Thema der Woche

Varusschlacht - Wer die Germanen stört

Arminius siegte nicht bei Kalkriese, aber mit dem Segen der Priester

Thors (Donar bei den kontinentalen germanischen Völkern) Wut war nicht zu stoppen, schon gar nicht von arglosen Römern
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Am Anfang vom Ende stand eine Verführung. Varus ließ sich von Arminius zu einer, sagen wir, "germanischen Nacht" bezirzen und kam darin um. Diese Auffassung vertritt Wilm Brepohl in einem Büchlein, das im großen Arminius-Varus-Jahr 2009 mit seinen zahlreichen Publikationen zu diesem Thema ein wenig untergegangen ist: "Neue Überlegungen zur Varusschlacht".

Aber auch sonst kommen die Deutschen von ihrer ins Germanentum vorverlegten Geburtsstunde nicht recht los. Der Historiker Peter Kehne rechnet - in den "Lippischen Mitteilungen" - mit so ziemlich allem ab, was zum Bimillennium der Schlacht veröffentlicht wurde und verwirft überdies die These, bei Kalkriese im Wiehengebirge könne es sich um einen Schauplatz der Schlacht handeln.

Schließlich untermauert Dr. Rudolf Aßkamp, Direktor des Römermuseums in Haltern, in einer neuen Broschüre des Landesverbandes Westfalen-Lippe seine Vermutung, das römische Militärlager in Haltern sei mit der legendären, weil nie lokalisierten Römerstadt Aliso identisch. Neben zahlreichen, oft kleinformatigen Fundstücken wird dies vor allem durch die Übereinstimmung von schriftlicher Überlieferung und archäologischer Ausgrabung bestätigt. Aliso, sagen die Quellen, wurde im Winter der Jahre 9 und 10 von den Germanen belagert.

Genau das war, wie Archäologen nachweisen können, in Haltern der Fall.

Während also Haltern in der germanisch-römischen Geschichte an Bedeutung zulegt - ohnehin war es eine wichtige Marinewerft und Nachschubbasis der Römer an der Lippe -, sinkt Kalkriese mit seinem schicken Museum in den Bereich der Unglaubwürdigkeit.

Peter Kehne vom Historischen Seminar der Leibniz Universität Hannover erledigt in seinem Rundumschlag zunächst einige der vielen Magazinveröffentlichungen des vergangenen Jahres, darunter Beiträge im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen (Kehne: "historisch und didaktisch unsinnig") sowie in Ulk-Medien wie Hörzu und ZDF: "Haltlose Spekulationen, fehlerhafte Kommentare."

Sodann wendet er sich dem vermeintlichen Schlachtschauplatz Kalkriese zu, der 1885 von Groß-Historiker Theodor Mommsen durch eine, wie sich damals schon bald erwies, fehlerhafte Auslegung von Münzfunden in einen Zusammenhang mit der Varusschlacht gerückt wurde.

Ähnliches widerfuhr Kalkriese, als 1987/88 ein Amateur-Ärchäologe neue Funde machte.

Kehne vermisst unter diesem Material allerdings jeglichen Hinweis auf die Varus-Legionen 19, 18 und 17, die im Sommer des Jahres 9 bis an die Weser vorgerückt waren und auf dem Rückmarsch ins linksrheinische Winterlager von Arminius zerrieben wurden.

Weiter vermisst er in Kalkriese jegliche Spur der Marterkreuze, Opfergruben und des Grabhügels, die vom Feldherrn und Kaiser-Kandidaten Germanicus im Jahre 16 aus Pietät am Schlachtort angelegt worden waren. Was die gefundenen Knochenreste angeht, summieren sie sich auf 17 Individuen; wenig für eine Schlacht.

Auch Wilm Brepohl dürfte kein Anhänger der Kalkriese-Theorie sein. Mit einleuchtenden Überlegungen verlegt er das Sommerlager der Varus-Legionen weit nach Süden, in die Gegend des heutigen Hameln. Von dort ist es nicht weit zu dem von Tacitus angedeuteten Schlachtplatz "zwischen den Oberläufen der Flüsse Ems und Lippe", zumal dort auch die logische Route zurück nach Westen verlaufen wäre; anders als bei dem weiter nördlich gelegenen Kalkriese.

Der Clou der Brepohl-Publikation besteht indes in der Verbindung von Schlacht und germanischem Kultfest. Indem der assimilierte Römer Arminius den ihm vertrauenden Varus überredete, zu einem Kultfest zu kommen und dort die Elite der Germanenstämme zu treffen, baute er eine perfekte Falle. Germanische Priester oder auch abgöttisch verehrte Seherinnen wie die von Tacitus erwähnte Veleda hätten nur einen Fluch über die vermeintlich frevelhaft in den heiligen Hain eindringenden Römer sprechen müssen, und schon wären alle Germanen verpflichtet gewesen, Varus den Garaus zu machen.

Die großen Kultfeste fanden nur alle neun Jahre (immer in Jahren mit 100 Mondzyklen) statt, und zwar zum Zeitpunkt der Tag- und Nachtgleiche sowie bei Vollmond. Alles Kultische war bei den Germanen von Mondphasen geprägt. Am 23. September des Jahres 9, dem Tag der Tag- und Nachtgleiche, trat der Vollmond um 2.50 Uhr ein. Den Germanen muss das als göttliches Vorzeichen erschienen sein. Für Varus bedeutete es den Tod. dh

Buch-Tipp: Neue Überlegungen zur Varusschlacht


prisma-Serie zur Varusschlacht

  • Erster Teil: Roms Angst vor den Wäldern
  • Knochen überall! Obwohl der feuchte germanische Boden eine Menge Spuren verwischt hatte, stand der römische Feldherr mit dem Ehrennamen Germanicus inmitten von Gebeinen. Die Gräben waren versandet, Unkraut überwucherte die Wege. Sechs Jahre vorher waren an dieser Stelle drei Legionen in einen germanischen Hinterhalt geraten. Drei Legionen, drei Reiter-Bataillone und sechs Einheiten sogenannter Hilfstruppen. Vorsichtig geschätzt waren in wenigen Tagen 14000 Mann ums Leben gekommen.

    Diesen Ort aufzusuchen war nicht ungefährlich für Germanicus, und es war eher ein Zeichen von Schwäche als von Tapferkeit. Er hatte eine schwere Kampfsaison hinter sich. Mit seinen acht Legionen... mehr

  • Zweiter Teil: Wo die wilden Kerle hausen
  • Die Nordbarbaren, das waren Kelten und Germanen, galten in den Augen der Römer als schöne Menschen. Man hatte, wie der Geschichtsschreiber Strabo festhält, eine gewisse Ehrfurcht vor jedem, der "größer und heller war als du selbst". Groß waren sie tatsächlich, die Germanen, einsachtzig die Männer, die Frauen oft über einssechzig Meter.

    Aber schön? Sie müssen furchtbar schmutzig gewesen sein, denn wer immer nur in kaltem Wasser baden kann, schwänzt schon mal ein Waschen, besonders im Winter. ... mehr

  • Dritter Teil: Im Herz der germanischen Finsternis war kein Profit zu machen
  • "Sobald Cäsar erfahren hatte, wo sich ein feindliches Heer befand, griff er es entweder sofort an oder traf Vorsichtsmaßnahmen, um das Heer später zu besiegen, oder zog sich zurück."

    So schreibt die Historikerin Christine Trzaska-Richter in ihrer Arbeit über Das Germanenbild der Römer: "Niemals jedoch ließ er wissentlich eine größere feindliche Streitmacht unbeachtet, um weiter vorzudringen." Viele, die Cäsar nachfolgen sollten bis hin zum unglücklichen Varus, ...mehr

  • Vierter Teil: Für ein paar Amphoren Wein?

    Der Rhein war für Cäsar die Demarkationslinie des Römischen Reiches. Zweimal hatte er in den Fünfzigerjahren des letzten vorchristlichen Jahrhunderts den Strom nach aufwändigem Brückenbau überschritten, danach war sein Interesse am großen Germanien - Germania Magna - erlahmt.

    Cäsar begnügte sich mit dem linksrheinischen Kleingermanien, das für ihn im weiteren Sinne zu Gallien gehörte und wo sich Stämme wie die Ubier in der Kölner Bucht für die Annehmlichkeiten römischer Lebensart empfänglich zeigten. ... mehr

  • Fünfter Teil: Wie man sich ein Reich um den Finger wickelt

    Der größtmögliche Glücksfall der Geschichtsschreibung tritt ein, wenn sich antike Berichte und neue archäologische Funde ergänzen und gegenseitig bestätigen. Das geschah vor knapp 20 Jahren in der Nähe von Oberammergau. Man fand drei Dolche, 350 Pfeilspitzen und zwanzig massive Katapultgeschossspitzen, alle römischer Herkunft.

    Man hätte sie nicht mehr gefunden, wenn die an diesem Ort besiegten Kelten oder Germanen sie nicht zusammengeklaubt und einer ihrer Gottheiten als Opfer dargebracht hätten. So blieben die Waffen erhalten. ... mehr

  • Sechster Teil: Mit blindem Eifer in den frühen Tod

    Drusus trat seine neue Aufgabe als Statthalter von Gallien im Jahr 13 v. Chr. an. Der jüngere Sohn der Livia und Stiefsohn des Augustus war 25 Jahre alt, hatte seine Feuertaufe auf einem Feldzug in den Alpen bestanden und galt als strahlende militärische Hoffnung.

    Ein Flair von jener Zuversicht umwehte ihn, die sehr viel spätere Generationen mit dem Namen Kennedy verbinden sollten: Jugendlicher Elan, Offenheit nach allen Seiten und eine republikanische Einstellung, die anders als bei Augustus über jeden demokratischen Zweifel erhaben war. Die Römer liebten ihn. ... mehr

  • Siebter Teil: Das Arminius-Rätsel

    Schnell ist der himmelhohe Unterschied beschrieben, der zwischen dem Lebensstandard der Römer und dem der Germanen klafft. Dort, in Rom, ein Luxus, der die Antike ins Licht einer zivilisatorischen Morgenröte hebt. Ein californian way of life 2000 Jahre vor seiner Zeit. Vollgepackt mit selbstbewussten Lebedamen und genialen Dichtern, blendenden Rednern und superreichen Geschäftsleuten, mit einem ausgeprägten Sinn für Dolce Vita und gleichzeitiger Sehnsucht nach der Reinheit des Landlebens.

    Und über allem die Bereitschaft, den Ehrentod fürs Vaterland zu sterben. ... mehr

  • Achter Teil: Die Provinz, die niemals eine war

    Die letzten Tage vor dem Aufbruch in den Untergang verbrachte Publius Quinctilius Varus in einem Sommerlager irgendwo in Germanien. Oft ist die Vermutung angestellt worden, dieses Lager habe sich in der Nähe von Minden befunden. In Zusammenhang mit der Varusschlacht werden Vermutungen, kaum niedergeschrieben, schnell zur Gewissheit.

    Wenn wir in dieser und den nächsten Folgen den Versuch unternehmen, das Geschehen des Jahres 9 n. Chr. vom Sockel des großen Schlachtendenkmals zu stoßen und Überlegungen anstellen, warum Rom & Kaiser so sehr auf eine Legende von Verrat und Untergang erpicht waren, dann müssen wir ein paar liebgewordene Zöpfe abschneiden und die Lücken eingestehen, die für Archäologen und Historiker nach wie vor bestehen. ... mehr

  • Neunter Teil: Das Geheimnis eines plötzlichen Wandels

    Er war tüchtig im Kampf und rasch in seinem Denken, ein beweglicherer Geist, als es die Barbaren gewöhnlich sind." So beschreibt der Römer Velleius Paterculus den Befreier Germaniens. Kunststück!, möchte man da rufen. Die Römer hätten sich niemals eingestanden, von einem bauernschlauen Hinterwäldler besiegt worden zu sein. So war es auch nicht. Trotzdem legt Paterculus noch einmal nach: "Das Feuer seines Geistes verriet sich schon im Blick seiner Augen." Objektivität klingt anders.

    Und doch fällt dem Urteil des Paterculus über Arminius Gewicht zu. Es kann nämlich sein, dass er ihn gekannt hat. Dass beide, Paterculus und Arminius, einige Zeit Seit' an Seit' im Heer des Tiberius marschierten. ... mehr

  • Zehnter Teil: Ich bringe den Kopf des Varus

    Kann man einen Beweggrund ausgraben? Lässt sich im Staub der Geschichte die Motivation für eine auf den ersten Blick wahnwitzig anmutende Tat ausfindig machen?

    Die Archäologie im südöstlichen Niedersachen, dem Siedlungsgebiet der Cherusker, steckt in den Kinderschuhen. Das ist seltsam. Bei allem Gewese, das seit 500 Jahren um den Cherusker Arminius/Hermann gemacht wird, nimmt es doch Wunder, dass bis 1996 nur 55 Siedlungsplätze dieses Volkes ausgegraben wurden. ... mehr

  • Elfter Teil: Der Tod hat späte Zeugen

    Georg Spalatin, ein guter Freund Martin Luthers, verfasste 1535 eine Abhandlung mit dem wunderbaren Titel "Von dem theuren Deudschen Fürsten Arminio: Ein kurtzer auszug aus glaubwirdigen latinischen Historien". Diese Geschichtserzählungen wirkten damals frischer als heute die deutsche Wiedervereinigung.

    1455 waren in der Abtei Hersfeld einige Schriften des Publius Cornelius Tacitus gefunden worden, darunter das Buch "de Origine et situ Germaniae", gemeinhin als Germania bekannt. ... mehr

  • Zwölfter Teil: Zug ins Verderben

    Vergessen Sie alle Beschreibungen der Varusschlacht, die Sie je gelesen haben! Kein Mensch weiß, wie das Ungeheuerliche vonstatten ging. Das Ungeheuerliche? Davon muss die Rede sein, wenn eine Berufsarmee, nicht eben klein, sondern drei Legionen stark, gegen einen Haufen Desperados den Kürzeren zieht.

    Äußerungen zur Varusschlacht können immer nur Mutmaßungen sein. Man kann sich den Riesentross der Römer vorstellen, wie er nach Westen zog. Das ist aus vielen Militärberichten herauszulesen und erfolgte übrigens nach strikten Regeln. ... mehr

  • Ausstellung: Auf der Suche nach Aliso

    Ausstellungen, wenn sie gut sind, können ein überliefertes Geschichtsbild verändern. Auf Kunstwerken, Dynastien, Feldherren liegt häufig eine Patina von Meinungen und Urteilen, die bei näherer Betrachtung unhaltbar geworden sind. Als Prisma im April dieses Jahres den Direktor des Römermuseums in Haltern am See, Dr. Rudolf Aßkamp, nach möglichen neuen Erkenntnissen fragte, sagte er: "Vielleicht hat sich am Ende dieses Jahres unser Bild von Varus, dem großen Verlierer, gewandelt."

    Nun ist das Jahr noch nicht vorüber. Aber die Trinität der großen Gedenk- und Nachdenkausstellungen mit ihren insgesamt mehr als 300000 Besuchern geht in ihre Endphase: ... mehr


Foto: Wikipedia Commons


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