Harald Schmidt - ein Markenartikel
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Harald Schmidt: Ja, selbstverständlich. Immer mehr. Ich bin ja jetzt in so einer amerikanischen Phase. Am 5. Dezember 2000 laufen wir fünf Jahre, und das nennt man dann amerikanische Dimension. Anfangen mit Late Night kann jeder mal, ein, zwei Jährchen. Aber fünf Jahre, 750, 800, nächstes Jahr im Herbst ist die 1000. Sendung. Dann kriegt man schon ein Gefühl dafür, was Late Night wirklich ist.
Prisma: Das heißt: Gottschalk und Koschwitz waren eigentlich nie amerikanisch.
Schmidt: Nicht was Late Night angeht, ja. Late Night ist ja eine uramerikanische Form. Das Mindeste sind fünf Jahre und 1000 Sendungen. Danach fängt es eigentlich erst an. Das muss man erstmal hinter sich gebracht haben. Wissen Sie, als wir angefangen haben, da gab es noch Lothar Matthäus und Mario Basler und Dieter Bohlen und Verona Feldbusch. Das sind ja alles Themen, die mittlerweile durch sind. Da hat sich in den vier Jahren sehr viel getan. In der Art, wie sich Prominente in der Öffentlichkeit aufführen und wie sie mit der Boulevardpresse umgehen. Das ist auch für den "Express" ein Thema. Die haben ja überhaupt nichts mehr. Die machen nur noch Bingo oder "Hilfe, Prinz in Düsseldorf!" auf der Titelseite. Die Journalisten fotografieren sich schon gegenseitig. Hinzu kommt, dass generell mehr Ironie in der Öffentlichkeit angesagt ist. Jemand wie Olli Kahn lässt mittlerweile allen Angriffen die Luft raus, indem er sagt, dass er über die Witze, die über ihn gemacht werden, lachen kann. Aber in den vier Jahren gab es auch den Kosovo-Krieg, Flugzeugabstürze, Galtür und, und, und. Also Phasen, in denen sich thematisch überhaupt nichts anbietet. Und da wird es für uns ja erst interessant. Wenn Ernst August mal wieder den Schirm auspackt, ist es ein einfacher Tag. Aber den haben wir vielleicht zwanzig Mal im Jahr bei 170 Sendungen.
Prisma: Hat die 750. Sendung ein ganz anderes Gesicht als Ihre allererste?
Schmidt: Ich glaube, es ist letztenendes klarer geworden. Man hat sich die Sendung vielmehr eingeteilt. Ich denke da, wie ein erfahrener Marathon-Läufer. Am Anfang machen Sie das Tempo zu schnell oder Sie glauben, die letzten zwanzig Kilometer werden leichter, oder Sie lassen sich verführen, bei einem Ausreißversuch nach 15 Kilometern mitzugehen. Mittlerweile habe ich die Sendung so intus, dass ich zeitlich sagen kann, wo wir sind, ohne auf die Uhr zu schauen. Das ist ganz wichtig. Es gibt Gäste, wo ich weiß: Wenn Günther Jauch kommt, wird's ein sehr, sehr einfacher Abend für mich. Dann gibt es andere Gäste - das ist die Mehrzahl -, bei denen weiß ich, dass ich für sie ein bisschen Tempo machen muss. Das macht mir wirklich großen Spaß, sich das so physisch einzuteilen. Man geht aber jeden Abend mit der vollen Energie ran.
Prisma: Sie haben gerade Ihre Gäste erwähnt. Nachdem bekannt wurde, dass Schmidt seine Sendung selber produziert, hat man auf bessere, hochkarätigere Gäste gehofft, auf Hollywood-Stars. Wo sind die?
Schmidt: Kann ich Ihnen erklären. Schauspieler, die ich kniend verehre, wie Gérard Depardieu: Quotenflop! Wie haben die besseren Gäste. Bessere Gäste heißt für mich bessere Quote. Es funktioniert alles nicht, was übersetzt werden muss. Es ist deprimierend, dass Gäste, die gedolmetscht werden müssen, überhaupt nichts bringen. Wir hatten sie alle da: Deneuve, Tom Hanks, die ganzen Topmodels, Delon, was weiß ich. Die kriegen Sie ja auch immer angeboten. Ich finde zum Beispiel Isabelle Adjani ganz grandios. Die würde ich aber nie einladen. Man darf sich nicht täuschen, wieviele Leute letztendlich wissen, wer Adjani oder Hanks ist. Das muss man sich mal klar machen. Man redet ja eigentlich immer in einem Medienzirkel. Da kennt jeder Tom Hanks und auch noch drei Filme von ihm, und ein paar wissen, für welche er die Oscars gekriegt hat. Aber in der Show müssen Sie sagen: Hanks war der, der Forrest Gump gemacht hat. Der beste Gast ist ein VIVA-Girlie, das gerade aus dem Eis-Café weg engagiert wurde.
Prisma: Das ist aber dürftig.
Schmidt: Nein, wieso. Wir sind mit der Show im Bewusstsein immer ein Jahr der veröffentlichten Meinung im voraus. Wir wissen längst, was ankommt und was nicht. Schauen Sie hier. Das sind die Quoten von gestern. Minutiös können Sie sehen, ob ein Gast gut ist oder nicht. Wir sehen das als Geschäftsleute. Ich kann Ihnen eine ganz genaue Liste der besten 50 Gäste deutscher Talk-Shows aufstellen. Die stimmt einfach. Warum sollte ich einen Gast nehmen, der einfach nichts bringt? Und bei diesen ganzen Models hören Sie erstmal eines: Die wollen 20000 Dollar und nicht nach ihrem aktuellen Lover gefragt werden.
Prisma: Die 20000 könnten Sie aber locker bezahlen.
Schmidt: In einem gewissen Rahmen könnten wir das bezahlen. Und ich würde es auch bezahlen, wenn ich wüsste, dass es Quote bringt. Unser Job ist es aber, Gäste zu erfinden. Wir hatten die meisten dreimal da. Ich kann Ihnen auch eine Liste vorlegen mit Gästen, die einfach nichts mehr bringen. Das mach ich aber nicht. Denn die werden alle von einer Agentur vertreten, wo auch Gäste sind, die gut sind. Also, ich muss da sehr diplomatisch denken. Wir brauchen ja 340 Gäste im Jahr.
Foto: ARD


