Sylt ist wild und schön, idyllisch und mondän – und kann auf bizarre Weise hässlich sein. Das zeigt der neue Bildband des Fotografen Thomas Henning.

"Eine Nordsee-Insel für alle", titelte die Kölner Boulevard-Zeitung "Express" kürzlich, als die Fluggesellschaft Eurowings bekannt gab, jetzt bis zu viermal wöchentlich Sylt anzufliegen – ab Köln/ Bonn. Was folgte, war eine Auflistung all der Gegensätze, die die weltberühmte Insel so zu bieten hat: "Kampen – die deutschen Hamptons" etwa, "Wenningstedt – der Familienort der Insel" oder "Rantum – Radfahren zwischen Wattenmeer und Nordsee". Würde man jedoch eine Umfrage auf der Straße durchführen, wofür Sylt allgemein steht, was den Menschen einfällt beim Klang dieses Namens, es wären wohl Champagner, Austern, Prominente und allerlei überkandidelte Bars und Restaurants. Vielleicht wäre auch das Lied der Ärzte noch dabei, die 1988 "Westerland" besangen, ironisch, spöttisch, sarkastisch.

Die 60.000 Gästebetten der Insel aber füllen längst nicht nur die oberen Zehntausend, und die 870.000 Gäste pro Jahr, die hier 6,51 Millionen Nächte verbringen, suchen bei weitem nicht alle Luxus und Prasserei. Sylt hat viele Gesichter, und einer, der mit seiner Kamera schon des Öfteren hinter das gut gepuderte Gesicht der Schickimicki-Insel geblickt hat, ist der Fotograf Thomas Henning.

Henning, 1952 in Lübeck geboren, wurde in Hamburg und an der Ostsee groß. Mit Anfang 20 zog er ins Hamburger Schanzenviertel, hier lebt er bis heute. Der studierte Kommunikationsdesigner arbeitet nicht nur als Fotograf, sondern auch als Grafiker und hat bereits Zeitschriften und Magazine entwickelt. Mit "Sylt" hat er jetzt einen Bildband veröffentlicht, der seine von der Straßenfotografie geprägte Bildsprache auf die Insel der Schönen und Reichen überträgt.

"Sylt ist wild und schön, idyllisch und mondän – und kann auf bizarre Weise hässlich sein", heißt es in der Ankündigung dieses Buches – was nicht bedeutet, dass die Arbeiten Hennings, die hier entstanden sind, nicht eine ganz eigene Schönheit und Ästhetik haben. Doch sind es eben nicht die Flaniermeilen und Boutiquen, die Bars und Restaurants, die weißen Strandkörbe und schönen Menschen, die uns in seinen Fotos begegnen. Stattdessen: verlassene Orte wie Minigolfplätze, Wäscheleinen im Wind, Sonnenuntergänge ohne das prächtige Farbenspiel üblicher Hochglanzaufnahmen, viel weiter Himmel und immer wieder die Architektur Sylts, die an vielen Stellen alles andere als prachtvoll, sondern ganz banal groß und klotzig wirkt.

"Während die üblichen Inselbilder vor allem auf besondere Naturinszenierungen mit dramatischen Licht- und Farbeffekten setzen, bleibt das Hinterland der Insel mit seinen Platten- und Zweckbauten und seiner weniger spektakulären Landschaft fast immer unterbelichtet", heißt es weiter zu dem Buch. Genau an diesen unterbelichteten Plätzen aber greift Henning zur Kamera. Da sehen wir abgehalfterte Wohnmobile vor unspektakulären Dünen, abstrus sauber gemähte Rasenstücke mit noch abstruserer Dekoration, Straßenlaternen im milchigen Dämmerlicht vor aufragenden Betonburgen oder verlassene Tennisplätze, auf denen weder Prominente noch sonst jemand spielen zu wollen scheint.

Hennings Blick ist dabei mehr als nur dokumentarisch. Es ist, als blicke er hinter die Kulissen eines Theaters – außerhalb der Spielzeit. Keine Sommerlaune kommt hier auf, keine Urlaubsstimmung und Sinn für Champagner und Austern erst recht nicht. Und doch strahlen seine Fotos einen Respekt aus, der zeigt, wie bewusst sich der Fotograf ist, dass Sylt aus eben mehr besteht als seinen Klischees. Sie zu hinterfragen, mit einem Schmunzeln auf das zu blicken, was hinter Kampen und Rantum liegt, ist ein Vergnügen. Und so wie Sylt heute eine "Insel für alle" sein will, ist dieser Band auch ein Buch für alle. Nicht nur für Sylt-Fans.