Thema der Woche

Megaliner - Städte, die auf große Fahrt gehen

Schiffsreisen mit 5600 Passagieren

"Oasis of the Seas"
¿T?
Während im Central Park mit seinen 12000 exotischen Pflanzen Gäste die leichte Seebrise zwischen Palmen genießen, läuft im Amphitheater ein Musical. Im Entertainment Place, der einem großstädtischen Vergnügungsviertel nachempfunden ist, locken etliche Bars und Clubs die Massen. Das Spielcasino ist bis auf den letzten Platz besetzt und in den effektvoll beleuchteten 21 Pools tummeln sich immer noch Menschen. Auch die 692 Meter lange Jogging-Bahn und die hochhaushohe Kletterwand werden eifrig genutzt.

Wovon ist hier die Rede? New York, Kapstadt? Nein, wir befinden uns auf der Oasis of the Seas, dem größten Kreuzfahrtschiff der Welt, das eigentlich gar kein Kreuzfahrtschiff ist. Mit 361 Metern Länge ist der Dampfer so gigantisch, dass er in nur noch wenige Häfen passt. Und würden die durchschnittlich 5600 Passagiere und 2165 Mann Besatzung gleichzeitig zum Landgang ausrücken, könnte das selbst in Vancouver oder Hamburg zu Problemen führen. Über den Trend zu immer größeren Schiffen und den Chancen kleiner Kreuzfahrtanbieter sprach prisma mit Prof. Dr. Alexis Papathanassis von der Hochschule Bremerhaven, Direktor des Instituts für maritimen Tourismus.

prisma: Sind mit der 'Oasis of the Seas' und ihrem Schwesterschiff 'Allure of the Seas', das in diesen Tagen erstmals in See sticht, die Grenzen des Wachstums auf See erreicht?
Prof. Alexis Papathanassis: Das glaube ich nicht. Der Trend zu größeren Schiffen hält an. In Asien denkt man schon über Pötte für 7000 und 8000 Passagiere nach.

Prof. Alexis Papathanassis
¿T?
prisma: Woher kommt der Wunsch nach immer größeren Schiffen, die den Gedanken der Kreuzfahrt, bequem von Hafen zu Hafen zu reisen, ad absurdum führen?
Papathanassis: Er entstand in Nordamerika. Dort haben die Menschen ein anderes Kreuzfahrt-Verständnis als in Europa. Es geht Nordamerikanern, aber auch Chinesen, nicht in erster Linie um das Reisen mit dem Schiff, sondern um den ungestörten Casinobetrieb auf hoher Seen. Las Vegas aufs Meer zu verlagern, macht in ihren Augen Sinn, weil in vielen US-Staaten das Spielen verboten, aber der Bedarf nach Black Jack und Roulette enorm ist. Natürlich sprechen auch ökonomische Gründe für größere Schiffe.

prisma: Also sind aus den schwimmenden Casinos von einst schwimmende Touristenplattformen mit Casino geworden?
Papathanassis: Ja, im Prinzip kann man das so sehen. Die Riesenschiffe legen beispielsweise in Fort Lauderdale ab, kreuzen eine Woche durch die Karibik und kommen nach Florida zurück. Dass die Passagiere öfter aussteigen, daran haben die Veranstalter weniger Interessen. Denn das Geld soll ja an Bord ausgegeben werden. Und dazu hat man auf einem Megaliner reichlich Gelegenheit.

prisma: Was spricht für die Riesenschiffe?
Papathanassis: Die Preise sind günstig und das Angebot an Bord enorm. Seilbahn, Wellenreiten und Golfplatz inklusive. Die Schiffe sind schwimmende Destinationen. Früher fuhr man nach Capri, heute auf das Schiff X oder Y. Dort erwartet den Gast ein geschlossenes System mit homogener Gesellschaft.

prisma: Und wo bleibt das Kreuzfahrterlebnis?
Papathanassis: Zumindest das traditionelle Ausflugserlebnis, der Landgang, bleibt auf der Strecke, denn über 5000 Menschen in einem Rutsch auf einer Insel abzusetzen, ist eine logistische Herausforderung. Dazu müssen allein über hundert Busse eingesetzt werden. Außerdem wollen viele Passagiere gar nicht von Bord, und auch an den Zielorten sieht man den Ansturm mit gemischten Gefühlen.

prisma: Warum, die Passagiere bringen doch Geld?
Papathanassis: Ich stamme von der Insel Rhodos und da ist es wie überall in Griechenland so, dass die Saison nur sechs Monate dauert. In Rhodos sollten deshalb im Winter Kreuzfahrer festmachen. Aber die Einheimischen haben nicht reagiert. Wenn die Schiffe nicht regelmäßig kommen, lohne es nicht, Bars und Geschäfte zu öffnen, sagten sie.

prisma: Für wen sind die Megaliner überhaupt ein Segen?
Papathanassis: Sie bieten hohen Komfort, kontrollierte Sicherheit und man kann das Meer genießen. Für Kinder und Familien sind sie ideal und sie sind preiswert. Außerdem können sie nachhaltig nicht die Natur verschandeln, wie Beton-Bettenburgen in aller Welt. Und es gelten an Bord hohe Umweltstandards.

Im Vergleich: "MS Deutschland" (oben) zu "Allure of the Seas" (unten)
¿T?
prisma: Haben kleine Anbieter noch eine Chance?
Papathanassis: Ja, auch die haben eine Zukunft. Exklusivität ist gefragt. Und das Kundenpotenzial ist enorm. Denken Sie an den demografischen Wandel. Die Alten werden immer mehr und fühlen sich immer jünger. Sie haben das Geld und sind reisefreudig. Eine wachsende Zielgruppe. Wichtig für den Anbieter ist, sein Angebot klar zu positionieren. Entweder Masse oder Differenzierung. Wer in der Mitte stehen bleibt, hat verloren. Franz Hünnekens

Vom Kreuzfahrtschiff zur Meeres-Plattform

An Bord der "MS Deutschland" (Länge: 175,5 Meter) reisen 520 Passagiere luxuriös. Die "Allure of the Seas" (Länge: 361 Meter) schippert 5600 Gäste durch die Karibik

Fotos: Veranstalter, Privat


Werbung