Noch bis zum 30. September erleben Touristen und Einheimische die belgische Küste auf 65 Kilometern als Freiluftgalerie. Zur sechsten Ausgabe des kulturhistorischen Projekts tragen 18 internationale Künstler unter anderem mit Skulpturen und Installationen bei.

"Richtig glänzende Dinge, die nicht wirklich etwas bedeuten" – so heißt, ins Deutsche übersetzt, die imposante Kugel von mehr als zwei Metern Durchmesser, die immer spannendere Reflexionen zeigt, je näher man ihr kommt. Sie thront auf einem Betonsockel, und immer wieder betrachten Passanten intensiv die unzähligen stählernen Objekte, die den Ball formen. Eine eindeutige Funktion haben die Kleinteile nicht – passend zum Titel des Kunstwerks. "Der Brite Ryan Gander verweist auf die menschliche Eigenschaft, alles Glänzende zu bewundern. Ihn faszinieren von Natur aus sein Spiegelbild und die parallele Realität", erklärt Sarah Zollmarsch die Intention des Opus' aus 2018, das in der flandrischen Gemeinde Koksijde-Oostduinkerke an der Gemeenteplein steht (Straßenbahnhaltestelle Koksijde Bad). Es ist Bestandteil einer besonderen Kunstroute: der Triennale Beaufort, die in diesem Jahr bereits zum sechsten Mal an der belgischen Küste stattfindet.

Der schöne Schein

Spiegel sind auch das tragende Element der Installation "Holy Land" (2006) des französischen Künstlers Kader Attia in Middelkerke-Westende. 40 Stück davon ragen an dem Strandabschnitt Höhe Zeedijk 23 (Haltestelle Middelkerke De Greeflplein) auf, ihre Anordnung wirkt zufällig, ihre Form erinnert an Surfbretter. Vom Wasser aus betrachtet, reflektieren die glatten Oberflächen sämtliche Blautöne des Himmels und des Meeres, teilweise abgesetzt durch das Gelb des weichen Sandes. Wer näher tritt, erblickt sich selbst. Die Rückseite der Spiegel indes ist schwarz, schluckt das Licht sowie alle Wunschbilder, die beim Betrachter auf der anderen Seite entstanden sein mögen. "Damit setzt Attia ein Denkmal für die mehr als 30.000 im Ersten Weltkrieg gefallenen Kolonialsoldaten, die für Europa kämpften, deren Nachfahren aber nie das Recht hatten, hier einzuwandern", beschreibt Zollmarsch. Gleichzeitig gelte dieser Erweis der letzten Ehre allen Flüchtlingen, die auf ihrem Weg nach Europa ertranken – ins gelobte Land, in dem alles möglich scheint und sämtliche Probleme verschwinden. "Wer vom Meer kommt, sieht etwas wunderschön Glänzendes. Aus der Nähe zeigen die Spiegel die Realität – und wer daran vorbeiläuft und zurückschaut, erlebt Ernüchterung. Alles ist schwarz. Das gelobte Land ist nicht so schön, wie es aus der Ferne schien." So verkörpere das Kunstwerk auch die Desillusion vieler Migranten.

Dass solche Gedanken an einem typischen Strand entstehen, macht Beaufort so besonders. Die Idee der Kunsttriennale am Meer setzten die Provinz West-Flandern und die Tourismuszentrale Westtoer erstmals 2003 um. Alle drei Jahre zieren seitdem diverse Skulpturen, Installationen und weitere künstlerische Projekte den 65 Kilometer langen Strandabschnitt der belgischen Region.

Mahnmale als Denkanstöße

"Beaufort 2018 stellt das Gewässer als unbeherrschbaren Ort dar, der uns aber auch mit dem Rest der Welt verbindet", sagt Zollmarsch. Zudem machen sich die 18 internationalen Künstler Gedanken um Denkmäler zum Thema und laden Betrachter ihrer Werke zur Auseinandersetzung darüber ein, wem zu Ehren Mahnmale eigentlich aufgestellt werden – und warum. Neu am Projektformat ist zudem, dass die Triennale den langfristigen Ausbau eines hochwertigen Skulpturenparks fördert. Zahlreiche Gemeinden haben die bisher ausgestellten Exponate bereits erworben und dauerhaft positioniert. Mehr: www.beaufort2018.be.