der Aral Pokal war seit Jahrzehnten das Aushängeschild der Rennbahn Gelsenkirchen-Horst, eine Gruppe-1-Rennen, was übersetzt in fußballerische Kategorien heißt: Champions League.

"Den Aral-Pokal wird es noch auf Jahrzehnte geben", antwortete Brauer im Brustton der Überzeugung. Doch der Zuspruch seitens des Publikums wurde immer geringer, die Wettumsätze litten Schwindsucht, und Sponsor Aral fand die Fete im Ruhrpott überhaupt nicht mehr lustig. Dem veranstaltenden Rennverein in Horst fiel in seiner Not nichts anderes ein, als sich in Firlefanzien zu flüchten und dem siegreichen Team (Besitzer, Jockei, Pferd) die Nationalhymne zu spielen. Meistens war es die britische.

Schließlich zog sich Aral zurück, und es dauerte nicht lange, da starb der Galopprennsport in Gelsenkirchen. An vielen anderen Orten steht er auf der Kippe, so auch in Mülheim, wo die Rennbahn am Raffelberg seit vielen Jahrzehnten von den Trainern gern für Starts ihrer jüngsten Rennpferde, den Zweijährigen, genutzt wurde. Die Bahn mit ihren klaren Konturen und nur sehr geringen Höhenunterschieden gilt gleichsam als pferdepädagogisch wertvoll.

Von 2000 bis 2009 gingen die in Deutschland gelaufenen Rennen von 2916 auf 1474 zurück. Der Wettumsatz pro Rennen reduzierte sich von 42895 Euro auf 25367 Euro. Ist es ein Wunder, wenn immer weniger Pferde trainiert werden? 2000 waren es 4900, jetzt sind es noch um die 3000.

Gut beschirmte Henkelaner beim Preis der Diana: Simone Bagel-Trah, Kasper Rorsted und Albrecht Woeste
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Bereits 1999 hatte Prisma in einem großen Report auf verschiedene Mängel hingewiesen, die dem Galopprennsport über kurz oder lang den Garaus machen würden. Wichtige Punkte waren: Wer neu auf eine Rennbahn kommt, mag das Geschehen vielfältig, interessant und sogar spannend finden, allein, er versteht es nicht. Der Rennsport, komplizierter als Tennis und in der Tiefe seiner Unwägbarkeiten sogar schwieriger als Fußball, öffnet sich dem Publikum nicht. Nichts wird erklärt. Irgendwo mag es auf den meisten Rennbahnen ein Informationsständchen geben (zumeist eine olle Budicke), aber wer dort um Auskunft begehrt, stört den Betrieb, denn der Info-Stand ist vor allem dazu da, Programmhefte und Fachzeitungen für Experten zu verkaufen.

Das ist umso schwerwiegender, als es dem Galopprennsport trotz jahrelangen Tüfteleien und kleinen Veränderungen nicht gelungen ist, ein halbwegs plausibles Wettangebot zu installieren. Zweier-, Dreier- und Viererwetten stellen den Rennbahn-Novizen von der Machart her vor Probleme; und selbst der regelmäßige Pferdewetter wird nicht allzu oft eine Dreierwette treffen. Kurz, die wirklich Aufsehen erregenden Gewinne haben Seltenheitswert.

Was den Service angeht, nur ein Beispiel. Anfang August 2003 waren bei sehr schönem Wetter viele tausend Besucher nach Köln-Weidenpesch gekommen. Auf dem Programm standen ein internationales Meilen-Rennen und ein traditionsreiches Zweijährigen-Rennen. Die Kölner Rennleitung aber, inklusive etlicher Trainer und namhafter Besitzer, konzentrierte sich von einem bestimmten Zeitpunkt an auf das Rennen in München-Riem, das zum gleichen Zeitpunkt gelaufen wurde. Konzentrierte sich? Man guckte Fernsehen. In München, im Großen Dallmayr-Preis (Gruppe I, Champions League!), lief aussichtsreich der dreijährige Hengst Ransom O' War gegen internationale Konkurrenz.

Doch der Start in München verzögerte sich. Die Herren guckten weiter und vergaßen ihre eigenen Rennen in Köln; sie vergaßen ihre Kundschaft. Für das Kölner Publikum, das in brütender Hitze auf den nächsten Start wartete, gab es keinerlei Erklärung und auch keinen Hinweis, sich doch vielleicht auch selbst zu den (eher wenigen) Buchmacher-Bildschirmen zu begeben, wo die Entwicklung in München zu beobachten gewesen wäre.

Erst als Ransom O' War tatsächlich gewonnen hatte, raffte man sich auf, die eigene Veranstaltung fortzuführen. Exakt 52 Minuten Leerlauf waren vergangen. Mitunter handeln die Rennverantwortlichen in Deutschland so, wie es ihnen der Fußballreporter Marcel Reif unterstellt. Von Prisma darauf angesprochen, wie man Pferderennen interessant inszenieren könnte, meinte er: "Die wollen doch gar nicht; die wollen unter sich bleiben."

Albrecht Woeste ist im neuen Amt unversehens in die Rolle des großen Bellheim geschlüpft, jenes Fernsehhelden aus den Neunzigern, der mit Hilfe einer Seniorentruppe ein marodes Kaufhaus vor dem Ruin bewahrt.

Sein Entree in den Rennsport war vor Jahren der von Henkel gesponserte "Preis der Diana" auf dem Düsseldorfer Grafenberg. Ein Volksfest mit gesellschaftlicher Sahnehaube. Dort hat es auf Anhieb geklappt. Gerade hat Henkel sein Engagement um weitere fünf Jahre verlängert. "Das ist Citizen Sponsorship im besten Sinne", sagt Albrecht Woeste. "Die Stadt ist gut zu uns; wir geben ihr gern zurück."

Der "Preis der Diana", auch Derby der Stuten genannt, wird seit 1857 ausgetragen. Eine Riesentradition. Was das Rennen nicht davor bewahrte, von den Galoppfunktionären beinahe ruiniert zu werden, ehe ihm Henkel & Woeste eine Zukunft an neuer Heimstatt gaben.

Auf Juist hat Albrecht Woeste noch einmal Luft schnappen wollen vor den entscheidenden Wochen des Jahres, darunter das Derby (in dem sein Hengst Lindentree den sechsten Platz belegte; es gewann Buzzword). In München steht am Sonntag der Große Dallmayr-Preis an, in Bad Harzburg läuft eine volkstümliche Rennwoche, und am 1. August kommt es in Düsseldorf zum diesjährigen "Preis der Diana".

Woeste ist keiner, der legendäre Pferdenamen runterbeten kann, und die Traditionalisten beginnen schon zu unken ob seiner Neuerungsversuche, für die sie ihn geholt haben.

Woeste sieht das gelassen. "Wenn ich das machen soll, habe ich denen gesagt, dann mache ich es - aber so wie ich das für richtig halte."

Das Direktorium für Vollblutzucht und Rennen wird in Teamarbeit (ein Fremdwort in diesem Metier) mit den Rennvereinen von Baden-Baden bis Hoppegarten am Erscheinungsbild seines Sports zu arbeiten haben, dazu am Wettsystem, am Erlebniswert der Rennbahnen und vor allem an der Medienpräsenz.

Letzteres ist ein altbekanntes Stichwort oder besser gesagt: ein ungelöstes Rätsel. Ein Sport, der Pferd und Reiter grandiose athletische Leistungen abverlangt, der ein hohes Maß telegenes Nervenkitzel mit sich bringt, der von Gesellschaft wie von Demi-Monde geschätzt wird, findet im Fernsehen allenfalls in den nischigsten Nischen statt.

Wie kommt das? Früher waren es Einzelpersönlichkeiten, die wenigstens ab und an für eine Derbyübertragung sorgten, so der legendäre WDR-Reporter Ady Furler. Oder auch Klaus Göntzsche, der sich um der Sache willen nicht zu schade war, in die Kostümierung eines Wettclowns zu schlüpfen und für SAT.1 zu berichten. Schließlich gab es – fast ein Vierteljahrhundert ist das her – die ZDF-Serie "Rivalen der Rennbahn" -, die für enorme Einschaltquoten und einen kurzen Boom sorgte.

Neben vielen Galopp-internen Brandherden, die gelöscht und mehr als nur gütlichen, nämlich vernünftigen Regelungen zugeführt werden müssen, wird Albrecht Woeste harte Lobbyarbeit bei den TV-Sendern leisten und mit guten Konzepten für interessante Sendungen aufwarten müssen. Hoffentlich war sein Juist-Urlaub erholsam. Der Mann hat sich was aufgebürdet. Detlef Hartlap

Fotos: Mark Rühl, Klaus-Jörg Tuchel


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