Titelthema

Kreta - Krise? Welche Krise?

Zeus sei Dank! Auf Kreta geht alles seinen normalen Gang zu günstigen Preisen

Die Sonne geht, der Abend kommt: Chania, Kretas schönste Stadt
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Taxifahrer Vaggelis Petridis, der mich vom Flughafen in Heraklion ins Hotel fährt, schüttelt nur den Kopf und kann meine Fragen zur griechischen Euro-Tragödie nicht verstehen. Geht das gegen seine Ehre? Oder ist er ein hoffnungsloser Optimist? In den Nachrichten in Deutschland war doch wochenlang von Ausschreitungen die Rede, von Generalstreiks. Sogar die Fähren lagen still. Was ist also los in Griechenland? Petridis winkt ab. "Krise? Welche Krise? Auf dem Festland in Athen ist Krise, aber doch nicht hier auf Kreta."

Und tatsächlich, auf der Insel, auf der Zeus geboren wurde, geht der sommerliche Ferienspaß zwischen Berge und Meer problemlos über die Bühne.

Beispiel Chania an der Nordküste mit der besterhaltensten Altstadt Kretas, ungezählten Einkaufsmöglichkeiten und der schönsten Hafenpromenade. Hier reiht sich Restaurant an Restaurant und je nach Sonnenstand ist es Zeit für einen Kafé me gála (Kaffee mit Milch) oder einen Raki, den für die Insel typischen Tresterbrand, der auch gern lauwarm und mit einem Löffel Honig getrunken wird. Abends, wenn der frisch restaurierte Leuchtturm sein Warnlicht über das Meer schickt, weht ein verlockender Duft aus ungezählten Küchen durch den Hafen. Dann wird zu den Schreien der Möwen und dem Geplapper der Touristen serviert, was die kretische Küche hergibt. Wer richtig zulangt, kommt unter zehn Gängen nicht vom Tisch. Man schlemmt Athogalo, das ist hausgemachter Frischkäse, Apaki, in Essig eingelegtes geräuchertes Schweinefleisch und nicht zu vergessen Zicklein, anti-kristo gegrillt, das heißt, mit einiger Entfernung zum offenen Feuer.

Trotz dieser überwältigenden Angebote sind die Umsätze auf Kreta im Hotel- und Gaststättengewerbe zurückgegangen. Daraufhin haben viele Betriebe ihre Preise gesenkt. "Urlaub in Griechenland ist derzeit so günstig wie lange nicht mehr", bestätigt TUI-Sprecherin Ramona Poet.

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Doch das scheint sich bis Deutschland noch nicht herumgesprochen zu haben. Denn sogar in der Samaria Schlucht, dem größten Naturwunder der Insel herrscht in diesem Sommer nicht das übliche Gedränge mit bis zu 7000 Wanderern am Tag. Der Einstieg in die Schlucht liegt auf der Omalos-Ebene in gut 1200 Metern Höhe. Von dort führt ein stufenreicher Waldpfad auf den Grund der Schlucht. Was den Wanderer dort auf zehn Kilometer Strecke begleitet, ist mediterrane Natur in Vollendung. Bis zu 30 Meter ragen die Felswände in die Höhe. Der tiefblaue Himmel ist nur streifenweise zu sehen und Blumen und Vogelgezwitscher lassen alle Strapazen des schweißtreibenden Erlebnisses vergessen. So muss es im Paradies gewesen sein. Und wenn nach der Eisernen Pforte, einer besonders bizarren Felsformation, das Ionische Meer mit seinem tintenblauen Wasser erreicht ist, atmet jeder auf. In dem Dorf Agia Roumeli kann sich der Wanderer im Schatten der Bäume ausruhen, bis ein Boot ihn abholt.

Im Garten Eden der Samaria-Schlucht, am Traumstrand von Elafonisi oder im minoischen Palast von Knossos ist die Krise weit weg. Und das soll auch so bleiben, denn bei 2,4 Millionen Gästen sind alle 600000 Einwohner Kretas abhängig vom Tourismus. Darum plant die griechische Regierung - trotz leerer Kassen - eine halbe Milliarde Euro in die touristische Infrastruktur zu investieren. Der Flughafen von Heraklion soll neu oder umgebaut werden. Es müssen mehr Gäste nach Griechenland kommen, auch im Winter. Denn in der kühleren Jahreszeit verlieren fast alle in der Touristik Beschäftigten ihren Job. Als offiziell Arbeitslose kümmern sie sich dann um die familieneigenen Olivenbäume, zweitwichtigste Einnahmequelle der Insel.

Das gilt auch für die 205 Angestellten des Luxus-Hotels Amirandes, die durchschnittlich 800 Euro im Monat verdienen. "Wir haben kein negatives Buchungsverhalten zu verzeichnen. Juni und Juli waren sogar besser als im Vorjahr", sagt Direktor Vassilis Minadakis. Offensichtlich lässt sich seine Klientel nicht von Krisen-Bildern schrecken und genießt den Urlaub am Strand, am Pool oder bei Wanderungen in den Bergen. Und abends im Hotel, wenn die Sonne im Meer versinkt, träumt bei einem Gals Raki jeder davon, noch ein paar Tage länger nach dem kretische Grundsatz leben zu dürfen: Europäer haben die Uhren, wir die Zeit.

Fotos: f1 online, hü


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