Thema der Woche

Keine Angst vor der Angst

Im Prinzip meint es die Natur gut mit uns: Nur wer nie Angst hat, muss sich fürchten. Wann aber wird dieses Gefühl ein Fall für den Arzt?

Das Gesicht der Angst: Gustave Courbet, Selbstbildnis am Abgrund, um 1848
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Was ist nur mit unseren Promis los? Vorbei die Zeiten, da sie nur für Klatsch und Tratsch gut waren. In letzter Zeit häufen sich Berichte über schwere psychische Leiden von Show-Stars und Spitzenathleten. Angststörungen, Burn-out und Depressionen machen die Runde.

Erfolgsmenschen wie Tim Mälzer und Jürgen Klinsmann bekennen sich zu ihrem Leiden. Ursache: Dauerstress. Die Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel verarbeitet ihre Erschöpfungskrise in dem Buch "Brief an mein Leben". Ski-Sprung-Weltmeister Sven Hannawald legt öffentlich Rechenschaft über seine selbstzerstörerische Jagd nach Rekorden ab. Der Freitod von Fußballprofi Robert Enke 2009 stieß eine breite Diskussion über das Tabu-Thema Depression an. Sind psychische Krisen und Katastrophen der moderne Preis für gnadenlose Höchstleistung und Erfolgssucht?

Tatsächlich sind Prominente nur das Spiegelbild gesellschaftlicher Strömungen. Seit 1995 sind die Fehlzeiten im Job wegen Burn-out und Depressionen nach einem AOK-Bericht um 80 Prozent gestiegen. Und 15 bis 25 Prozent aller Deutschen leiden irgendwann in ihrem Leben an einer Angststörung, die oft Vorbote oder Schwester von Stresserkrankungen und Depressionen ist.

Gefährliche Seite Der richtige Umgang mit der Angst ist alles andere als leicht. Nicht nur, weil Betroffene schnell mal als Angsthase abqualifiziert werden. Bei den unterschiedlichen Ausformungen der Angst liegen lebenserhaltender Schutzmechanismus, harmloser Abwehrreflex und behandlungsbedürftige Krankheit dicht beieinander.

Jeder erlebt Angst am eigenen Leib: vor dem Verlust eines geliebten Menschen, vor dem Versagen, vor der freien Rede oder vor Spinnen. Im Extremfall ist sie nützlich, ein ursprünglicher Instinkt des Menschen. Angst vor einem Verkehrsunfall schärft unsere Aufmerksamkeit für Hindernisse auf der Fahrbahn, Angst vor einer düsteren Tiefgarage aktiviert den Fluchtimpuls.

Besorgniserregend aber wird es, wenn Menschen immer wieder in höchste Not geraten, wo andere gänzlich gelassen bleiben. "Wenn Ängste unkontrollierbar werden und den Betroffenen regelrecht beherrschen, ist die Grenze von der normalen Furcht zur behandlungsbedürftigen Angststörung überschritten", sagt der renommierte Angstforscher Professor Siegfried Kasper von der Universität Wien.

Gratwanderung Im Alltag wird diese Grenze mitunter nur schwer deutlich. So liegen Welten zwischen Schüchternheit und sozialer Phobie mit schrecklicher Angst vor geselligen Treffs und Konferenzen. Beide ähneln sich aber auf den ersten Blick. Während Schüchternheit als sympathisch gilt, hat von den "Sozialphobikern" jeder zweite keinen Partner, ist jeder dritte depressiv und das Suizidrisiko ist sechsmal höher als bei der übrigen Bevölkerung, ermittelte eine US-Studie.

Altersfrage Wegen ihrer Folgen sollten Angststörungen möglichst früh erkannt und behandelt werden. So treten Panikstörungen und Agoraphobie, auch Platzangst genannt, am häufigsten bei jungen Erwachsenen ab 20 Jahren auf. Frühe Behandlung birgt nicht nur bessere Erfolgsaussichten, sie erspart den Betroffenen auch schmerzliche Erfahrungen in Partnerschaft und Beruf. Angststörungen, die sich verfestigen, können sich zusammen mit Panikattacken und körperlichen Reaktionen zur Angsterwartung aufschaukeln - zur Angst vor der Angst.

Aus dem Ruder Wieso kann eine Empfindung so eskalieren, dass aus Schutz eine Bedrohung wird? "Das Warum ist angesichts der vielen Formen von Angststörungen im individuellen Fall nur durch aufwändige Untersuchungen zu ermitteln", sagt Helmut Berndt, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie (siehe Interview unten). Genetischer Einfluss und familiäre Prägung spielen eine große Rolle.

Zum Glück hat die Therapie von Angststörungen in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Wer betroffen ist, sollte einen mutigen Schritt tun: beim Experten um Hilfe suchen. bär

Interview - Angststörung: Die Konfrontation suchen!


Helmut Berndt, Psychotherapeut in Münster
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prisma: Herr Berndt, was lässt sich gegen Angststörungen tun?
Berndt: Sport kann in Selbsthilfe auf wirksame Weise Angstsymptome eindämmen. Dabei empfehle ich mindestens 30 Minuten täglich ohne körperliche Überforderung. Langfristig ist aber die Konfrontationstherapie im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie das Mittel der ersten Wahl.

prisma: Was bedeutet das?
Berndt: Vereinfacht ausgedrückt geht es darum, sich den angstbesetzten Situationen oder Gedanken gezielt auszuliefern. Die Konfrontation kann schrittweise oder durch plötzliche Reizüberflutung stattfinden. Es kommt darauf an, dass sich der Patient direkt der angstauslösenden Situation bis zur körperlichen Gewöhnung aussetzt.

prisma: Ist das nicht sehr hart?
Berndt: Natürlich bedarf dieser Ansatz der sorgfältigen therapeutischen Vorbereitung gemeinsam mit dem Patienten. Das Verfahren verlangt ihm viel ab, gehört aber zu den erfolgreichsten Ansätzen der Therapie von Angststörungen. Der Patient lernt dabei, dass die von ihm gefürchteten katastrophalen Folgen ausbleiben und er selbst die Situation eigenverantwortlich meistert - ganz ohne Medikamente.

prisma: Können Sie ein Beispiel aus der Praxis nennen?
Berndt: Nehmen Sie die Flugangst: In schweren Fällen gehört ein Langstreckenflug etwa von Frankfurt nach Shanghai zur Behandlung. Die Flugzeit von rund zwölf Stunden, professionell begleitet, hat sich für das Erleben der Selbstwirksamkeit des Patienten hervorragend bewährt.

Helmut Berndt, Leitender Arzt an der Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie in Münster, www.c-d-k.de

Leiden Sie unter Angststörungen? Ein kurzer Selbsttest liefert erste Anhaltspunkte. Außerdem weitere Links und Literaturhinweise.

Fotos: Nasjonalmuseet for kunst, arkitektur og design/The National Museum of Art, Architecture and Design, privat


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