Mitten im herbstlichen Spätsommer findet mit "Sommerhäuser" ein besonderer deutscher Indie-Film den Weg in die Kinos, der im zurückliegenden Jahr unter anderem beim Filmfest in München groß abräumte. Er nimmt seine Zuschauer mit auf eine kleine Zeitreise in den – man ahnt es – Sommer, den von 1976. Ein "Jahrhundertsommer", der den Bewohnern der BRD alles abverlangte. Die Hauptrollen spielen Laura Tonke, Mavie Hörbiger, Thomas Loibl, Ursula Werner und Günther Maria Halmer.

Regisseurin Sonja Maria Kröners Spielfilmdebüt spielt in der Familie, dem Schauplatz vieler großer, mittlerer und kleiner Dramen. Kröner verdichtet diesen Mikrokosmos weiter und spitzt gärende Konflikte zu, indem sie als Schauplatz einen herrlichen Garten in der Nähe von München wählt, in dem die Familie nach dem Tod von Oberhaupt Oma Sophie zusammenkommt. Just in der Nacht vor der Beerdigung tobte ein Gewitter, bei dem ein Blitz einen alten Baum in zwei Hälften teilt. Was sich problemlos als Metapher interpretieren lässt für alle das, was kommen mag.

Ein Sonderling mitten im Wald

Getrieben von der Gluthitze brodeln die eben noch mühsam unter der Oberfläche verborgenen Konflikte unter den Familienmitgliedern. Der auf der Haut glänzende Schweiß jedes Einzelnen zeugt davon. Sonja Maria Kröner seziert ihre Protagonisten haarklein. Mit jedem winzigen Detail, in jedem Blick und gewechselten Wort, offenbart sich Tiefsitzendes. Die Aussicht auf das Erbe, das ein – testamentarisch ausgeschlossener – Verkauf des Gartens einspielen könnte, tut ihr Übriges.

Kontrastiert und doch verstärkt wird die Situation durch die scheinbar unbedarft herumtollenden Kinder, die sich das Areal und die Umgebung erschließen. Eben dort wohnt zurückgezogen ein Sonderling mitten im Wald.

Als Mittler zwischen der Innenansicht auf die Familie im Zentrum von "Sommerhäuser" und der großen Welt um sie herum, der außerhalb des Anwesens, dient die Zeitung, wo neben der Hitze ein Thema dominiert: Ein Mädchen wird vermisst, während gleichzeitig ein Kannibale umgeht. Mit jedem Tag wächst die Verunsicherung und Sorge der Bevölkerung – im Garten und außerhalb.

Ungewöhnliches Familiendrama

Mit "Sommerhäuser" gelingt Sonja Maria Kröner ein ungewöhnliches Familiendrama, auf das sich die Zuschauer einstellen und an dessen Tempo sie sich gewöhnen müssen. Beinahe alles spielt sich zwischen den Zeilen ab, im Kontext oder sogar im Subtext. Gleichzeitig wickelt "Sommerhäuser" die Beobachter der Gartenszenerie mit herausragender Kameraarbeit um den Finger und besticht mit herausragend präziser Ausstattung. Von der Mode über die Autos bis hin zum im Anschnitt erkennbaren Plakat der 74er-Fußballweltmeister, jedes Detail sitzt. Ergebnis sind Bilder, die authentisch wie Fotografien und perfekt arrangierte Dokumente einer nicht allzu fernen Zeit wirken, die doch eine ganz andere war.

Präzise wie bei einem Uhrwerk greifen die herausragenden schauspielerischen Leistungen des Ensembles ineinander. Die vergifteten Dialoge zwischen Laura Tonke und Mavie Hörbiger, die mal mehr und mal weniger offensichtlich die an Verachtung grenzende Antipathie zwischen den Schwägerinnen zeigen, stechen dabei heraus.

Quelle: teleschau – der Mediendienst