Mit "4 3 2 1" hat Paul Auster sein neuestes Buch vorgelegt – nicht nur vom Umfang her soll es sein Opus magnum sein.

Es ist ohnehin schon nicht leicht, einen Mann wie Paul Auster nicht ernst zu nehmen. 16 Romane hat der 1947 in Newark geborene Autor bis heute geschrieben, verheiratet ist er mit der ebenso erfolgreichen Schriftstellerin Siri Hustvedt – und gemeinsam führen die beiden in Brooklyn ein illustres Leben. Nimmt man allerdings Roman Nummer 17 in die Hand, der am 31. Januar 2017 erscheint, so weicht der Ernst, mit dem man Auster ohnehin schon begegnet, einer Form der Ehrfurcht. 1264 Seiten hat dieses Buch mit dem Titel "4 3 2 1", es ist, das steht außer Zweifel, ein Wälzer.

Darin erzählt Auster die Geschichte von Archibald Ferguson, der einfach nur "Archie" genannt wird und im Newark der 1950er- Jahre aufwächst. Ihn begleitet Auster durch die Jahrzehnte und erzählt in vier verschiedenen Versionen das Leben dieses Mannes, der durchaus etwas Geniales hat, etwas von einem Besessenen – und in diese vier Erzählungen packt Auster alles, was ein ergreifender Roman braucht: Abenteuer, Liebe, Schicksalsschläge und die Suche nach dem Glück.

Ein Bildungsroman des 20. Jahrhunderts

Austers größte Stärke: Er schafft es trotz des Umfangs, einen Roman vorzulegen, der sich erstaunlich flüssig liest – und an dessen Ende man sich fast schon wünscht, er wäre noch etwas dicker. Auf Basis einer klassischen Coming-of-Age-Geschichte, eines Bildungsromans des 20. Jahrhunderts, entspinnt Auster ein Universum an Figuren und Querverweisen, an historischen Bezügen und Zufälligkeiten.

Dabei bleibt seine Sprache gewohnt leicht, ohne beliebig zu wirken, zeichnet er seine Charaktere fein und selbst die flüchtigsten Begegnungen mit ihnen nie oberflächlich. Dabei stellt Auster eine Frage, die sich wohl jeder Mensch schon einmal gestellt hat – wodurch "4 3 2 1" allen kulturellen und zeitlichen Unterschieden zum Trotz zu einem allgemeingültigen Buch wird: die Frage "Was wäre, wenn ...?". Auch Archie stellt sich diese Frage, voller Neugier und Faszination: "Was für ein interessanter Gedanke, sich vorzustellen, wie für ihn alles anders sein könnte, auch wenn er selbst immer derselbe bliebe."

Was wäre, wenn ...?

Das, was da anders ist in diesem Buch, ist eben die Annahme, wie Zufälle unser Leben verändern könnten – oder hätten verändern können. Bei Archie sind es die Orte, an denen seine Eltern sesshaft werden, und Auster folgt diesen vier Orten und beschreibt, was hätte passieren können, wenn Archie nicht aufgewachsen wäre, wo er aufgewachsen ist. Oder: Beschreibt Auster, was passiert ist?

Es ist ein einfallsreicher Kniff, mit den Möglichkeiten der Literatur, der Fantasie, derart kunstvoll umzugehen, dass aus einem 1264 Seiten starken Buch eigentlich vier Bücher werden. Und so ist der Titel nicht nur der Countdown von Archies Leben, er ist auch Verweis auf diese wunderbare Struktur. Es mag Momente geben, in denen der Leser sich überfordert fühlt von dem, was er da in Händen hält.

Es mag sogar Momente geben, in denen ihn der Protagonist, dem Auster sich da auf Überlänge widmet, langweilt. Doch am Ende hat er ein Universum überblickt, eine, nein vier Geschichten, die mehr sind als Unterhaltung, die etwas über unsere Welt, unsere Möglichkeiten, unseren Blick auf das Leben verraten. Außerordentlich.