| Titelthema |
![]() |
In diesem Gebäude, das auch einen Supermarkt beherbergen könnte, hat Phil Collins letzte Hand an sein neues Album Going Back gelegt. Der Titel bedeutet in seinem Fall mehr als ein profanes Noch-mal-Zurückkehren. Phil Collins versucht, den Pulsschlag seiner Teeniejahre wiederzubeleben, so wie der Regisseur Sönke Wortmann mit "Das Wunder von Bern" das Ereignis nachspielte, das seine Kindheit prägte.
Collins' musikalische Prägung war nicht anders als die von Millionen anderen. Sie lässt sich sogar punktgenau lokalisieren: Tamla Motown. Das war der Sound der damals blühenden Autometropole Detroit (Motown) und stand für Soul, Rhythm'n'Blues und überhaupt alles, was Diskotheken erst attraktiv machte und viel später einen Nachklang in Michael Jackson fand.
"Das sind die Songs, mit denen ich aufgewachsen bin, die ich hörte, als ich als Vierzehnjähriger im Musical 'Oliver!' den Artful Dodger spielte", erklärt er. Er habe ein derartiges Album schon lange geplant. Im Originalsound und allem Tamla-Pipapo.
Dafür holte er sich unter anderem die Funk Brothers ins Studio, die in den 60er Jahren an Hits wie Standing in the Shadows of Love beteiligt waren. Dabei herausgekommen sind Klänge und Rhythmen voller Wonne und Sehnsucht. Als ob sich da jemand ein paar Schatten wegsingen und wegtanzen wollte.
Denn Phil Collins, inzwischen 59 Jahre alt, hat eine harte Zeit hinter sich. Er sieht müde aus und ein bisschen deprimiert. Sein graublondes Resthaar und der graue Stoppelbart wirken diesem Eindruck nicht entgegen. Dass er auf einem Ohr schlecht hört, ist noch seine geringste Sorge.
"Nach der Hälfte der letzten Genesis-Tournee konnte ich plötzlich die Drumsticks nicht mehr richtig halten", erzählt er, "Die Ärzte stellten fest, dass ich mir vier Wirbel gebrochen hatte." Wahrscheinlich sei die Belastung als Drummer und Sänger Schuld. Nach einem chirurgischen Eingriff würden sich auch die Handprobleme legen, mutmaßten die Mediziner und operierten ihn.
"Es wurde nicht besser", sagt Collins, "Nach drei weiteren Eingriffen am Unterarm warte ich jetzt darauf, dass sich die Nerven Millimeter um Millimeter regenerieren."
Für die Aufnahmen zur neuen CD behalf er sich mit einer ungewöhnlichen Maßnahme: "Ich befestigte mir die Drumsticks mit Klebeband an den Händen. Zum Glück hatte ich einen sehr guten Tontechniker, der jeden Missklang ausbügelte."
Zu Hause kann sich Phil Collins nicht mal mehr eine Scheibe Käse abschneiden oder mit seinen neun und fünf Jahre alten Söhnen Eisenbahn spielen.
Nicolas und Matthew, so heißen die Söhne, sind der Grund, warum Collins immer noch den größten Teil seiner arbeitsfreien Zeit in der Schweiz verbringt. Sie stammen aus der Ehe mit Orianne Cevey, seiner dritten Frau. Die Scheidung kostete ihn 25 Millionen Pfund. Inzwischen ist er mit der New Yorker TV-Moderatorin Dana Tyler liiert.
Sein Verhältnis zu Orianne sei aber gut, beteuert er. Und nach kurzem Grübeln: "Wir lieben uns immer noch." Über die Trennungsgründe will er nicht sprechen.
In den letzten Jahren hat er viel Zeit im US-Bundesstaat Texas verbracht und dort nach Memorabilien aus der Schlacht von El Alamo gegraben, in der die Texaner 1836 um ihre Unabhängigkeit von Mexiko kämpften.
Bei diesem Thema ist Collins ganz hin und weg: "Meine älteren Kinder sind überzeugt, dass ich in einem früheren Leben an diesem Krieg beteiligt war." Mittlerweile hat er eine stattliche Sammlung: "Waffen, Zähne, Knöpfe, Kanonenkugeln, die alle in dem Gebiet ausgegraben wurden," zählt er stolz auf. Sein Engagement geht so weit, dass er einen lokalen Laden für Memorabilien finanziell unterstützt und als Co-Autor ein Buch über das Thema verfasst hat, das im nächsten Jahr erscheinen soll.
Going Back führt indes nicht nach Texas, sondern nach Motown. Zu Martha & The Vandellas, Gladys Knight & The Pips, zu den Temptations und den Four Tops. In den Achtzigern hatte Collins schon einmal die Supremes gecovert: You Can’t Hurry Love. Ein ziemlicher Hit damals. Daran versucht er jetzt anzuknüpfen. Christiane Rebmann
Foto: Neale Haynes/Warner Music