Fast täglich kommt ein neuer Gin auf den Markt. Was alle eint, ist der Wacholder. Dahinter wird’s individuell.

Streng genommen war Gin – oder ein klarer Wacholderschnaps – bis vor wenigen Jahren ein Allerweltsprodukt. Doch wie beim Bier (Craft Beer) oder den Kaffeeröstern wurde die Spirituose dank eigenem "storytelling" in kurzer Zeit zum Kult objekt. Kaum eine (Groß-)Stadt, kaum eine Region kommt heute ohne eigene Gin-Marke aus. Start-up-Unternehmen reüssieren genauso wie seit Generationen geführte Kornbrennereien.

Was die Gin-Erfolgsstory ausmacht? Beim Gin geht es nicht um den schnellen Alkohol- Kick. Wer Gin trinkt, will ihn genießen. Also langsam die Weiche der Wacholderspirituose auf der Zunge zergehen und die Aromen im Munde entfalten lassen. Hinzu kommen seine Vielseitigkeit und die Tatsache, dass Gin den Geschmack anderer Cocktailzutaten fördert, statt ihn zu überdecken. Und: Es ist immer häufiger ein regional geprägter Genuss mit Wiedererkennungswert.

Kein Wunder also, dass Gin die wichtigste Spirituose jeder Cocktailbar ist. Vorbild für fast alle ist dabei wohl "Monkey 47". Alexander Stein und Christoph Keller haben die Geschichte des Gins anno 2008 zwar nicht neu erfunden, aber auf ganz eigene Weise Geschichte geschrieben.

47 verschiedene pflanzliche Zutaten

Die Liste der Preise für den Gin aus dem Schwarzwald ist lang. Der Bedeutendste: "Monkey 47" wurde zum besten Gin der Welt gekürt! Er schmeckt natürlich wunderbar nach Wacholder, hat aber auch Zitrus- und pfeffrige Noten. Rekordverdächtige 47 verschiedene pflanzliche Zutaten – die sogenannten "Botanicals" – haben den Weg in die Flasche gefunden. Das Wasser der brennereieigenen Quelle nahe Alpirsbach wird neben Wacholder durch Fichtensprossen, Hagebuttenschalen, Koriander, Kardamom, Gewürznelken, Mandeln, Ingwer, Ceylon-Zimt, Süßholz, Lavendel und Zitronenmelisse geadelt.

Bezüglich der geschmacksgebenden Gewürze und Kräuter gibt es übrigens keinerlei Beschränkung. Der "Wunderburg Dry Gin" des Müncheners Christian Georg Schumm beispielsweise bekommt seinen besonderen Kick durch das hierzulande beinahe in Vergessenheit geratene Süßholz.

Beim Siegfried Rheinland Dry Gin sorgen – neben 18 weiteren Kräutern und Gewürzen – Lindenblüten für den Unterschied. Geradezu exotisch wird es beim Tonka Gin des Hamburgers Daniel Soumikh. Die Verfeinerung des Gins mit 22 "Botanicals" und der aphrodisierenden Tonkabohne verleiht der außergewöhnlichen Spirituose den Geschmack von Vanille und Limette.

Mitunter treibt der Run auf den Gin skurrile Blüten: Mit "Private Gin" gibt es ein Produkt auf dem Markt, das es jedem ermöglicht, sich seinen eigenen Gin zu kreieren. In einer "Private Gin Box" sind neben einer Flasche zum Abfüllen der fünffach destillierten Gin Base auch acht ausgewählte Gewürze enthalten: Da kann der Gin-Liebhaber beliebig und ganz nach seinem Geschmack mixen.

Die eher bernsteinfarbene Wacholderspirituose "Cruzeiro do Sul" hingegen kommt direkt von der MS Europa 2, die mit 37 verschiedenen Gin-Sorten wohl über das umfangreichste Angebot auf See verfügt. Während das Luxusschiff im Sommer 2015 in 13 Tagen entlang der Westküste Europas von Hamburg nach Lissabon fuhr, reifte in vier großen Eichenfässern auf der Terrasse der Sansibar am Schiffsheck das besondere Destillat. Entstanden ist der milde Geschmack des Gins durch die Temperaturunterschiede zwischen kühlen Nächten und heißen Tagen. "Cruzeiro do Sul" enthält Noten von Vanille, Karamell und Orange, zudem Nuancen von Koriander.

Gewürze machen den Unterschied

Jeder Gin hat seine ganz eigene Rezeptur. Die individuelle Zusammenstellung der Zutaten und Aromen ist dabei stets geheime Kommandosache. Schaut man sich die Herstellung von Gin an, sind es die einzelnen Gewürze, die den Unterschied machen.

Ohne Wacholder geht dabei nichts, denn ohne Wacholder auch kein Gin. Neben den verschiedenen Wacholdersorten finden zahlreiche „Botanicals“, also Kräuter und Gewürze, den Weg in den Gin. Ohne Zitrusschalen geht da nichts, Zitronen, Limetten, Grapefruits oder Orangen sind fast immer dabei.

Nicht zu vergessen sind pfeffrige Gewürze, um den Gin zu balancieren: Koriander und Paradieskörner finden den Weg in fast alle Gins. Einigen der Botanicals werden gar Heilkräfte zugeschrieben.

Ein Gin Tonic besteht zum überwiegenden Teil nicht aus Gin, sondern aus Tonic Water. Lange Zeit gab es in diesem Bereich neben "no name"-Produkten nur einen großen Player auf dem Markt. Doch in den letzten Jahren werden mit neuen Gin-Produzenten auch neue Ideen und Impulse für Tonic Water in den Markt gespült. Tonic und Gin sind nicht zu trennen. Gäbe es keinen Gin, würde das eher bittere Tonic Water weniger Fans finden. Und ohne Tonic würde Gin vermutlich eher zu den Kuriositäten englischer Trinkgewohnheiten zählen.

Welcher Gin und welches Tonic Water gehen eine Traumehe ein? Schnell stellt man fest, dass die Gin-Geschmäcker unterschiedlich sind. Manche mögen ihren Gin lieber mit einer Zitrusnote, andere suchen bewusst das klassische Wacholderaroma.

Einig sind sich alle nur in einem: Nur hochwertige Zutaten führen zu einem hochwertigen Ergebnis. Und das gilt auch für das Tonic Water. Viele Tonics sind von künstlichen Aromen und Süßstoffen geprägt. Dass es anders geht, zeigen Unternehmen, die das Chinin aus der Rinde des "Fever Tree"-Baumes gewinnen. Es verleiht dem Tonic Water seine natürliche Bitterkeit – und entfaltet obendrein eine schützende Wirkung gegen Malaria.