Das Attentat auf die Redaktion des Satire-Magazins Charlie Hebdo hat Narben hinterlassen – vor allem bei den Überlebenden.

Hätte Catherine Meurisse am 7. Januar 2015 morgens nicht ihren Bus verpasst – sie wäre heute vermutlich tot. Doch während sie in Paris an der Haltestelle wartet und darüber nachdenkt, was an diesem Tag alles zu tun sein würde, dringen zwei Männer in die Redaktionsräume ihres Arbeitgebers, des Satiremagazins "Charlie Hebdo", ein und erschießen zwölf Menschen.

Wie geht man mit einem solchen Ereignis um? Wie lebt und arbeitet man weiter, nachdem zwölf Kollegen und Freunde das Leben verloren haben? Wenn man Catherine Meurisse ist, dann so, wie man auch sonst mit dem Leben umgegangen ist und wie man gearbeitet hat: mit Zeichnen.

"Charlie Hebdo – Der Weg zurück ins Leben"

Zwei Jahre später ist aus diesem Zeichnen, aus diesem Umgang mit dem Leben und Überleben, ein Buch geworden. Sein verblüffender Titel: "Die Leichtigkeit". Auf dem Cover: ein kleiner, schwarzer Aufkleber. "Charlie Hebdo – Der Weg zurück ins Leben" steht darauf. Und dieser Weg, er hat 144 bewegende, berührende, aufrüttelnde Seiten voller Melancholie, aber auch: voller Leichtigkeit.

Diese Leichtigkeit, sie steckt in der Feder von Catherine Meurisse, die ihr Buch wie einen Roman aufzieht, bei dem aber fast jede Seite auch für sich funktioniert. Und mit dieser Feder erzählt sie die vergangenen zwei Jahre, von eben jenem Morgen, an dem sie an der Bushaltestelle sitzt, über das Attentat, das sie selbst "Massaker" nennt, und die Erlebnisse der folgenden Monate. Sie berichtet von den Blockaden und den Ängsten, den Albträumen und den Hoffnungen, sie berichtet in Rückblenden vom Beginn ihrer Karriere als "Pressezeichnerin", von ihrer Therapie und davon, wie es ist, als Überlebende weitermachen zu wollen, aber nicht zu können – und irgendwann doch einen Weg zu finden.

Mal schwarz-weiß, mal gleißend bunt zeichnet sie, was sie fühlt und sieht, aber auch, was sie nicht mehr fühlt. "Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Ich schwebe im Nichts", sagt sie da. Oder: "Mir ist, als würde ich meiner eigenen Implosion zuschauen."

Doch irgendwann, da springt die Leichtigkeit von der Feder auf das über, was man statt Erzählung nur Geschichte nennen kann. Da gibt es diesen Tag, als Meurisse die Straße entlangläuft, in einer Gedankenblase stehen Sätze wie "Das Licht des Sommers hat mir neue Kraft geschenkt", und mit dieser Gedankenblase biegt sie ein in die Rue Nicolas Appert, in der alles passiert ist. "Am Anfang der Straße ist etwas Neues ... Eine riesige Mauer der Furcht" steht da über den Bildern. Doch Meurisse geht weiter, sie stellt sich dem Ort, der nicht mehr ihrer ist, sie träumt von einer "Operation Revanche", die mit den Mitteln der Zeichner kämpft statt mit Waffen, formuliert Sätze wie "Die Massaker treiben mich an", findet in einen Rhythmus, philosophiert über Gewalt, Kunst und Revolte.

Ein Comic-Roman, der tief geht

Es mutet seltsam an, ein solches Buch wundervoll zu nennen, ist es doch aus barbarischer Gewalt entstanden, aus Schmerz und Tod. Und doch ist "Die Leichtigkeit" genau das: wundervoll. Es ist ein Comic-Roman, der tief geht, weil er nichts auslässt. Die Trauer nicht, die Verzweiflung nicht und die Ratlosigkeit nicht, mit der die Tat viele Menschen zurückgelassen hat. Vor allem aber lässt er den Humor nicht aus.

"Schämt ihr euch nicht, in eurem Schmierenblatt über den Tod anderer zu lachen?", fragt eine Dame die Figur der Zeichnerin in einer Rückblende. "Und wenn euch so was passieren würde?" Die Antwort, sie sitzt, und sie könnte so auch das Motto dieses Buches sein: "Wenn uns so was passieren würde, würden die Toten die Lebenden bitten, für sie zu lachen!"

Und so ist es nicht verwunderlich, dass man ganz zum Schluss, auf der letzten Seite, meint, im Gesicht von Catherine Meurisse nicht nur ein zartes Lächeln, sondern sogar so etwas wie Zufriedenheit zu entdecken.