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Klippenspringen - Man muss den Sprung fühlen

Zurück zur Natur: Weil Bungee langweilig geworden ist und die Türme im Freibad nie höher als zehn Meter sind, bieten ­Felsen den ultimativen Kick

Die gute Haltung ist wichtiger als alle Angst vor der Tiefe
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Selbst für Schweizer Verhältnisse ist Sisikon ein Niemandsdorf. 300 Einwohner. Die Häuser klammern sich an die Felsen oberhalb des Urnersees. Einmal im Jahr aber zieht es 5000 Besucher nach Sisikon, am Samstag ist es wieder soweit. Dann stürzen sich die weltbesten Klippenspringer aus mehr als zwanzig Metern Höhe in den See, nicht ohne sich im Flug gedreht und überschlagen zu haben. Das Publikum verfolgt das Schauspiel von Hunderten Booten und Surfbrettern aus und natürlich auch vom schmalen Sisikoner Ufer.

Der Urnersee ist in diesem Jahr die vorletzte Station der von Red Bull gesponserten Cliff Diving World Series, einer Reihe groß inszenierter und üppig mit Preisgeld ausgestatteter Veranstaltungen, die das von Olympischen Spielen her bekannte Turm- und Kunstspringen ein wenig graubärtig aussehen lassen.

Klippenspringen - Cliff Diving - trifft den Nerv der Zeit, obwohl es viel älter ist als der Freibadsprung vom Zehn-Meter-Brett. Mit von der Partie in Sisikon sind auch der frühere Weltmeister der Cliff Diver, Steve Black, schon 42 Jahre alt, und der junge Luxemburger Alain Kohl, der sich in diesem Jahr auf Rang 4 der Weltrangliste vorschob.

Beide gehören zum kleinen Kreis weltreisender Profis, die zwischen Sport und Show pendeln, dabei immer Kopf und Kragen riskieren und blendend verdienen.

In Sisikon werden ihre Sprünge von einer Jury bewertet. Zehn Punkte für den stilistisch perfekten Sprung, null Punkte für eine unfreiwillige Arschbombe.

Schon 24 Stunden später springen Kohl und Black im Hamburger Hafen ausschließlich zur Gaudi und zum Nervenkitzel der Zuschauer. Als Absprungstelle dient die höchste Mastspitze des Museumsschiffs Rickmer Rickmers. "Das ist eine ziemlich spezielle Location", sagt Alain Kohl, "weil der Mast beim Absprung etwas nachgibt. Außerdem existiert dort noch ein Mast, der direkt darunterliegt, und es ist schon ein Risiko vorhanden, dass man diesen Mast erwischt, was nicht unbedingt lustig wäre."

Der Australier Steve Black hat sich mit drei Sprüngen aus einem in 24 Metern Höhe gelegenen Fenster der Berliner Zentral- und Landesbibliothek auf das Rickmer-Rickmers-Abenteuer vorbereitet. Ein Boot der Wasserwacht Berlin und zwei Taucher sicherten das Blacksche Trainingsprogramm ab. Die Spree ist an dieser Stelle 3,40 Meter tief.

Die letzten Sekunden vor einem Absprung schildert Alain Kohl so: "Im Kopf springe ich bereits. Der gesamte Sprung spielt sich einschließlich der Landung im harten Wasser vor meinem inneren Auge ab. Dabei merke ich, ob ich wirklich bereit bin. Wenn man da noch Zweifel hat, muss man versuchen, sie zu beseitigen. Man muss den Sprung fühlen, bevor man abspringt."

Auf dem La-Quebrada-Felsen am Rande der mexikanischen Hafenstadt Acapulco ist solch spirituelle Hingabe an den Sprung der seriellen Touristenbelustigung gewichen. Vier Mal täglich stürzen sich dort die Clavadistas, die Kunstspringer, gern auch "Todesspringer" genannt, mit bis zu 90 Stundenkilometern etwa 35 Meter in die Tiefe. Die Felsschlucht, durch die sie springen, ist kaum fünf Meter breit.

Vor jedem Sprung bekreuzigen sich die Clavadistas vor einer blauen Gebetssäule, die oben auf dem Felsen zu Ehren der Jungfrau von Guadeloupe, einer Marienerscheinung aus dem 16. Jahrhundert, errichtet wurde. Sie verhindert nicht, dass manchem Springer beim Aufschlag auf das nur vier Meter tiefe Wasser das Trommelfell platzt, dass Schlüsselbein und Handgelenk brechen und erst recht die Finger, sofern die Hand nicht rechtzeitig zur Faust geballt wurde.

Die Touristen, meist Kreuzschifffahrtler, zahlen dafür 35 Pesos Eintritt, etwa drei Euro.

In Europa gelten die Felsen von Kragerø bei Oslo und das Maggiatal im Tessin bei Ponte Brolla als Dorados der Klippenspringer. In beiden Fällen weiten sich die Naturbecken zu hinreichender Breite, und die Wassertiefe, 14 Meter im Tessin, schließt ungewollte Bodenberührung aus.

Letzte Station der Cliff Diving World Series ist übrigens Hilo auf Hawaii am 12. September. Dort soll das Klippenspringen angeblich im 17. Jahrhundert seinen Ursprung gehabt haben. Und wie in Mexiko diente es der religiösen Erbauung. Gerhard Bleckmann

Foto: WIKIPEDIA Commons/Kfengler


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